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Freitag, 20. April 2018

Bizet, Georges - Klavierwerke

Unbeliebig


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Johann Blanchard gelingt auf einem Steinway des Jahres 1901 ein klanglich herrlich fein schattiertes Plädoyer für Bizets Klaviermusik.

Johann Blanchard und ein Steinway Concert Grand von 1901 – eine fast unwiderstehliche Kombination. So beglückt mich die vorliegende Produktion noch vor dem ersten gehörten Ton, auch weil das Booklet so ansprechend und informativ daherkommt. Die klanglich herrliche SACD-Produktion einer Auswahl von Klavierstücken Georges Bizets hat also einen würdigen Rahmen und überzeugt auch interpretatorisch rundum.

Natürlich ist Bizet nicht als Komponist für Kammerensembles oder Klavier bekannt, darum ist die vorliegende Einspielung eine umso größere Entdeckung, auch weil sie für jede Nachfolgeproduktion die Latte extrem hoch setzt. Selbst wenn es sich um eine Auswahl handelt, kann man hier wohl von einer Referenzproduktion sprechen. Gerade im Vergleich zur Gesamteinspielung von Julia Severus (Naxos), die bei den beiden Werken, die auch Gould vorgelegt hat, vergleichsweise eher akademisch denn kongenial ist, bietet Blanchards Klangfarbigkeit, seine Anschlagsraffinesse, seine feine Phrasierung ein Vielfaches an Ausdrucksvielfalt. Selbst so scheinbar Nebensächliches wie die 'Grande Valse de Concert' op. 1 erlangt eine kultivierte Eleganz, die den Ruch des Belanglos-Salonhaften weiträumig umschifft. Und selbst wenn die extremen Diskantregister ein wenig dünn werden – das Instrument (wenn auch keines aus Bizets Schaffenszeit) eröffnet Dimensionen, die moderne Steinways schlicht nicht bieten können. Blanchard überfrachtet die Musik aber auch nicht mit Effekten und Akzenten, lässt sie vielmehr aus sich selbst heraus wirken. Dennoch wünscht man sich manchmal ein doch noch etwas stärkeres Fortissimo bzw. eine Steigerung, in der Blanchard ganz auf Risiko geht.

Die wohlige, gleichzeitig mondumstrahlt nächtliche Atmosphäre, die Blanchard in den beiden Nocturnes F-Dur op. 2 und D-Dur kreiert, konnte selbst Glenn Gould im Fall von Op. 2 nicht einfangen (im Gegenteil wirkt sein Spiel im direkten Vergleich immer noch fast hart, bei aller feinen dynamischen Schattierung – eindeutig Folge der Wahl des Instruments). Gleiches gilt für eine der drei Hauptkompositionen auf der SACD, die 'Variations chromatiques de concert' aus dem Jahr 1868 – jede der Variationen erhält ganz eigenen Klangcharakter, der durch das Instrument bestens unterstützt wird. Hier zeigen sich ganz besonders die Stärken wohl sowohl des Instruments als auch des Interpreten. Der Reichtum dieser Komposition allein, in der vorliegenden Interpretation, würde diese Produktion schon rechtfertigen.

Stilistisch verwandt scheint eine weitere eher ungewöhnliche Komposition, die 'Chasse fantastique' (Fantastische Jagd), über deren Entstehung man im Booklet leider nicht allzu viel erfährt, die man aber in zu unmittelbarer Parallelisierung zu Webers Wolfschluchtszene eher ungebührlich abwerten würde – die Abgründe lauern hier ganz woanders und sind teilweise auch ganz anderer Art.

'Chants du Rhin' (Lieder vom Rhein) nennt Bizet sechs Lieder ohne Worte aus dem Jahr 1865, die als Hommage an den kurz zuvor verstorbenen Dichter Joseph Méry zu verstehen sind. Das Wort war hier unmittelbare Inspiration für den Ton, und der elegante und distinguierte Ton der Musik schlägt eine klare Brücke zu Mendelssohn und der deutschen Klaviertradition – gerade wenn, wie in der vorliegenden Interpretation, die auch klanglichen Reverenzen oder Referenzen unmittelbar deutlich gemacht werden.

Am wenigsten erscheint dem Rezensenten die Klavierfassung der ersten 'L‘Arlésienne'-Suite; wer einmal die vollständige Schauspielmusik gehört hat, dem erscheinen schon die Orchestersuiten fast banal. Die vorliegende Klavierfassung, die eher für den Hausmusikgebrauch denn für den Konzertsaal geeignet scheint, erschien erst nach Bizets Tod im Druck – ein Zeichen, dass auch der Komponist sie nicht für derart bedeutend hielt? Aus diesem Grund ein kleiner Abstrich in Sachen Repertoirewert dieser ansonsten mustergültigen Produktion.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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    Bizet, Georges: Klavierwerke

Label:
Anzahl Medien:
MDG
1
EAN:

760623201863


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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