> > > Seiber, Mátyás: Klarinetten-Kammermusik & 'Nonsense'-Lieder
Donnerstag, 19. Oktober 2017

Seiber, Mátyás - Klarinetten-Kammermusik & 'Nonsense'-Lieder

Schein und Wahrheit


Label/Verlag: CAvi-music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese Aufnahme macht mit frühen Werken von Mátyás Seiber bekannt, die noch in Ungarn entstanden sind. Sie sind von inspiriertem Geist erfüllt, kurzweilig und dicht. Nur leider hört das Vergnügen schon viel zu bald wieder auf.

Lange Jahre nach seinem Tod im Jahr 1960 war Mátyás Seiber kaum mehr als ein Name in der Musikgeschichte jener, die aus Zentraleuropa (diesmal Ungarn) nach England geflüchtet waren (Seiber im Jahr 1935). Und in der Tat stammt der größte Teil der hier vorgestellten Kompositionen aus der Budapester Zeit, wo der 1905 Geborene u.a. bei Zoltán Kodály studierte. Eine biografische Einordnung der nicht weniger als sieben Kompositionen, ‚in denen Seiber die Klarinette und/oder die Singstimme in den Fokus rückt‘, findet im Booklet allerdings kaum statt. Seine Jazzerfahrungen werden kurz erwähnt (er wird als erster Jazzprofessor der Welt bezeichnet – dass er diese Position am Hoch‘schen Konservatorium Frankfurt am Main innehatte, wird allerdings unterschlagen), auch seine Tätigkeit als Unterhaltungsmusiker auf einem Ozeandampfer im Jahr 1926 kommt zur Sprache. Doch ein vollständiges oder auch nur klarer strukturiertes Bild des Komponisten und Cellisten kommt nicht zustande (im Gegenteil, diverse Informationen sind eher irreführend als hilfreich). Dies ist bedauerlich, sprechen doch die Kompositionen eine durchaus eigene Sprache.

Drei Kompositionen bieten u.a. die Sopranstimme in unterschiedlichen Kammermusikkonstellationen auf, in unterschiedlichen Sprachen; umso ärgerlicher, dass die Gesangstexte im Booklet fehlen (ebenso wie die genaue Zuordnung der Musiker zu den Stücken). Bei den drei Morgenstern-Liedern des Jahres 1929 (mit Sarah Maria Sun, Sopran, und Kilian Herold, Klarinette) wechseln hohe Virtuosität (in 'Der Trichter' ist so kaum ein Wort zu verstehen), expressionistischer Melos ('Das Knie', mit vorbildlicher Wortverständlichkeit) und ‚neutönende‘ Avantgardistik ('Das Nasobem'). Die Musiker beeindrucken durch hohe Virtuosität, kongeniale Umsetzung und charmant-warmherzige Darbietung. Sarah Maria Sun verfügt über einen leicht ansprechenden Sopran mit etwas hauchiger Note und attraktiv schnellem Vibrato, das der Musik bestens ansteht – aber sie kann auch die ‚große Röhre‘ aufmachen, was in 'Das Nasobem' zu höchstem Effekt geschieht.

Die zweite Vokalkomposition der CD ist 'The Owl and the Pussycat' (1929) für Sopran, Violine und Gitarre (Sarah-Maria Sun, Felix Borel, Violine, und Carsten Linck) auf einen Text des berühmten Nonsens-Dichters Edward Lear. Hier spielt Seiber mit sentimentalistischen und auch volkstümlichen Bildern, um diese immer auch gleich zu konterkarieren – gerade die Nähe zu Arthur Bliss‘ oder William Waltons Nonsens-Kompositionen der 1920er-Jahre ('Rout', 'Madam Noy', 'Façade') wird hier offenkundig. Herrlich harmonieren hier Violine (Felix Borel) und Sopran.

Kaum weniger unmittelbar wirken die vier Stücke der 'More Nonsense'-Lieder nach Edward Lear von ca. 1946 für Sopran, Klarinette, Bassklarinette, Violine und Gitarre (zu den Genannten mit Anton Hollich, Bassklarinette, Felix Borel, Violine, und Carsten Linck, Gitarre). Die Musik ist avancierter als bei 'The Owl and the Pussycat', dennoch ist auch hier Seibers Traditionsverbundenheit unüberhörbar (in freien Allusionen an Ravel und Walton – ist es Zufall, dass die Texterwähnung der Insel Ischia, auf der Walton ab Ende 1948 Domizil nahm und sich später niederließ, zum Ende des Zyklus fast gebetsmühlenartig wiederholt wird?). Besonders schön kommt hier Suns Stimme zur Geltung, die an den Farbenreichtum Jill Gomez‘ denken lässt.

