> > > Schostakowitsch, Dimitri: Sinfonie Nr. 1
Dienstag, 12. Dezember 2017

Schostakowitsch, Dimitri - Sinfonie Nr. 1

Blick auf das symphonische Frühwerk


Label/Verlag: Pentatone Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit richtig gutem Konzept findet sich dieses Album auf dem überschwemmten Schostkowitsch-Markt platziert: Zwei Orchester-Scherzi und die Variationen op. 3 sollen zeigen, wie sich der junge Komponist den Weg zum symphonischen Erstling bahnte.

Mit den Interpreten ist man vielleicht aktuell auf dem Tonträgermarkt weniger vertraut: Gustavo Gimeno, einst Schlagzeuger beim Amsterdamer Concertgebouworkest und von Haitink, Abbado und ab 2012 als Assistent Jansons’ dirigentisch gefördert, ist seit 2015 Chefdirigent des Philharmonischen Orchesters Luxemburg. Und die neue Zusammenarbeit umfasst auch das Label Pentatone, wo in diesem Jahr gleich drei ‚Debüt-Alben‘ schnell aufeinander folgten: Bruckners Erste (1865/66) mit einem diesem Schostakowitsch-Album entsprechenden Repertoirekonzept (als Ergänzung vier frühere Orchesterstücke von 1862), sowie Ravel 'Daphnis et Chloé' nebst zwei Orchesterstücken, die die Tradition des Orchesters im französischen Repertoire fortsetzen.

Mit Randrepertoire des südlichen Nachbarn – Kompositionen von Gaubert, Pierné, Roussel – hatte das im Sender RTL gegründete, aber schon seit langem staatliche Orchester in der Ära der etwas blass gebliebenen Chef-Dirigenten Bramwell Tovey (2002-2006) und Emmanuel Krivine (2006 bis 2015) zuletzt auf dem Label Timpani eine aufsehenerregende, teils preisgekrönte Reihe vorgelegt. Die ganz eigene Klangästhetik des Orchester und ihres legendärsten Leiters Louis de Froment (der Langzeit-Chef von 1958 bis 1980), welche die früheren Budget LP-Aufnahmen für das Label Vox durchaus in künstlerisch beachtliche Regionen hob (u.a. als Begleiter von Aaron Rosand oder Gabriel Tacchino), ist allerdings in den letzten drei Jahrzehnten verloren gegangen. Vielleicht ging jener signifikante Luxemburger Klang gerade mit dem gelungenen Versuch einher, mit der Low-Budget-Aufnahmetechnik der LP-Ära ein ganz individuelles Kunstprodukt jenseits der Hochglanz-Ästhetik der großen Label zu erzeugen. Pentatone als Label aus der niederländischen Philips-Highend-Tradition setzt hingegen auf das Gegenteil.

Edler SACD-Sound aus der Luxemburger Philharmonie

Gustavo Gimeno ist ein Dirigent, dem offenbar am meisten an der optimalen Durchhörbarkeit von Klangtexturen gelegen ist. Die Mehrkanal-Produktion (SACD) aus der für ihre hervorragenden Konzert- und Aufnahmebedingungen berühmten neuen Philharmonie im Großherzogtum kann in klanglicher Hinsicht völlig überzeugen: Instrumente und Raumklang sind beeindruckend abgebildet, man hört alle Nuancen von Schostakowitschs schon sehr früh individuell ausgeprägten, feinsinnigen Instrumentationskunst, wie auch der Phrasierungsfähigkeiten der Orchestermusiker. Das kommt neben der oft bunt und grell daherkommenden Ersten Symphonie op. 10 (1925) auch den sich demonstrativ die instrumentatorischen Spezifika Peter Tschaikowskys aneignenden Orchester-Variationen op. 3 (1922) und der Zugabe der Platte zugute: fünf 'Fragmenten' (sogar veröffentlicht als op. 42) die als Orchester-Studien in Klangfakturen sowie in ziemlich modern ‚linearem‘, tonal manchmal erstaunlich freiem Kontrapunkt um 1935 der Vierten Symphonie vorausgingen.

Gimeno ist hier als ‚Struktur-Arbeiter‘ der richtige Moderator. In seiner Darstellung der oft ironisch-turbulenten, aber auch emphatisch-ekstatisch in gebrochener, aber noch wahrnehmbarer spätromantischer Tradition große Gefühle beschwörenden Symphonie wird jedoch auch deutlich, wie wenig es ihm liegt, größere Spannungsbögen zu entwickeln und der Musik jenen Intensität zu verleihen, die in älteren Referenzaufnahmen viel stärker mitreißt: insbesondere in denen von Leonard Bernstein aus New York und Chicago, aber mit jener diszipliniert-hintergründigen Unnachgiebigkeit, für in der russisch-sowjetischen Aufführungslinie Kyrill Kondraschin und auch Mariss Jansons mit ihren Gesamtaufnahmen stehen. Im Vergleich zu herausragenden älteren Interpretationen bleibt Gimenos Lesart etwas zu distanziert, zu spannungsarm, zu sehr auf das perfektionierte klangliche Momentum fixiert und nicht genug bedacht um die an Mahlers symphonische Narrationskunst anknüpfende Dramatik der Musiksprache. Man lernt in dieser Aufnahme einiges über die außerordentlich gelungene Orchestrationsmechanik der Ersten Symphonie zwischen Klavierpassagen und Bläserdialogen. Den Ausdrucksmusiker Schostakowitsch findet man aber bei Bernstein oder Kondraschin in deren Selbstidentifikationen mit diesem grandiosen Erstling und dessen Komponisten viel eindrucksvoller wieder.

