> > > Gegenwelten: Werke für Violine und Klavier von Prokofjew und Schubert
Sonntag, 21. Januar 2018

Gegenwelten - Werke für Violine und Klavier von Prokofjew und Schubert

Sensibel gestaltet


Label/Verlag: Genuin
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Sarah Christians Solodebut ist schlichtweg fantastisch! Die Geigerin erweist sich als äußerst feinfühlige Interpretin, technisch ist sie ohnehin über allen Zweifel erhaben.

Im Dschungel der Neueinspielungen dieses Jahres gibt es tatsächlich doch noch ein Violindebut der Spitzenklasse: Die deutsche Geigerin Sarah Christian, seit 2013 Konzertmeisterin der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen und Absolventin der Solistenklasse im Fach Violine bei Antje Weithaas an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin, hat gemeinsam mit ihrer herausragenden Klavierpartnerin Lilit Grigoryan eine Einspielung zu Wege gebracht, die Rhythmus, künstlerische Freiheit und höchste Emotion des Augenblicks in sich vereint. Gerade zwei Werke besonderer Intensität kombiniert die Geigerin unter dem Motto ‚Gegenwelten‘ auf der beim Label Genuin erschienenen Produktion: Sergei Prokofjews vielschichtige, düster-abgründige viersätzige Sonate Nr. 1 f-Moll für Violine und Klavier op. 80 und Franz Schuberts Fantasie C-Dur für Violine und Klavier D 934 (op. post. 159) aus dessen letzter Schaffensperiode. Zusammen ergibt sich eine Gesamtspielzeit von knapp 57 Minuten – da wäre noch Platz gewesen für ein virtuoses Kabinettstück. Darauf verzichtet Sarah Christian aber ganz dezent, denn sie widmet ihre erste CD dem Andenken an ihren berühmten Vater, den Geiger Harry Christian (1959-2015), der plötzlich und unerwartet vor zwei Jahren verstarb. Harry Christian hatte sich immer und kompromisslos für die vorbildliche Ausbildung seiner Tochter eingesetzt. Sie kann jetzt die Früchte ernten.

Gerade die exzessiven Momente sind es, die der neuen CD wirklich Klasse verleihen. So hört man im letzten Satz der Prokofjew-Sonate einen rasanten Einstieg, der mit viel Risiko, aber noch mehr Können gestaltet ist. Das Verrückte an der Komposition schimmert da deutlich hervor, insbesondere wenn Sarah Christian ihrer Violine mal robuste, mal frappierend verstörte, mal blütenzarte Klänge entlockt. Melodiöses Spiel hat sie drauf, die 27-Jährige selbstbewusste junge Frau, die eine lange Liste an geigerischen Erfolgen aufzuweisen hat, darunter den bedeutenden 2. Preis beim ARD Musikwettbewerb 2017 in München samt Publikumspreis und Sonderpreis des Münchner Kammerorchesters. Sie ist zudem Preisträgerin des Louis Spohr- Wettbewerbs, des Violinwettbewerbs Henri Marteau sowie Gewinnerin des internationalen Violinwettbewerbs Kocian in Tschechien.

Kalt läuft es dem Hörer über den Rücken, wenn Sarah Christian den Windhauch, der über die Gräber weht, bei Prokofjew musikalisch in Szene setzt, der da gleich zweimal auftaucht und das Werk quasi einrahmt: Der russische Komponist schrieb die Sonate 1938-46 im Andenken an seine vielen Freunde, die durch den stalinistischen Terror ermordet wurden. Schon das 'Andante assai', der erste Satz, ist für den Hörer recht ungewöhnlich: Auf ein kurzes, im Unisono gehaltenes Klaviervorspiel antwortet die Violine mit verhaltenen langen Tönen auf der G-Saite, Trillern, die sich steigern, während das Klavier seine Basslinie unbeirrt fortsetzt. Grauslich und bedrohlich ist diese Atmosphäre, weil auch dynamisch ordentlich aufgezogen wird. Das Ganze steigert sich fast zu einer Violinkadenz, die aus den Tiefen des Seelenkummers immer weiter emporsteigt. Sarah Christian kann hier ihren ganzen geigerischen Glanz entfalten. Sie zeigt sich zudem sehr intonationsrein bei den Doppelgriffen. Markant setzt sie die Töne und verleiht so jedem einzelnen Charakter und Brillanz. Klavier und Violine verschmelzen wunderbar miteinander. Die Handschrift David Oistrachs im Violinpart wird ebenso offenbar. Dieser hatte zusammen mit seinem Freund Prokofjew den Violinpart noch einmal überarbeitet und geigerisch fit gemacht. Die Last,welche geschichtlich auf dieser Musik ruht, wird in dieser Einspielung in jedem Takt spürbar. Die angesprochene Passage mit den Läufen (Windhauch über den Gräbern) gelingt dem Duo exzeptionell, auch weil die Dynamik gut austariert ist. Die Leichtigkeit in der Bogenführung bezeugt die große Erfahrung der Interpretin und ihrer enormen Spielfertigkeit. Hervorragende Arbeit wird da geleistet. Das Zusammenspiel mit dem Klavier gelingt vorbildlich.

