> > > Michail Jurowski in Gohrisch: Werke von Schostakowitsch, Weinberg und Pärt
Donnerstag, 1. Oktober 2020

Michail Jurowski in Gohrisch - Werke von Schostakowitsch, Weinberg und Pärt

Glanzpunkte in Gohrisch


Label/Verlag: Berlin Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Michail Jurowski und die Staatskapelle Dresden beeindrucken bei den Schostakowitsch-Tagen in Gohrisch.

Die Internationalen Schostakowitsch-Tage Gohrisch wurden 2010 zu Ehren des Komponisten Dmitri Schostakowitsch (1906-1975) gegründet. Dieser weilte 1960 und 1972 jeweils mehrere Tage im Gästehaus der DDR-Regierung in dem Luftkurort der Sächsischen Schweiz unweit von Dresden. Mit seinem 8. Streichquartett entstand dort vom 12. bis 14. Juli (!) 1960 eines seiner Schlüsselwerke: 'Im Gedenken an die Opfer des Faschismus und des Krieges', woran die Musiktage erinnern. Die 10. Gohrischer Schostakowitsch-Tage fanden Ende Juni 2019 statt und kein Geringerer als Michael Jurowski – einer der profiliertesten Schostakowitsch-Dirigenten unserer Tage und 2012 Internationaler Schostakowitsch-Preisträger Gohrisch – nahm in den Jahren 2010, 2012 und 2013 diese vorliegende CD für Edel/Berlin Classics auf.

Ohne Zweifel darf man hier sagen, ein absoluter Kenner der Werke Schostakowitschs tritt ans Pult. Seine Version der von Rudolf Barschai nach dem 8. Streichquartett arrangierten Kammersinfonie c-Moll op.110a ist Referenzklasse. Das verhaltene 'Largo' nimmt Michail Jurowski in nachdenklichen Klangfarben, fast bachisch. Einsam singt die Sologeige da ihr schmerzerfülltes Lied von Tod und Trauer quasi als Eröffnung, kurz nachdem der Komponist als Motiv sein Monogramm in Tönen (D-eS-C-H) installiert hat.

Weltklasse-Niveau

Die (durchkomponierte) Fünfsätzigkeit der Kammersinfonie ist außergewöhnlich und bedeutet symbolisch ‚Andacht und Verneigung‘ vor den Toten des Krieges. Requiemhaft umrahmen drei ‚Largos‘ die Symphonie. Der zweite, scherzohafte Satz 'Allegro molto' führt dagegen plastisch die Schrecken der Kriegsmaschinerie vor Augen: Knapp 20 Jahre zuvor hatte der Komponist – aus einer ganz anderen Perspektive heraus: der Belagerung seiner Heimatstadt Leningrad durch die deutsche Wehrmacht – schon einmal mit seiner 7. Sinfonie die Schrecken des Krieges in Töne gekleidet. Hier begegnet uns ebenfalls dieser ironische Tonfall. Jurowski gelingt es, das alles sehr markant und lebendig herauszuarbeiten. Die Staatskapelle Dresden agiert hier auf Weltklasse-Niveau. Der dritte Satz 'Allegretto' ist auch ein Scherzo, das hier mit Biss und Geschmack vorgetragen wird. Irreales Walzer-Geschunkel, Spinnweben-artig zerfaserte Streicher-Pirouetten bezeugen eine ‚fast besoffene Ironie‘: So ertönt gleich zweimal (als Zitat) der Anfang des Schostakowitsch Cellokonzerts wie aus einem Traum, neben herben, monotonen, repetierten Schlägen. Der vierte Satz 'Largo' zitiert das Trauermotiv aus dem Revolutionslied 'Im Kerker zu Tode gemartert', welches sich zur Arie 'Serjoscha, mein Liebster' aus Schostakowitschs Oper 'Lady Macbeth' verwandelt. Da ist also viel intellektueller Background in dieser Musik, die nicht jeder Hörer beim ersten Mal gleich einordnen kann. Dennoch ist das mit viel Emotionen vermittelte Geschehen auch ohne Vorkenntnisse verstehbar. Dafür sorgt die Musik, die zum Ende der Kammersinfonie den Zirkel zu einer Fuge schlägt. Da geht es gelöst zu. Fantastische Klänge mit viel symphonischer Pathetik sind da zu hören.

Wie dafür geschaffen schließt sich daran die Kammersinfonie Arvo Pärts 'Cantus in Memory of Benjamin Britten' (1977) an. Glocken und Streicherklang-Cluster bestimmen hier die Szenerie, die ein großartiges Memorial-Gebäude auftürmt. Damit hat Arvo Pärt, der selbst inzwischen – wie Schostakowitsch zum Star der Moderne wurde – sich einen unsterblichen Platz in der Welt der Sound-Lyriker erworben.