Ergänzt werden diese Vokalwerke durch ein Divertimento für Klarinette und Streichquartett (Kilian Herold, Philip Roy und Hwa-Won Rimmer, Violinen, Raphael Sachs, Viola, Frank-Michael Guthmann, Violoncello), 'Andante Pastorale' für Klarinette und Klavier (hier ist Nicholas Rimmer Kilian Herolds Partner), 'Introduction and Allegro' für Klarinette, Cello und Klavier (nach einem Akkordeonstück) sowie eine Serenade für Bläsersextett (mit Anton Holich und Tino Plener, Klarinette, sowie Saar Berger und Rune Brodahl, Horn, und Rui Lopes und Angela Bergmann, Fagott). Das Divertimento und die Serenade sind offenbar die beiden frühesten Kompositionen der CD (von 1928 bzw. 1925), sie gehören stilistisch der neuen ‚Playfulness‘ der frühen Donaueschinger Jahre zu und sprühen vor Energie und ggf. auch Witz, ohne dass der Ernst zu kurz käme. Merkwürdigerweise wurde das Divertimento erst 1951 als 'Concertino' für Klarinette und Streichorchester veröffentlicht – dabei wirkt es in der hier vorliegenden intimeren Form vielleicht noch unmittelbarer.

Es ist spannend zu hören, wie ‚international‘ Seibers musikalische Sprache schon in frühen Jahren ist – dies vielleicht auch ein Grund, warum er bislang in England noch keine rechte Renaissance erfahren hat. Stärker ungarisch im Duktus ist die kontrapunktisch reiche Serenade, eine formal noch nicht ganz ausgereifte Komposition, die Seiber zu einem Budapester Kompositionswettbewerb einreichte; mindestens einer der Juroren, vielleicht auch zwei (Bartók und/oder Kodály) soll verärgert seinen Jurorenposten niedergelegt haben, als Seibers innovatives, Janáceks 'Sinfonietta' nicht ganz fernstehendes Werk nicht ausgezeichnet wurde.

'Andante Pastorale' für Klarinette und Klavier aus dem Jahr 1949 lässt den ernsthaften Komponisten Mátyás Seiber zu Wort kommen; hier erst hören wir die eigentliche Stimme des Komponisten – leider viel zu kurz. 'Introduction and Allegro' dagegen ist nur ein ironisches Spiel mit sentimentalen und anderen konventionaliesierten Bildern – hochvirtuos zwar, doch eben mehr Schein als Wahrheit.

Die Musiker balancieren auf dem Drahtseil des musikalisch Heiteren mit höchster Sicherheit, und man hätte sich wie gesagt nur gewünscht, dass der ‚eigentliche‘ Mátyás Seiber auf dieser mit 49 Minuten wahrlich nicht opulent gefüllten CD mehr Platz erhalten hätte. Aufnahmetechnisch hat sich der SWR Baden-Baden selbst übertroffen – alle Aufnahmen, die offenbar in drei Etappen im Laufe des Jahres 2015 gemacht wurden, zeugen von kontinuierlich höchstem Anspruch und kammermusikalischem Sachverstand. Insgesamt sehr empfehlenswert – nur bitte mehr davon!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Seiber, Mátyás: Klarinetten-Kammermusik & 'Nonsense'-Lieder

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
CAvi-music
1
19.05.2017
EAN:

4260085533701


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CAvi-music

"Es muss nicht viel sein, wenn's man gut ist" heißt die Devise für das Label, das stets den Künstler in den Vordergrund stellt, das partnerschaftlich Projekte realisiert, das persönliche Wünsche und Ideen der Künstler unterstützt, das sich vorwiegend auf Kammermusik konzentriert, das handverlesen schöne Musik in hervorragender Interpretation anbietet, mit einer Künstlerliste, die sich sehen lassen kann. Eine sehr persönliche Sache, die von Herzen kommt !! Außerdem kommen neben dem Label CAvi-music auch die Labels "SoloVoce" und "CAvi-Autentica" aus dem Hause Avi-Service for music.


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