Ein eher distanziertes, klangorientiertes Aufführungskonzept

Punkten (bzw. ‚sternen‘) kann diese dennoch ganz empfehlenswerte Schostakowitsch-Scheibe mit den tatsächlichen raren, kaum eingespielten Orchesterstücken, die Schostakowitsch dem genialen Gesellenstück seiner Kompositionsausbildung am Leningrader Konservatorium voranschickte: Das folkloristisch-tänzerische fis-Moll-Scherzo op. 1 huldigt 1921 so hörbar den lokalen Heroen um Rimsky-Korsakoff und Balakirew wie die Variationen über ein eigens Thema op. 3 (1922) der Moskauer Ballett- und Orchestersuiten-Konfektion Tschaikowsky. Das spätere zweite Scherzo Es-Dur op. 7 (1924) nimmt den motorischen Klavier-Einfall der Ersten Symphonie vorweg. In Gennadi Rozhdestvenskys bisher repräsentativer Pionier-Aufnahme von 1982 galten diese drei Stücke quasi noch als Entdeckungen ‚aus Manuskripten‘ (über eine tatsächliche zeitgenössische Druckverbreitung dieser Opera ist mir nichts bekannt); und leider ist heute deren Bekanntheitsgrad und Konzertverbreitung keineswegs höher.

Vielleicht macht die nun vorliegende Neuaufnahme im richtigen Kontext der Ersten Symphonie diese reizvollen, für den Komponisten allerdings noch nicht ganz so idiomatischen Stücke bekannter. Die schöne Aufmachung des Tonträgers und gleich drei verschiedensprachige Einführungstexte – der deutsche stammt von der hiesigen Russland-Spezialistin Dorothea Redepenning – sind jedenfalls wie das Repertoire eine Bereicherung für jede Tonträgersammlung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Schostakowitsch, Dimitri: Sinfonie Nr. 1

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Pentatone Classics
1
26.05.2017



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Pentatone Classics

PentaTone wurde im Jahr 2001 von drei ehemaligen Leitenden Angestellten der Philips Classics zusammen mit Polyhymnia International (dem ehemaligen Philips Classics-Aufnahmezentrum) ins Leben gerufen.
Die Gründer von PentaTone sind überzeugt, dass der 5-Kanal Surround-Sound allmählich den heute noch gängigen Stereo-Sound ersetzen wird, vor allem weil er die Hörerfahrung immens bereichert. Die Einführung der Super Audio-CD (SA-CD) durch Sony und Philips hat es dem Hörer ermöglicht, sich den Konzertsaal direkt ins eigene Wohnzimmer zu holen. Die SA-CD hat im Vergleich zur CD eine weitaus höhere Speicherkapazität und sie kann 5-Kanal-Informationen in hoher Auflösung aufnehmen. Deshalb bietet die SA-CD einen hochwertigen Surround Sound.
Alle PentaTone-Aufnahmen erscheinen auf sog. hybriden SA-CDs, die zwei miteinander verbundene Schichten haben. Die erste enthält das normale CD-Signal, während auf der zweiten das Surround-Sound-Signal abliegt. Diese hybriden Tonträger können mit Stereo-Effekt auf jedem normalen CD-Spieler abgespielt werden. Um den Surround Sound-Effekt zu erzielen, benötigt man einen SA-CD-Spieler.
PentaTone baut seit einigen Jahren mit den hervorragenden Aufnahmen von Polyhymnia International einen neuen Klassikkatalog auf, der die berühmtesten Werke der Musikgeschichte enthält, interpretiert von absoluten Weltklasseinterpreten. So wurden Symphonie-Zyklen von Beethoven, Bruckner, Schostakowitsch und Schumann begonnen. Ein Brahms-Zyklus mit Marek Janowski am Pult des Pittsburgh Symphony Orchestra ist bereits erschienen. Sämtliche Werke für Violine und Orchester von Mozart wurden mit Julia Fischer aufgenommen, dem "Gramophone Artist of the Year 2007". In seiner kurzen Geschichte hat PentaTone bereits zahlreiche renommierte Preise gewonnen, darunter einen Grammy, einen Gramophone Award, einen Preis der deutschen Schallplattenkritik, zwei Echos, zwei Diapason d'Ors de l'année und einen CHOC de l'année.
Neben den Neuaufnahmen veröffentlicht PentaTone auch historische Surround Sound-Aufnahmen auf SA-CD. Dafür hat PentaTone sämtliche, zwischen 1970 und 1980 von Philips Classics im Quadrophonie-Verfahren entstandenen Aufnahmen für die Herausgabe auf SA-CD lizenziert. Auf diesen Einspielungen sind die legendären Philips Classics-Künstler jener Epoche zu hören. Mit dem heutigen SA-CD-System kommen diese spektakulären und hochwertigen 4-Kanal-Aufnahmen so zur Geltung, wie man es ursprünglich geplant hatte. Die Serie trägt den Titel "RQR" (Remastered Quadrophonic Recordings).


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