> > > Rihm, Wolfgang: Streichquartette
Donnerstag, 20. Juni 2019

Rihm, Wolfgang - Streichquartette

Musik als Abenteuer im Kopf


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Minguet Quartett legt einen gewichtigen Beitrag zur Rihm-Rezeption vor.

Die vorliegende CD erlaubt einen interessanten Einblick in die Frühphase des Komponisten Wolfgang Rihm (*1952). Das Streichquartett in g entstand 1966, da war der Komponist gerade 14 Jahre alt, und das andere Streichquartett wurde 1968 komponiert. Zwei in der Tat interessante Kompositionen, die weit über das hinausreichen, was man unter Jugendwerken versteht. Auch für diese Werke gilt schon, dass die Kategorie des Fortschritts, die für die Musik des 20. Jahrhunderts stellenweise so bedeutsam war, für Wolfgang Rihm kaum eine Rolle gespielt hat. Ihm ging und geht es stets um kommunikative Prozesse, dabei ist ihm das kompositorische Material Mittel und nicht Voraussetzung. Was an diesen beiden frühen Werken so überzeugend ist, ist nicht nur sichere Beherrschung des kompositorischen Handwerks, sondern auch die Tatsache, wie viel in diesen tonalen Kompositionen schon von den späteren Werken von Rihm steckt. Das ist schon überaus bemerkenswert und macht diese Werke hörenswert.

Eine Art ‚Energieweitergabe‘

Kommen wir zum Hauptwerk dieses Tonträgers. Wolfgang Rihm komponierte 2015 im Auftrag der Fondazione Emilio e Annabianca Vedova sein Streichquartett 'Geste zu Vedova', das er dem Kölner Minguet Quartett widmete, das auch alle Streichquartette Rihms eingespielt hat. Rihm hat Musik einmal als eine Art ‚Energieweitergabe‘ bezeichnet. Man könnte unter diesem Aspekt seine kompositorische Vorgehensweise der Auseinandersetzung mit Veodvas Werk mit der eines Trüffelschweins vergleichen, ständig auf der Suche nach verborgenen Aspekten, nach unentdeckten Energiereserven, die eine kompositorische Verarbeitung quasi herausfordern. Zu den Bildern des Italieners Emilio Vedova, den man zur ‚art informel‘ zählt, bemerkt Rihm: ‚Vedovas Werk ist geprägt von kraftvollen Setzungen. In der Erinnerung bleiben vor allem heftig artikulierte Vertikalen – Reste von Schlägen? von Architektur? – schwarze Zeichen in Aufruhr. Mit ähnlichen Gestalten wollte ich musikalisch antworten. Auch die physische Erscheinung Vedovas hatte für mich etwas von einer flammenden Vertikalen. Er schien wie ein schwarzer Blitz in den Boden zu fahren.‘

Rihms Auseinandersetzung mit dem bildernischen Werk ist ungemein spannend, vor allem wenn der Notentext intelligent und kompetent realisiert wird. Das Kölner Minguet Quartett hat einen Sinn für den langen Atem und ein untrügliches Gespür fürs ganze feine Detail hinter den Klangmassen, verfügt aber auch über die notwendige Geschicklichkeit, die stellenweise doch recht komplizierten rhythmischen Verläufe aufzufächern. Bei Rihms Schubert-Hommage 'Epilog' für Streichquintett fesseln die Instrumentalisten durch klar angelegte klangliche Gestaltung und rhythmische Pointierung. Fazit: eine in sich bewegte, aber trotzdem meditative Interpretation.

Die Aufnahme lässt klangtechnisch keine Wünsche offen. Sie erschließt kompositorisches Neuland und stellt einen gewichtigen Beitrag zur Rihm-Rezeption dar. Es lohnt sich, diese Musik kennenzulernen.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Rihm, Wolfgang: Streichquartette

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
WERGO
1
02.06.2017
Medium:
EAN:

CD
4010228734621


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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