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Mittwoch, 20. September 2017

Fall, Leo - Brüderlein Fein

Biedere Altersliebe


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Alt-Wiener Sujets waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Mode. Mit diesem Hintergrundwissen muss man auch die Neueinspielung beim Label cpo hören, um nicht kopfschüttelnd die Stopp-Taste zu bedienen.

Das berühmte Lied vom 'Brüderlein fein' aus Ferdinand Raimunds Schauspiel ‚Der Verschwender‘ stand Pate für Leo Falls kleinen Operetten-Einakter, den er 1909 für das Cabaret ‚Die Hölle‘ in Wien schrieb. Diese als Altwiener Singspiel bezeichnete Episode ist vom Sujet dem Zeitgeschmack geschuldet, sich in Zeiten der Moderne wieder ins biedermeierliche Wien zurückversetzen zu lassen, wo noch alles in bester Ordnung war. Mit diesem Hintergrundwissen muss man auch die Neueinspielung beim Label cpo hören, um nicht kopfschüttelnd die Stopp-Taste zu bedienen. Das liegt nicht einmal nur an der sentimentalen und schwer verdaulichen Handlung, sondern auch an der bemühten Interpretation der Solisten.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Der Domkapellmeister und Komponist Josef Drechsler und seine Ehefrau Tony feiern ihren vierzigsten Hochzeitstag. Die Melodie 'Brüderlein fein' geht Drechsler nicht mehr aus dem Kopf, und auch seine Frau, die liebevoll einen perfekten Gugelhupf gebacken hat, schwelgt in Erinnerungen. Da greift die Haushälterin Gertrud zur zaub’rischen Fiedel der Jugend – auch ein Motiv aus Raimunds ‚Verschwender‘ – und lässt das alte Ehepaar noch einmal ihre Hochzeitsnacht erleben. Das klingt pikanter als es ist, denn das alt-junge Paar erinnert sich vor allen Dingen ans Walzertanzen. Beide erwachen aus ihrem Jugendtraum und brechen zur Messe auf.

Damals blieb in Wien nach diesen gefühlvollen 40 Minuten kein Auge trocken und 'Brüderlein fein' erlebte nach der Uraufführung weitere 113 Vorstellungen in der sonst so verruchten ‚Hölle‘. Um etwas von diesem Effekt nachvollziehen zu können, muss man die alte WDR-Aufnahme von 1956 mit Ferry Gruber und Gretl Schörg hören. Diese zeigt deutlich, dass es sich bei Falls Biedermeier-Episode um ein fein ausbalanciertes Werk handelt, das nach wahren Charakterdarstellern verlangt. Das Alter der handelnden Personen steht akustisch nicht zwingend im Vordergrund, sondern die Emotionalität vor dem Hintergrund eines langen gemeinsamen Lebens.

In der Neuaufnahme des WDR – so neu ist sie auch wieder nicht, sie stammt vom März 2012 – verlegen sich die Solisten eher auf vokales Alter als auf leise mitschwingende Lebenserfahrung. Vor allem die Sopranistin Anke Krabbe ist als Tony gewöhnungsbedürftig. Die Stimme klingt matt und farblos und eben auch recht ältlich. Das mag zur Rolle durchaus passen, ist aber im Hinblick auf musikalischen Genuss kontraproduktiv. Die Töne werden ungenau angesteuert, und man ist ständig dabei, eine Entschuldigung für die bestimmt verdienstvolle Sängerin zu finden. Was einer alternden Operettendiva vielleicht noch als Charme ausgelegt werden könnte, verpufft bei Anke Krabbe in einer bemühten Darstellung, die zu allem Überfluss auf das rein Akustische reduziert ist. Zudem fallen die betulichen Dialoge in ihrem haarsträubenden Versuch, Wienerisch zu produzieren, unangenehm ins Gewicht.

Da hat es der Salzburger Tenor Michael Roider leichter. Zumindest kann er den Sprachduktus idiomatischer gestalten. Auch gesanglich schafft er es, einen gewissen Zauber zu entwickeln. Sein Tenor klingt ebenfalls ein wenig ältlich, was er aber nicht betont oder interpretatorisch überstrapaziert. Andrea Bönig klingt als Gertrud erstaunlich hell timbriert, was einen minütlich zweifeln lässt, ob die gedruckte Besetzung wirklich korrekt ist (oder ob nicht doch die bis vor Kurzem noch immer als 'Rosenkavalier'-Sophie aktive Anke Krabbe als Gertrud agiert und Andrea Bönig die mezzofarbene Tony gibt?). Henning Freiberg führt als Erzähler durch das hanebüchene Geschehen.

Mit feinem Gespür für die musikalischen Schönheiten von Leo Falls Partitur agiert Axel Kober mit dem WDR Funkhausorchester Köln. Hier funkelt jener Zauber und regiert die notwendige Operettenleichtigkeit, die selbst 'Brüderlein fein' in die Reihe der wichtigen Fall-Operetten einreihen könnte. Mit einer gewaltigen Brise Witz und Ironie wäre nämlich sogar diese sentimentale Altersliebe erträglich. Und wie unverschämt und humorvoll Leo Fall mit dem Genre umgehen konnte, beweist die in dieser Aufnahme vorangestellte Festouvertüre für die Operetten-Festspiele in Mannheim 1907. Hier jongliert der Komponist gekonnt mit berühmten Zitaten von Offenbach bis Sullivan, um im Finale ungeniert den 'Bettelstudent' auf die 'Fledermaus' treffen zu lassen, urkomisch und geradezu genial. Zudem ergänzt ein historischer Bonus-Track dieses 'Brüderlein fein': Falls Walzer 'Leben und lieben' unter der Leitung von Franz Marszalek aus dem Jahr 1961. Da werden Sehnsüchte wach!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Fall, Leo: Brüderlein Fein

Label:
Anzahl Medien:
cpo
1
EAN:

761203779628


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Fall, Leo
 - Brüderlein Fein - Musikalischer Prolog
 - Brüderlein Fein - Wir schreiben das Jahr 1850
 - Brüderlein Fein - O schau, o schau! Ist das a Frau!
 - Brüderlein Fein - Und freust Du dich den gar net
 - Brüderlein Fein - Kannst dich noch erinnern, Weiberl?
 - Brüderlein Fein - Spiele auf der gold'nen Fiedel
 - Brüderlein Fein - Ein seltsamer Gast
 - Brüderlein Fein - Hoch soll'n sie leben
 - Brüderlein Fein - Bühnenmusik
 - Brüderlein Fein - Es kommt mir alles wie im Traum vor
 - Brüderlein Fein - Frau Drechsler, Herr Drechsler, ich bitt' um die Ehr'
 - Brüderlein Fein - Frau Drechsler, darf ich bitten
 - Brüderlein Fein - Auf dem Violon von Gold
 - Brüderlein Fein - Jetzt bin ich noch Mädchen
 - Brüderlein Fein - Gut hab ich g'schlafen
 - Brüderlein Fein - Kannst dich noch erinnern, Weiberl?
 - Leben und lieben -


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Dirigent(en):Kober, Axel
Orchester/Ensemble:WDR Funkhausorchester
Interpret(en):Roider, Michael
Bönig, Andrea
Krabbe, Anke


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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