> > > Lehár, Franz: Der Graf von Luxemburg
Donnerstag, 19. Oktober 2017

Lehár, Franz - Der Graf von Luxemburg

Lehár-Graf und Wagner-Diva


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dieser neue 'Graf von Luxemburg' kann erstaunlich viel: Er vermittelt Freude am Genre, er ist musikalisch auf hohem Niveau angesiedelt und kann sogar eine zentrale Besetzungsschwachstelle als ungewöhnlichen Coup verkaufen.

In den vergangenen Jahren hat es Franz Lehárs 'Der Graf von Luxemburg' immer wieder in diversen Livemitschnitten oder gar Studioaufnahmen bei cpo und auch Oehms auf Tonträger geschafft. Das Label Oehms legt jetzt elf Jahre später sogar mit einem weiteren Mitschnitt nach: der Frankfurter Erstaufführung vom Jahreswechsel 2015/2016. Was den letzten Studioproduktionen fehlt, hat dieser auf zwei CDs erschienene 'Graf' fraglos – zugkräftige Namen, die sich für diese leichtfüßige Salonoperette einsetzen. Das Ergebnis kann sich hören lassen, wenn es auch bei weitem nicht an die klingenden Charmeoffensiven älterer Aufnahmen mit Lucia Popp, Nicolai Gedda oder gar Rudolf Schock und Erika Köth oder Margit Schramm heranreicht.

Der größte Pluspunkt der Frankfurter Aufnahme ist die Besetzung der Titelpartie mit Daniel Behle. Er bringt genau jene Form der Leichtigkeit und zugleich Seriosität mit, die Lehárs Musik und vor allen Dingen das Genre an sich dringend benötigen. Mal elegant, mal lustvoll ausgelassen, aber stets mit der richtigen Dosis an Geschmack und Eloquenz. Behle ist vielleicht nicht wirklich der leichtsinnige Lottergraf, den die Handlung ankündigt, aber er ist ein definitiv attraktiver Adeliger mit einer herrlichen Tenorstimme. Was Charme und Koketterie angeht, wäre bei Behles Interpretation noch etwas zu holen, aber das mag man ihm bei diesem musikalisch und sprachlich überzeugenden Gesamtpaket nur bedingt vorwerfen.

Auch Eun Sun Kim sorgt mit ihrem straffen Dirigat für die nötige Zündkraft. Die flotten Tempi befördern den Konversationston, aber auch den lyrischen Passagen gönnt sie genügend Raum. Dabei gleitet sie aber nie in die Kitschecke ab, was man als besonders wohltuend hervorheben muss. Sentimentalität befällt die Figuren dieser Operette, nicht aber die Musiker. Kim wägt die Emotionen ab, lässt die Fäden mal lockerer, mal reißt sie die Zügel wieder an sich. Süßlich ist dieser Lehár kaum, eher augenzwinkernd mit Zuneigung bedacht – eine beeindruckende Leistung in diesem Genre der dauernden Gratwanderungen. Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester folgt der jungen Dirigentin mit viel Energie und hörbar guter Laune, und die überträgt sich auch auf das Publikum.

Viel Beifall erklingt am Ende jeder einzelnen Nummer, was die Wirksamkeit dieser konzertanten Aufführungsserie beweist. So manche solistische Leistung muss deshalb live vermutlich anders bewertet werden als beim puren Hörerlebnis. Hier schneidet beispielsweise der Fürst Basil von Sebastian Geyer nur bedingt positiv ab, weniger aufgrund seiner stimmlichen Qualitäten, sondern weil sich der unmittelbare humoristische Zugriff auf so manche Gesangspassage ohne Mimik und szenischen Vorgang nicht übertragen will. Den komischen Alten gibt er als hörbarer Publikumsliebling, auf CD gestaltet sich vor allem der erste Akt geschmacklich fragwürdig. Im zweiten und dritten Akt wird die vokale Gestaltung schlichter und damit auch glaubwürdiger.

Absolut rollendeckend ist das quirlige Buffopaar Louise Alder und Simon Bode als Juliette und Armand unterwegs. Alder verfügt über eine vorbildliche Artikulation und ein attraktives Timbre, das ihre Juliette ungemein attraktiv macht. Glockenhell und kokett serviert sie ihr Chanson im ersten Akt und befeuert auch die Duette und Ensembles mit ihrem Temperament. Auch Simon Bode macht als Armand mit guter Höhe und hellem Spieltenor eine gute Figur.

Die Achillesferse der vorliegenden Doppel-CD ist aber die Besetzung der Angèle Didier mit der im Wagner- und Strauss-Fach gefeierten Sopranistin Camilla Nylund. Ihre vokalen Qualitäten kann sie in Lehárs Partitur kaum präsentieren, vielmehr ist sie laufend dabei, die Musik nicht mit ihrem deutlichen Vibrato und fehlender Agilität zu verletzen. Sie mag zweifelsohne selbst Freude an dieser Operetten-Aufgabe gehabt haben, aber ein wirklicher Hörgenuss ist es leider nicht. "Wir sind füreinander bestimmt: Sopran – Tenor!" extemporiert Daniel Behle in der großen Szene mit Nylund, aber in Wahrheit sind die beiden ein ziemlich unausgewogenes Paar: Behles schlanker, aber kerniger Zugriff und dagegen Nylunds überdimensionierter Gesang, der zwischen effektvoll und fehlbesetzt schwankt. Sie hat eine gute Diktion, viele Töne entwickeln sogar eine schöne Leuchtkraft – aber all diese Momente fügen sich nicht ins Gesamtbild. Leise, zarte Phrasen klingen hübsch, lang gehaltene Töne im oberen Bereich künden von so manch gesungenen Sentas, Elsas und Konsorten. Ja, diese Angèle Didier ist eine wirkliche Diva, aber leichtfüßigen Charme und vokalen Sexappeal hat sie eben nicht, zumindest nicht aus der Tonkonserve. Hier fühlt man sich viel zu oft an die misslungenen Operettenausflüge von Gwyneth Jones oder Hildegard Behrens in der 'Lustigen Witwe' erinnert.

Die Nebenrollen sind mit Ludwig Mittelhammer, Ingyu Hwang und Gurgen Baveyan tadellos besetzt. Und als Stasa Kokozow tritt im letzten Akt dann ein Frankfurter Urgestein in große Fußspuren von Vorgängerinnen wie Gisela Litz, Jane Tilden oder Ljuba Welitsch: Margit Neubauer räumt mit 'Alles mit Ruhe genießen' förmlich ab. Der raue Chansonton passt hervorragend zur lebenserfahrenen Gräfin und in diesen vier Minuten wird der doppelbödige Zauber der Operette lebendig. Denn Neubauer findet, ähnlich wie Daniel Behle in seiner Souveränität, diesen unverfrorenen Tonfall, der höheren Blödsinn verspricht und doch größte Ernsthaftigkeit suggeriert.

Schlussendlich kann dieser neue 'Graf von Luxemburg' erstaunlich viel: Er vermittelt durchaus Freude am Genre, er ist musikalisch auf hohem Niveau angesiedelt und kann sogar eine zentrale Besetzungsschwachstelle als ungewöhnlichen Coup verkaufen, den man zähneknirschend in Kauf nimmt. Die Dialoge sind leider nicht vorhanden, eine Inhaltsangabe hilft aber weiter. Wieder einmal ist die alte Mattes-Aufnahme von 1968 nicht vom Sockel gestoßen worden – vielleicht beim nächsten Mal.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Lehár, Franz: Der Graf von Luxemburg

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
OehmsClassics
1
28.07.2017
EAN:

4260034869684


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OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


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