> > > Symphonic Jazz with Andy Miles: Konzerte für Jazzklarinette von Calandrelli, Freiberg und Beal
Samstag, 19. Oktober 2019

Symphonic Jazz with Andy Miles - Konzerte für Jazzklarinette von Calandrelli, Freiberg und Beal

Starke Crossover-Platte


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das WDR Funkhausorchester Köln serviert drei Symphonic-Jazz-Leckerbissen für Klarinette und Orchester.

'Symphonic Jazz with Andy Miles' titelt eine neue beim Label cpo erschienene CD mit dem WDR Funkhausorchester Köln und Andy Miles als Solist an der Klarinette. Der WDR produzierte die Aufnahme in seinem Großen Sendesaal im Funkhaus Köln in den Jahren 2010 (Jeff Beal), 2013 (Jorge Calandrelli) und im Herbst 2015 (Daniel Freiberg). Am Pult stehen Wayne Marshall und Rasmus Baumann.

Außerordentlich feurig gelingt das 'Concerto For Jazz Clarinet & Orchestra' des gebürtigen Argentiniers Jorge Calandrelli (*1939). Eine frische Jazz-Musik ist das! Am 31. Dezember wird der argentinische Komponist, Arrangeur, Pianist, Dirigent und Musikproduzent 80 Jahre alt. Ein Grund mehr, seine Musik hier zu feiern. Er ist ein Tausendsassa, was in seiner Musik – einer frischen Mischung aus Gershwin, Bernstein, Copland, Frank Sinatra und vielen weiteren Einflüssen inklusive Film – sogleich Eindruck schindet. Schließlich lebt er seit 1978 in den USA und verdiente sein Geld dort als Arrangeur und Komponist mit Werken der Genres Pop, Jazz, Klassik und Latin gleichermaßen.

Solist Andy Miles (*1964) findet stets perfekten Zugang zu dieser manchmal höchst eingängigen, bisweilen seichten, Filmmusik-affinen Stimmung und ist ein perfekter Interpret von Calandrellis Musik. Im ersten Rhythmus-gesteuerten Satz Allegro gibt es wunderbare Blue notes, das rockt richtig ab, weil der Takt nie geradeaus läuft. Dafür versteht der Lateinamerikaner etwas von Dramaturgie! An Virtuosität (insbesondere in der Kadenz) lässt Andy Miles fast jeden vergleichbaren Spieler seiner Generation alt aussehen. Insbesondere verschmelzen bei ihm das Flair des Unterhaltungskünstlers (erprobt in vielen Bands) mit dem des ernsten Klassik-Interpreten (langjähriger Soloklarinettist der Hamburger Philharmoniker, bevor er nach Köln wechselte).

Das Adagio hebt die Stimmung einerseits ins Pathetisch-Fantastische, andererseits gibt es hier viel Melancholie – da hat Calandrelli Samuel Barber über die Schulter geschaut. Die greift Andy Miles keineswegs verlegen auf. Da fühlt der Hörer sich an Louis Amstrongs Song 'What A Wonderful World' erinnert oder gerät einfach nur so ins Schwärmen, weil eben die Harmonik so Hollywood-mäßig austariert ist. Aber es bleibt abwechslungsreich, denn im B-Teil wechselt die Stimmung zum Swing. Das abschließende Presto schwingt sich noch einmal zu virtuoser Fantasterei auf. Düsterere Passagen wechseln mit monotoneren Minimal-Elementen ab. Auf jeden Fall erlebt der Rezipient eine große Impulsivität der Akteure. Das WDR-Funkhausorchester ist sehr gut präpariert und ein genialer Partner des Solisten, der seine Bahnen bis zur fatalistischen Stretta ziehen kann.

Daniel Freiberg ist bereits in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geboren. Sein Konzert mit dem Titel 'Latin American Chronicles' ist ein Auftragswerk des WDR. Hier im ersten Satz 'Panorámicas' weht ein deutlich sanfteres Lüftchen als im Finale von Calandrelli. Flöten, Klavier und berauschende Streicherwogen dominieren das Klangbild, auf das sich Andy Miles hier setzen kann. Mit anrührender Stimmung schließt der zweite Satz 'Diálogos' mit einfach harmonisierten Klängen daran an. Assoziationen zu einer weiten südamerikanischen Prärie sind durchaus naheliegend. Auch der Tango Astor Piazzolas liegt hier klanglich nicht fern. Geschickt kombiniert Freiberg die Solo-Klarinette mit dem hier solistisch geführten Cello, so dass es sich nach einer innigen Liebesbeziehung anhört. Solo- und Tuttipassagen machen aus dem Ganzen ein herzzerreißendes Drama, ganz nach aktuell trendigem Musical-Musikgeschmack. Auch der Schlusssatz des Konzertes 'Influencias' trägt deutliche kammermusikalische Züge: Hier wurde subtil am Sound gefeilt. Richtig ruppig wird es (zum Glück) nie. Im Vordergrund stehen eher der Spielwitz, die gute Laune und die Ausdauer – auch in ausgedehnten Big-Band-Passagen. Faszinierend wiederum das sagenhaft brillante Solo von Andy Miles.

Last but not least steht am Ende einer absolut empfehlenswerten Platte das 'Concerto for Clarinet & Orchestra' des jüngsten im Bunde, Jeff Beal (*1963). Hier zu erleben mit dem ebenfalls furiosen Rasmus Baumann (*1973) am Pult, der derzeit sein Amt als GMD bei der Neuen Philharmonie Westfalen ausübt. Beal ist ein US-amerikanischer Komponist, Dirigent und Jazzmusiker, der auch Trompete und Flügelhorn spielt. Seine Werke zeichnen sich durch eine Mischung aus Improvisation und Komposition aus. Er liebt die Musik von Miles Davis und Gil Evans, was in seinem Werk durchaus durchschimmert. Trotzdem ist sein Stil absolut individualistisch.

Dieses Werk ist völlig anders, als die beiden anderen Klarinettenkonzerte. Hier findet ein Fokus auf die mittlere Tonlage der Klarinette statt. Oft kreisen die Solokadenzeinlagen um einen Ton. Schon der solistische Einstig der Soloklarinette ganz am Anfang ('Riches to Rags') macht das deutlich. 20. Jahrhundert mit Bartók, Schönberg, Strawinsky und all seinen Errungenschaften trifft hier auf einen experimentierfreudigen, von seiner Spontanität gesteuerten Komponisten. Das wird nochmals evident in den beiden sich anschließenden Sätzen 'Famines to Feasts I+II'. Übersetzen könnte man das mit ‚vom Hunger zum Festmahl‘, wobei Teil eins sich über lange zehn, vor allem mit scheinbar improvisierter Musik angefüllten Minuten erstreckt, während Teil zwei in 89 Sekunden vorüberrauscht. Bemerkenswert ist aber, dass sich alle drei noch lebenden zeitgenössischen Komponisten an die klassisch überlieferte Dreisätzigkeit bei Solokonzerten halten. Das ist kein Zufall. Nur eine formale Marotte? Es steckt anscheinend mehr hinter dieser magischen dreisätzigen Form.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Symphonic Jazz with Andy Miles: Konzerte für Jazzklarinette von Calandrelli, Freiberg und Beal

Label:
Anzahl Medien:
cpo
1
Medium:
EAN:

CD
761203515424


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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