> > > Rossini, Gioachino: Adelaide di Borgogna
Freitag, 22. September 2017

Rossini, Gioachino - Adelaide di Borgogna

Italienisches Mittelalter aus dem Schwarzwald


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dieser Mitschnitt von Rossinis selten zu hörender 'Adelaide di Borgogna' zeigt eine weitgehend untadelige Umsetzung, ohne aber ein flammendes Plädoyer für diese Ritteroper zu bieten.

Das zweiaktige Dramma per musica 'Adelaide di Borgogna' (1817) gehört wie die meisten Kompositionen Gioachino Rossinis in diesem Gattungsbereich nicht zu seinen bekanntesten Schöpfungen. Wir haben hier eine ‚Ritteroper’ im Stil der Zeit – nicht ganz unähnlich im Sujet etwa Schuberts 'Fierrabras' –, in der uns der deutsche Kaiser Otto[ne] (als Hosenrolle), die Witwe des Königs von Italien (die titelgebende Adelaide), der Belagerer Canossas Berengario und sein Sohn Adelberto in den Hauptrollen entgegentreten. Vergleicht man Rossinis 'Adelaide' und Schuberts 'Fierrabras', so mag Rossinis Oper bühnenwirksamer und musikalisch kurzweiliger sein, doch scheint sie vom Libretto (Giovanni Schmidt) nicht viel überzeugender. Der Tenor ist aber nicht der deutsche Kaiser, sondern der Sohn Berengarios. Der 1984 geborene Bulgare Gheorge Vlad ist regelmäßig bei den Rossini-Festspielen im badischen Bad Wildbad zu erleben, wo seit mittlerweile Jahrzehnten vor allem Raritäten (nicht nur von Rossini) ihre Wiederaufführung erleben. Vlad verfügt über einen angenehmen Tenore di grazia, der in der extremen Höhe vielleicht etwas dünn werden mag und nicht so virtuos ist wie die besten Rollenvertreter, sonst aber rundum erfreulich anspricht und über zahlreiche dynamische Schattierungen verfügt. Ähnliches gilt für die 1987 geborene russische Mezzosopranistin Margarita Gritskova (Ottone), seit 2012 Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper; sie ist eine angemessene Nachfolgerin der großen Rossini-Mezzosopranistinnen der vergangenen Jahrzehnten. Dramatische Durchschlagskraft, ein großer Ambitus, eine große Menge an Klangfarben, basierend auf einem warmen und angenehmen Fundament, feines dynamisches Gespür und virtuose Geläufigkeit ergeben ein rundum überzeugendes Gesamtpaket.

Die russische Sopranistin Ekaterina Sadovnikova war bereits an diversen großen europäischen Opernhäusern zu erleben. Sie erfüllt die Titelrolle mit Leben und dramatischer Kraft. Als Rossini-Sängerin überzeugt sie aber nur eingeschränkt; zu häufig intoniert sie nicht sauber, bietet zu viel Vibrato, und auch ihr Stilgefühl lässt teilweise deutlich zu wünschen übrig. Dennoch gehört sie nicht zu den schlechtesten Rollenvertreterinnen, verfügt etwa über feine Piani, auch wenn sie in vielen (vor allem begleiteten) Verzierungen eher unsicher erscheint.

Der aus Kasachstan stammende Bassbariton Baurzhan Anderzhanov ist seit 2013 Ensemblemitglied an der Oper Essen; er verfügt über eine erfreulich gepflegte, balsamisch warme Stimme, klingt nie vulgär, dennoch angemessen bedrohlich; dass seine Virtuosität nur bedingt ausgeprägt ist, weist ihn als nicht genuinen Rossini-Sänger aus. Miriam Zubieta (Berengarios Frau Eurice) bietet saubere Koloraturen, aber eindimensionale Klanggestaltung, außerdem ergänzen Xasushi Watanabe als früherer Gouverneur von Canossa und Cornelius Lewenberg als Offizier Ottones das Ensemble. Dem Camerata Bach Chor aus Poznan mangelt es immer wieder etwas an Attacke, er singt zu schön, zu wenig dramatisch überzeugend. Dagegen erfreuen die Virtuosi Brunensis und der Rezitativbegleiter Michele D’Elia (Hammerklavier) durch feines dramatisches Gespür und sorgsam austarierte Balance. Luciano Acocella hält die Fäden souverän in der Hand und erweckt die neue wissenschaftliche Notenausgabe der Oper zu dramatischem Leben; dennoch erweist sich die Interpretation insgesamt (etwa im Vergleich zu der jüngst auf DVD aus Pesaro vorgelegten Ausgabe) in allen Punkten als eher tentativ denn autoritativ.

Leider beeinträchtigt das Live-Erlebnis (Regie Antonio Petris) auch aufnahmetechnisch das musikalische Erleben deutlich; ein Libretto gibt es nur im Internet. Da aber auch die Opera-Rara-Produktion nicht in allen Punkten überzeugend ist, haben wir hier eine günstige, wenn auch keineswegs als Reverenz geeignete Einspielung der musikalisch gefälligen, aber nicht bedeutsamen Partitur.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Rossini, Gioachino: Adelaide di Borgogna

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
2
09.06.2017
EAN:

730099040174


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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