Wiederentdecktes Genie

Etwas anders ist da die Ausgangslage beim polnisch-jüdischen Meister Miecyslaw Weinberg (1919-1996), Sohn eines Komponisten und Geigers aus Warschau, für den sich Schostakowitsch seit 1943 interessierte und sich später auch für ihn einsetzte, als er in Gefangenschaft geriet. Weinbergs Werke waren nahezu vergessen, ehe sie vor einigen Jahren wiederentdeckt wurden. Seine 'Rhapsodie auf Moldauische Themen' op.47,1 ist dem Hörer klassischer Konzerte so gut wie unbekannt. Dieses 12-minütige Werk rafft unterschiedliche Einflüsse zusammen: das Orientalische, das rumänisch-volksliedhafte, das Jüdische und verkennt auch nicht die große europäische Tradition. Orchestriert ist es vorzüglich und erinnert an Kompositionen Rimski-Korsakows oder Borodins ('Fürst Igor'). Immer glimmt ein motorischer Funke hier. Die Staatskapelle musiziert furios unter Jurowskis Dirigat. Da winkt manches Mal die nötige Penetranz, ja die Ekstase solcher Musiken. Die Blechbläser glänzen in gedämpften Tönen, blitzsauber; Holz, Harfe und Solovioline mischen die Farbe dazu, die Pauke ist zudem vielbeschäftigt. Alles mit Feinschliff und der nötigen Portion Ironie hier! Weinberg ist ein Genie.

Den Abschluss der sehr empfehlenswerten Platte bildet Schostakowitschs Werk für Singstimmen und Orchester: 'Aus der jüdischen Volkspoesie' op. 79a (1963), die er aus dem gleichnamigen 'Gesangszyklus mit Klavier' – treffende Reflexionen über das Leben im osteuropäischen ‚Schtetl‘ – formte. Schon vor der Uraufführung 1955 war gegen den Komponisten ein Komplott angezettelt worden; diese 11 Lieder, schon 1948 geschrieben, in denen Idiome jüdischer Volksmusik durchscheinen, waren in der spätstalinistischen Epoche nämlich keineswegs genehm: zu wenig heroisch, zu pessimistisch, zu melancholisch seien seine Kompositionen, so der offizielle Vorwurf seinerzeit, dabei hatte der Komponist das Manuskript aus Angst schon über 7 Jahre bis nach Stalins Tod zurückgehalten.

Jüdische Themen

Die einzelnen Lieder wie 'Klage um ein totes Kind', 'Die sorgende Mutter und Tante' oder das 'Wiegenlied' zirkulieren um jüdische Melodien (Klezmer-Klarinette in 'Warnung'). Es geht um den Stamm, den Nachwuchs, den Vater, den (ungeeigneten) Ehe-Partner, Hochzeit, Krankheit – wie sausen die Winde im 'Winter', grandios untermalt von den Solisten. Einfühlsam folgt Michail Jurowski der in jeder Hinsicht wirkungsvollen Partitur und lenkt neben der Staatskapelle auch die Solisten Evelina Dobraceva (Sopran), Marina Prudenskaya (Kontraalt) und Vsevolod Grivnov (Tenor; insbesondere reüssierend in 'Ein gutes Leben') sicher und packend durch das Opus. Und im 'Lied von der Not' sind sie wieder da, die kreischenden Geigentöne, die schon zuvor in der Kammersinfonie so treffend Grausamkeit karikierten, denn Stalins sogenannte ‚Zweite Säuberungswelle‘ setzte zu Beginn des Jahres 1948 ein. Sie war hauptsächlich gegen Juden gerichtet, die als ‚wurzellose Kosmopoliten‘ denunziert wurden. Die Hetzkampagne führte zunächst zur Auflösung des Jüdischen Antifaschistischen Komitees, erreichte ihren Höhepunkt in der sogenannten Ärzteverschwörung und endete erst mit Stalins Tod im März 1953.

Interpretation:
Klangqualität:
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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Michail Jurowski in Gohrisch: Werke von Schostakowitsch, Weinberg und Pärt

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Berlin Classics
1
26.05.2017
Medium:
EAN:

CD
885470009353


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Berlin Classics

Berlin Classics (BC) ist das Klassik-Label der Edel Germany GmbH. Es ist das Forum für zahlreiche bedeutende historische Aufnahmen, wichtige Beiträge der musikalischen Zentren Leipzig, Dresden und Berlin sowie maßgebliche Neuproduktionen mit etablierten und aufstrebenden jungen Klassik-Künstlern. Dazu zählen etablierte Stars, wie z.B. die Klarinettistin Sharon Kam, die Pianisten Ragna Schirmer, Sebastian Knauer, Matthias Kirschnereit, Anna Gourari und Lars Vogt, die Sopranistin Christiane Karg oder auch die Ensembles Concerto Köln, Pera Ensemble, sowie der Dresdner Kreuzchor und das Vocal Concert Dresden. Mehrfach wurden Produktionen mit einem Echo-Preis ausgezeichnet. Im Katalog von Berlin Classics befinden sich Aufnahmen mit Kurt Masur, Herbert Blomstedt, Kurt Sanderling, Franz Konwitschny, Hermann Abendroth, Günther Ramin, Peter Schreier, Ludwig Güttler, Dietrich Fischer-Dieskau, die Staatskapellen Dresden und Berlin, das Gewandhausorchester Leipzig, die Dresdner Philharmonie, die Rundfunkchöre Leipzig und Berlin, der Dresdner Kreuzchor und der Thomanerchor Leipzig. Sukzesssive wird dieses historische Repertoire für den interessierten Hörer auf CD wieder zugänglich gemacht, wobei die künstlerisch hochrangigen Analogaufnamen mit größter Sorgfalt unter Anwendung der Sonic Solutions NoNoise-Technik bearbeitet werden, um sie an digitalen Klangstandard anzugleichen.


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