> > > Violin Soul: Violinwerke von de Falla, Massenet, Williams u.a.
Donnerstag, 23. November 2017

Violin Soul - Violinwerke von de Falla, Massenet, Williams u.a.

Beseelt


Label/Verlag: DUX
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die begabte Violinistin Anna Wandtke hat ein sehr persönliches erstes Album aufgenommen und sich dafür mehr als einen aufregenden Gast ins Studio geholt.

Für ihre erste CD wählen Künstler gerne die Werke ‚großer’ Meister wie Mozart, Bach oder Beethoven, um das hohe Niveau ihrer Fähigkeiten zu demonstrieren. Gleichzeitig ist hier die Gefahr von Vergleichen besonders hoch, gibt es doch von diesen Werken meist zahlreiche Aufnahmen anderer (ebenso) talentierter Musiker. Die polnische Geigerin Anna Wandtke macht ihr Debütalbum zu einer Herzensangelegenheit - und trifft eine für diesen Anlass eher ungewöhnliche Werkauswahl.

Obwohl Anna Wandtke, Jahrgang 1980, bereits einige Bühnenerfahrung vorweisen kann und mit den Großen der Klassikwelt (z.B. James Levin, Kurt Masur, Paavo Järvi oder Thomas Quasthoff, um nur einige zu nennen) auf einer Bühne stand, ist ‚Violin Soul’ ihr erstes Solo-Album. Die 14 Titel der bei Dux erschienen CD sind allesamt recht kurz (das längste Stück hat eine Spieldauer von 7:48 Minuten) und ebenso kurzweilig. Nichtdestotrotz sind sie mit hohem technischen Anspruch versehen. Vor allem verbindet sie indessen ihr starker Bezug zu südländischer Folklore. Dabei überzeugt das Gesamtkonzept aus äußerst bekannten wie populären Melodien und – für so manchen Hörer – aufregenden Neuentdeckungen. Zur Auswahl gehören Kompositionen von Manuel de Falla (1876-1946), Gabriel Fauré (1845-1924), Fritz Kreisler (1875-1962) und John Williams (1937). Die Gestaltung des gesamten Programms ist mehr als abwechslungsreich, sowohl klanglich als auch in seiner Besetzung. Zur Unterstützung hat sich die Musikerin daher das von ihr und ihrem Mann Sebastian Wypych gegründete New Art Ensemble ins Studio geholt. Je nach Werk dürfen wir darüber hinaus den Klängen von Akkordeon, Saxophon, Klavier und Kastagnetten lauschen, nicht zu vergessen der ausdrucksstarken Stimme von Magdalena Navarrete.

Manuel de Fallas 'Sechs spanische Volkslieder' (1914) bilden den Auftakt des Albums – und was für einen! Bereits in diesem Zyklus demonstriert Wandtke ihre absolute Flexibilität sowohl in Bezug auf Stilistik als auch Technik. In diesen sechs Liedern musizieren Violine und Gesang in symbiotischer Harmonie. Anders wäre es der Geigerin nicht möglich, ihre Einsätze trotz der völlig freien Intonation von Navarrete immer auf den Punkt zu bringen, beispielsweise in 'El paño moruno', das im Detail so leidenschaftlich ist wie das Album insgesamt. Die darauf folgende 'Méditation' aus Jules Massenets Oper 'Thaïs' aus dem Jahr 1894 zeigt eindrucksvoll, wie differenziert Wandtke ihr Instrument zum Singen bringen kann. Dabei nimmt sie den Titel wörtlich und ist sehr sparsam im Einsatz von dynamischen Wechseln und Kontrasten. Im vorherigen Werk noch mit markantem, kräftigem Bogenstrich agierend, verwebt sie bereits im nächsten Werk den Klang der Violine hörbar diffus und rauchig mit der Musik.

Ihre technische Exzellenz beweist die Musikerin in Pablo Sarasates 'Zigeunerweisen' op. 20 (1878). Ihre schnelle Fingerarbeit und das stets kontrollierte Vibrato, ungeachtet des hohen Tempos, hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Und obwohl sie genau diese Show-Momente bewusst setzt, sogar regelrecht auskostet, legt Anna Wandtke Wert auf die große Melodiosität der 'Zigeunerweisen' und lässt diese authentisch klingen.

Doch der Grat zwischen Kunst und Übertreibung ist schmal, weshalb gerade in diesen Passagen die einzige Schwachstelle im sonst so überzeugenden Spiel der Musikerin liegt: Hier will sie zu viel Ausdruck in ihr Spiel bringen und übt zu großen Druck auf ihr Instrument aus, was stellenweise in einem unangenehm schrillen oder gepressten Klang endet. Gleiches geschieht in der sonst hervorragend interpretierten Zugabe 'Csárdás' von Vittorio Monti (1868-1922). Für dieses besondere Werk steht Wandtke der Geigen-Virtuose Roby Lakatos zur Seite, und zusammen sorgen sie für einen eindrucksvollen Schlussmoment. Ausdruck, Emotionalität, Tempo, Technik: Hier stimmt einfach alles. Daneben darf hier auch das Akkordeon aus dem Hintergrund treten, mit Bravour.

Bei allen Gästen fällt den beiden Pianisten eine besondere Rolle zu: Diese haben auf der gesamten CD kaum eine Möglichkeit, solistisch zu glänzen. Hingegen sind sie herausragende Begleiter für die Violine, bilden den musikalischen Rahmen und erzeugen die nötige Stimmung für die interpretatorische Leistung von Wandtke und ihrem Instrument.

Anna Wandtkes Debüt ist ein Abbild ihres vor Energie sprühenden, leidenschaftlichen musikalischen Ausdrucks. An vielen Stellen lässt sie ihre Geige wie eine menschliche Stimme singen, was den ausgewählten Werken zugutekommt, von den Volksliedern de Fallas bis hin zu John Williams berührender Filmmusik aus 'Schindlers Liste'. Dieses Album packt seinen Hörer. Es ist mitreißend, macht Spaß und ruft nach einer Zugabe.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Violin Soul: Violinwerke von de Falla, Massenet, Williams u.a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
DUX
1
09.01.2017
EAN:

5902547013183


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DUX

Das polnische Label DUX wurde 1992 von Malgorzata Polanska und Lech Tolwinski, beides Absolventen der Toningenieur-Fakultät der Frédéric Chopin Musikakademie in Warschau, gegründet. Hauptanliegen war die Produktion von Aufnahmen mit klassischer Musik, wobei man von Anfang an höchste Ansprüche an künstlerische und technische Standards stellte.Viele Aufnahmen von Dux erlangten sowohl in Polen als auch im Ausland breites Interesse bei Publikum und Kritik, die sich in zahlreichen Preisen und Auszeichnungen widerspiegelt.

Ein Schwerpunkt des Labels ist natürlich das reiche musikalische Erbe Polens, das weitaus mehr umfasst als Chopin oder Penderecki. Im Katalog finden sich daher neben bekannteren Namen wie Wieniawski, Szymanowski oder Lutoslawski auch zahlreiche hierzulande bislang weniger bekannte oder völlig unbekannte Komponisten von der Renaissance bis zur Gegenwart, wie Ignaz Jan Paderewski, der Klaviervirtuose und spätere Premier- und Außenminister der Zweiten Polnischen Republik oder Stanislaw Moniuszko, ein Zeitgenosse Verdis und Schöpfer der polnischen Nationaloper. Aber auch zahlreiche polnische Künstler, Ensembles und Orchester gilt es bei DUX zu entdecken, darunter international renommierte Namen wie beispielsweise die gefeierte Altistin Ewa Podles.


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