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Donnerstag, 19. Oktober 2017

Lieder im Volkston - Vokalquartette mit Klavier

Im Volkston


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine bemerkenswerte Veröffentlichung von einigem Interesse für das Repertoire, für die man Dieter Oehms dankbar sein kann. Musikhistorisch lohnend ist es in jedem Fall, dank hochklassiger Interpreten voller ernsthafter Ambition ist es auch ein Hörgenuss.

Das 19. Jahrhundert war nicht arm an Versuchen, sich dem vermeintlich einzig wahren Volkston in der Vokalmusik für einzelne Stimmen oder Chöre anzunähern, inspiriert vom ästhetischen Credo, das Johann Abraham Peter Schulz Ende des 18. Jahrhunderts formulierte. Danach liegt das ganze Geheimnis des Volkstons im ‚Schein des Ungesuchten, des Kunstlosen, des Bekannten‘. Schulz war mit 'Der Mond ist aufgegangen' immerhin ein echter Volltreffer gelungen, der diese Verbindung von erdachter Musik und ungesucht natürlicher Wirkung in idealer Weise repräsentierte. Nebenbei angemerkt: Dieser Hit stand neben 124 weiteren, ganz ähnlich intendierten Liedern von Schulz, die nicht denselben Erfolg hatten. Das Verhältnis von Wollen und Erreichen war also auch bei ihm schwierig.

Dessen ungeachtet gab es immer wieder neue Bemühungen, so auch in der seit 1899 im Berliner Verlag August Scherl erscheinenden Zeitschrift ‚Die Woche‘, die 1903 einen Sonderband mit Liedern im Volkston herausbrachte, die bei Komponisten der Zeit gezielt bestellt worden waren. Später kamen noch zwei weitere Nummern heraus. Für die zweite wurden in offener Ausschreibung tatsächlich 8.859 Lieder eingesandt – eine kaum vorstellbare Zahl, die darauf verweist, dass der ästhetische Grundansatz des Ansinnens in der Zeit mitschwang. Vielleicht knüpfte man von Ferne an etwas an, das in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts noch sehr viel mehr Konjunktur hatte; zudem siedelte der Volks-Topos – das hört man bei einigen ins Soldatische gleitenden Beispielen – gefährlich nah am nationalistischen Überschwang der Wende zum 20. Jahrhundert.

Zu den Liedern

Textlich sind die 30 Nummern der jetzt bei Oehms Classics herausgebrachten Platte insgesamt weitgehend harmlos. Manches schöpft aus älteren Quellen wie der Wunderhorn-Sammlung oder aus dem ‚Altdeutschen Liederbuch‘. Thematisch werden klar bestimmbare Gefühlsszenarien ausgemalt. Die Klavierbegleitungen weisen wenig Eigenständiges auf. Insgesamt dominieren klare Linien, eine maßvolle rhythmische Varianz, ein nie ausufernder Ambitus, eine fast ausschließlich syllabische Vertonung in klar strophischem Bau als prägender Form. Alles ist gefällig, manches tatsächlich schön und durchaus memorabel. Aber nichts ist so einzigartig, dass es wirklich nah an der Schwelle zum Volkstümlichen im besten Sinne siedelte: Lieder im Volkston – ja, aber in einem stets artifiziell inspirierten.

Bei einigen Beiträgen, wie den Liedern von Wilhelm Kienzl oder Hans Pfitzner, die durchaus ambitioniert gesetzt sind, fragt man sich angesichts der happigen Anforderungen an die Vokalstimme, ob die Komponisten den Geist der Ausschreibung wirklich ernstgenommen haben. Anderen, wie Max Schillings, gelingt es, einer schlichten Linie einen würzig-chromatischen Klaviersatz unterzuschieben. Ludwig Thuille, eines der Jury-Mitglieder der Aktion, ist tatsächlich nah am formulierten Ideal. Weitere prominente Namen sind Eugen d’Albert, Leo Blech, Ignaz Brüll, Engelbert Humperdinck, Siegfried Ochs oder Siegfried Wagner. Schließlich noch eine Besonderheit: Auch Max Reger beteiligte sich, wurde von der Jury mit seiner 'Waldeinsamkeit' aber abgewiesen: Zu ambitioniert sei das. Reger nahm es gelassen und sah sich zur Komposition seiner 60 'Schlichten Weisen' angehalten; darin befand sich mit 'Mariä Wiegenlied' immerhin ein großer Erfolg, was die Nähe zum Volkston betraf – von Regers sonstigen überbordenden Qualitäten nicht zu sprechen.

Die Interpreten

Wem soll man das nun vokal anvertrauen? Welche gesangliche Ästhetik trägt diese Lieder ins Ziel? Ein Kurzschluss wäre es die Gleichung schlichter Ton – schlichte Stimme aufzumachen. Man hat sich vier junge und doch schon deutlich im Opernfach profilierte Stimmen gesucht, die zu einer gewissen Zurückhaltung befähigt sind, deren Möglichkeiten aber weit mehr umfassen. Es sind die Sopranistin Regula Mühlemann, die Mezzosopranistin Okka von der Damerau, der Bariton Wolfgang Schwaiger und der Bass Tareq Nazmi. Damerau und Nazmi sind Mitglieder der Bayerischen Staatsoper, der junge Österreicher Schwaiger singt an der Kölner Oper; Regula Mühlemann ist ohnehin als eine der profilierten jungen Opernstimmen anzusprechen. Stilistisch sind also alle klar dem musikdramatischen Fach vor allem klassisch-romantischer Prägung zuzuordnen. Alle vier verfügen über schönes, geschmeidiges Material von Substanz und Größe, setzen diese Möglichkeiten konzentriert und gesammelt ein – lassen zugleich aber nie einen Zweifel daran aufkommen, dass auch diese Lieder im Volkston in ihrem ästhetischem Wollen, schlicht und fasslich zu wirken, der Stimmen überlegener Vokalisten bedürfen. Es werden edle lyrische Linien gestaltet; erfreulich oft dienen die nicht immer höchstklassigen Texte als Inspiration: Dann sprengen die vier Vokalisten den schlichten Rahmen souverän und durchaus passend. Dynamisch wirkt das Ergebnis fein kontrolliert, aber nicht verdruckst: Große Gesten werden schon groß gesungen. Adrian Baianu, als Interpret von Humperdinck, von Bülow oder Schreker ein Experte für den Stil der Zeit, schafft auf dem Klavier eine stimmungsvolle Grundlage, durchaus mit der Befähigung zur Differenzierung, aber doch dezent und dienend in der Grundhaltung. Das Booklet ist reich an Inhalt; die Veröffentlichung ist mit Ambition grafisch ganz im Stil der Zeitschrift ‚Die Woche‘ gestaltet – das macht einen wirklich wertigen Eindruck. Das Klangbild ist intim und konzentriert, wirkt warm und in seiner schönen Balance überaus angemessen.

Eine bemerkenswerte Veröffentlichung von einigem Interesse für das Repertoire, für die man Dieter Oehms dankbar sein kann. Musikhistorisch lohnend ist es in jedem Fall, dank hochklassiger Interpreten voller ernsthafter Ambition ist es auch ein Hörgenuss.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Lieder im Volkston: Vokalquartette mit Klavier

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
OehmsClassics
1
30.06.2017
EAN:

4260330918758


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OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


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