Von berückender Schönheit ist der dritte Satz 'Andante', gleichzeitig mit siebeneinhalb Minuten der längste Satz der Sonate. Hier wird eine Mischung aus französischem Impressionismus und russischer klassischer Avantgarde zelebriert, was durch Säuseln con sordino und Emporgleiten in himmlische Sphären umgesetzt wird. Traumwandlerisch bewegen sich die beiden Musikerinnen durch die Harmonik, woran die Pianistin Lilit Grigoryan einen bedeutenden Anteil hat. Sie versteht die Stimmung elegant – mal kammermusikalisch, mal quasi-orchestral – einzufangen bei pianistisch triumphaler Technik, die sie aber niemals zur Schau stellt. Kein Akkord wird hier lieblos gesetzt, kein Lauf gerät ins Abseits. Da wähnt sich der Hörer in einer musikalischen Traumlandschaft, in einem Bad der Emotionen. Die beiden entführen in diesem Satz wirklich in eine russische Märchenwelt.

Im letzten Satz 'Allegrissimo' pocht zum ersten Mal wirkliche Virtuosität an die Tür. Rhythmische Strenge kennzeichnet den Satz, der unverkennbar auch autobiographische Züge des Komponisten trägt. Die Wahl des Mottos ‚Gegenwelten‘ wirkt da nur logisch. Es kann im übrigen unter dreierlei Aspekten betrachtet werden: erstens historisch, als da sind Schubert, der Romantiker, contra Prokofjew, Vertreter der klassischen Moderne. Zweitens innerhalb Prokofjews selbst, weil dieser zwischen den Ost-/West-Welten hin und her pendelte. Er wurde 1891 in gutbürgerlichen Verhältnissen im russischen Kaiserreich (heute Ostukraine) geboren, machte dann rasch quasi Karriere als pianistisches Wunderkind, floh nach der schwierigen Situation nach der Oktoberrevolution zunächst in die USA und ließ sich 1920 in Frankreich (Paris) nieder, eher er – von Heimweh geplagt – 1936 wieder in die Sowjetunion, genauer gesagt nach Moskau zurückkehrte und dort ein eher bescheidenes, in den letzten fünf Jahren bis zu seinem Tod 1953 sogar ein nur erbärmlich zu nennendes Leben fristete. Drittens darf dieses ‚Gegenwelten‘ bereisen, also Changieren zwischen den Welten, im Übertragenen auch auf die beiden Interpretinnen angewendet werden: Denn sowohl Sarah Christian, deren Vater als Banater Schwabe 1959 in Temeswar geboren wurde, als auch Lilit Grigoryan, die 1985 in Armeniens Hauptstadt Jerewan das Licht der Welt erblickte, haben ihre Wurzeln im osteuropäischen beziehungsweise kaukasischen Raum und sind jetzt in Deutschland endgültig angekommen. Trotzdem blicken beide Musikerinnen zusätzlich künstlerisch hinein in den Schmelztiegel jener fremden Kulturen voller Gegenwelten und Gegensätze und bereichern die Musik durch ihre mehrschichtige Identität. Sie sind persönlich näher dran, an den in der Musik dargestellten Kontrasten und können diese deshalb so authentisch wie nur wenige Künstler wiedergeben.

Besonders eindrucksvoll zu erleben ist die halbtönige Abwärtsrückung vom Ausklang auf der Note F der Prokofjew-Sonate zur Dur-Terz auf E in der Schubert-Fantasie. Nur ein leises Flackern kündigt die Dramatik an, die sich in den 27 folgenden Minuten entfesselt. Der Einstieg klingt wie ein zartes Gebet; sehr persönlich, verhalten, lieblich ist da der Klang der Geige. Es weht die Unschuld der Kindheit über diesen Takten. Das Duo fühlt gemeinsam, ertastet jeden harmonischen Fortschritt. Elegant wird hier und da verzögert, kommt zartes Vibrato ins Spiel, doch alles sehr geschmackvoll und niemals kitschig. Ab Minute vier geht es dann beherzt los mit dem sehr eingängigen Rondothema. Auch das spielt Sarah Christian überzeugend und mit der nötigen Distanziertheit. Filigran ist da jeder Finger am richtigen Platz und die Führung ihrer Bogenhand ist wahrlich professionell. Sensibel ist dazu die dynamische Gestaltung der Pianistin, die – wie Christian – auch ein wahres Pianissimo spielen kann. So wird Schubert zelebriert. In den Zwischenspielen ist der Zugriff der Violinistin erfreulich dramatisch und auch die vielen Sechzehntel-Noten bringt sie mühelos unter. In der Durchführung bleibt sie immer mit viel Fläche am Ball und verheddert sich nie in der Achtelchromatik. Beiden gelingt das Wiedereinfädeln in das Rondothema bravourös. Das klassische Ebenmaß verkörpert die Komposition hier par excellence. Der Wechsel in eine andere Tonart beim Seitenthema fällt fast gar nicht auf, so technisch makellos wurde das hier einstudiert, selbst wenn ab T. 293 Oktaven dazukommen, ist die Intonation von Sarah Christian treffsicher. Ein Genuss der Selig-, aber auch Traurigkeit ist das 'Andantino'. Da zahlt sich der akustisch einzigartige Aufnahmeraum, der Sendesaal Bremen mit seinem Steinway-D-Flügel, voll aus. Die Musik wird mit Beginn der Zweiunddreißigstel immer komplizierter, aber trotzdem lässt sich das Duo die Schwierigkeiten nicht anmerken. Befreiend einerseits, aber doch menschlich ernüchternd zugleich ist da die Reprise ab Takt 480, die die anfängliche Tristesse zurückbringt, ehe dann im 'Allegro vivace' ein quasi fatalistischer Fröhlichkeitsmarsch in unwirklich strahlendem C-Dur einsetzt, dessen Realität wohl erst im Jenseits – wenn man Schubert richtig deutet – zu erlangen sein wird. Ein bisschen ist es die Welt der späten Streichquartette, die hier vorgeführt wird. Ein verträumtes, lieblicheres 'Allegretto' im 3/4-Takt in As ist am Schluss noch vor das gipfelstürmende, plakativ-knallige 'Presto' geschaltet, welches Sarah Christan und Lilit Grigoryan con bravura ausführen. Diese Platte ist nachdrücklich für sensible Liebhaber der Violinmusik zu empfehlen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Gegenwelten: Werke für Violine und Klavier von Prokofjew und Schubert

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Genuin
1
05.05.2017
EAN:

4260036254723


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Genuin

Im Jahr 2002 standen die jungen Tonmeister von GENUIN vor einer wichtigen Entscheidung: Sollte man sich weiterhin lediglich auf das Aufnehmen und Produzieren konzentrieren, oder auf die zahlreichen Nachfragen und positiven Rückmeldungen von Musikern und Fachzeitschriften eingehen und ein eigenes Label ins Leben rufen? In einer Zeit, in der praktisch alle großen Klassik-Label ihre Produktion eingestellt oder zumindest stark gedrosselt hatten, fiel die Entscheidung nicht leicht – aber sie fiel einstimmig aus: zugunsten einer offiziellen Vertriebsplattform für die GENUIN-Aufnahmen. Und der Erfolg hat nicht lange auf sich warten lassen.

Das Label GENUIN hat sich in seinem zwölfjährigen Bestehen zu einem Geheimtipp unter Musikern und Musikliebhabern entwickelt. Schon vor dem Leipzig-Debüt im Oktober 2004, einem Antrittskonzert im Robert-Schumann-Haus mit Paul Badura-Skoda, wurden die CDs in den deutschlandweiten Vertrieb gebracht und von Fachpresse und Musikerwelt hochgelobt. Inzwischen werden GENUIN-CDs in den meisten Ländern Europas sowie in Japan, Süd-Korea, Hongkong und den USA vertrieben.

Das Erfolgsrezept von GENUIN: Die gesamte Produktion, also die Beratung der Künstler bei Aufnahmeraum und Repertoire, die Vorbereitung und Durchführung der Aufnahme selbst, der Schnitt mit allen notwendigen Korrekturen, generelle Entscheidungen beim Cover- und Bookletentwurf bis hin zur fertigen Veröffentlichung liegen in der Hand der Tonmeister. Nur so haben die Musiker den größtmöglichen Entfaltungsspielraum bei der Einspielung und Gestaltung ihrer CDs. Und gleichzeitig kann bis zuletzt eine gleichbleibend hohe Qualität garantiert werden.

GENUIN bietet auch abseits ausgetretener Pfade etablierten Künstlern genauso wie der Nachwuchsgeneration die Möglichkeit, Musik nach eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Das macht sich positiv bemerkbar für die Hörer der mittlerweile mehr als 300 GENUIN-CDs mit Interpreten wie Paul Badura-Skoda, Nicolas Altstaedt oder der Dresdner Philharmonie.


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