> > > Hammerschmidt, Andreas: Chor-Music Auff Madrigal-Manier
Donnerstag, 23. November 2017

Hammerschmidt, Andreas - Chor-Music Auff Madrigal-Manier

Gewagt und gewonnen


Label/Verlag: Querstand
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Hammerschmidt findet in den Vokalisten des Ensembles Polyharmonique ebenso sensible wie künstlerisch vermögende Anwälte: Weiter so auf diesem fruchtbaren Weg!

Als der Zittauer Kapellmeister Andreas Hammerschmidt den fünften Teil seiner ‚Chor-Music auff Madrigal-Manier‘ von 1652/53 an den berühmten Dresdner Hofkapellmeister Heinrich Schütz zur Begutachtung sandte, wagte er einiges – Würdigung wie ausbleibendes Lob des großen Komponisten wogen schwer. Was Schütz dann allerdings zurück nach Zittau schickte, war nicht weniger als ein Lobgedicht auf das Werk des jüngeren Kollegen: ‚...Fahrt fort, als wie ihr thut, der Weg ist schon getroffen, Die Bahn ist aufgesperrt, ihr habt den Zweck erblickt. Es wird ins künfftge mehr von euch noch seyn zuhoffen, Weil ihr schon allbereit so manchen Geist erqvickt...‘. Soweit Schütz. Die heutige Wahrnehmung wird von ebendiesem Übervater protestantischer Musik im 17. Jahrhundert noch immer überstrahlt, flankiert von Schein und Scheidt, dazu noch Rosenmüller, Weckmann oder Bernhard aus der Schülergeneration der großen drei. Hochstehende, individuelle Musik aus Meisterhand – das ist aber sehr viel mehr, wie wir längst wissen. Das beinhaltet auch Tobias Michael, das schließt selbstverständlich auch Hammerschmidt ein.

Das zu zeigen hat sich das noch junge Ensemble Polyharmonique anheischig gemacht, vor einigen Jahren mit einer fabelhaften Michael-Platte, jetzt mit Auszügen aus Hammerschmidts ‚Chor-Music auff Madrigal-Manier‘. Diese Sammlung ist eben nicht nur das Zeugnis erstaunlich reifer regionaler Musikproduktion. Sie zeigt vielmehr eine Komponistenpersönlichkeit, die weit mehr vermag, als routiniert komplizierten Regeln zu folgen. Hammerschmidt ist ein expressiver Textdeuter, der souverän die Möglichkeiten mehrchöriger Wirkungen registriert, der die Kontraste aus alter und neuer Stilistik stupend entfaltet, etwa in der fruchtbaren Verbindung des traditionellen Kantionalsatzes mit den vielfach noch frischen Errungenschaften des Madrigals. Die Ergebnisse sind hochkarätig und individuell: Wer zum Beispiel 'Die mit Thränen seen' hört, dem wird es schwerfallen, darin nicht eine Komposition zu hören, die den verwandten Sätzen von Schütz aus dessen ‚Geistlicher Chormusik‘ oder von Schein aus dessen ‚Israelsbrünnlein‘ ebenbürtig ist. Natürlich: Der Text ist eine Einladung zur intensiven Sprachdeutung. Aber Hammerschmidt nutzt diese Vorlage einfach meisterlich, gerade so, wie es seine älteren Kollegen und Vorbilder taten. Neben die Sätze aus der ‚Chor-Music auff Madrigal-Manier‘ stellt der Leiter des Ensembles Polyharmonique, der Altus Alexander Schneider, weitere Beispiele einer früheren Sammlung, der schon 1638 erschienenen ‚Musicalischen Andacht Erster Theil‘, die charmante Werke in delikat reduzierter Besetzung beinhaltet.

Wiederum hervorragend

Genauso wie Hammerschmidt mit seinem kühnen Versuch bei Schütz gewagt und gewonnen hat, so hat es Schneiders Ensemble mit dieser Platte getan: Wiederum ein Volltreffer mit Blick auf das Repertoire; und wiederum wird die Formation höchsten Ansprüchen an vokales Musizieren gerecht. Nach dem großarten Entrée mit Tobias Michael knüpft Schneider mit leicht veränderter Besetzung – im Einzelnen sind es neben Schneider als Altus die Soprane Magdalene Harer und Joowon Chung, die Tenöre Vincent Eugène Lesage und Sören Richter sowie der Bass Matthias Lutze – aktuell nahtlos an das Niveau der vormaligen Produktion an: Das Ensemble bietet ein homogenes Bild, effektvoll bereichert durch individuelle Qualitäten. Die sechs Vokalisten singen gestisch stark, kosten Hammerschmidts Fähigkeit, aus den plastischen Texten üppige Funken zu schlagen, geradezu lustvoll aus, die vokalen Optionen in extrovertierter Randlage ins Instrumentale weitend. Bei allem technischen Können: Das Ensemble gewinnt den Texten alles Denkbare an expressiver Frische ab, an impulsiver Qualität. Und es expliziert zugleich Hammerschmidts lyrische Geduld in der Ausdeutung feiner Konstellationen. Intoniert wird selbstverständlich makellos. Gestützt und grundiert wird das vokale Geschehen von drei Instrumentalisten, von Maximilian Ehrhardt an der Harfe, von Magnus Andersson auf der Theorbe und von Klaus Eichhorn auf der Orgel: Die drei liefern feine Farben, dazu eine Fülle perkussiver Impulse. Schließlich sind das sehr apart gestaltete, mit einem klugen Text in drei Sprachen zudem angemessen informative Booklet sowie das klare, plastische, wunderbar strukturierte und wunderbar in den Raum gestellte Klangbild Pluspunkte der Produktion.

Hammerschmidt findet in den Vokalisten des Ensembles Polyharmonique ebenso sensible wie künstlerisch vermögende Anwälte: Weiter so auf diesem fruchtbaren Weg!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Hammerschmidt, Andreas: Chor-Music Auff Madrigal-Manier

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Querstand
1
10.05.2017
EAN:

4025796016253


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Querstand

Mit viel Liebe zum Detail bringt das querstand-Label dem interessierten Hörer die Vielfalt und Schönheit der klassischen Musik auf wenig ausgetretenen Pfaden näher. Das Label hat sich seit 1994 durch die Produktion hochwertiger klassischer CDs einen ausgezeichneten Ruf erworben. Über 500 Produktionen werden weltweit vertrieben, wobei ein Augenmerk auf Orgelmusik liegt. Die Gesamteinspielung der Orgelwerke von Johann Ludwig Krebs (bisher 11 CDs) und des Kantaten- und Orchesterwerkes des berühmten Bachschülers bilden ein Glanzlicht des Labels, dem mit der Serie ?Die Orgeln von Gottfried Silbermann? (8 CDs) ein weiteres zur Seite gestellt wurde (Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik 2003). Auch im kammermusikalischen und sinfonischen Bereich wurden zahlreiche CDs veröffentlicht, etwa mit dem Gewandhausorchester Leipzig. Mit der Aufnahme des Passionsoratoriums ?Der Tod Jesu? von Carl Heinrich Graun mit dem MDR Rundfunkchor und dem MDR Sinfonieorchester unter Howard Arman gewann das Label 2005 einen ECHO Klassik-Award. Im Jahre 2013 erhielt die 9-CD-Box mit allen Sinfonien Anton Bruckners, eingespielt von Herbert Blomstedt mit dem Gewandhausorchester Leipzig, den ICMA (International Classical Music Award). Mit Verlagssitz im Thüringischen Altenburg kann querstand von der einzigartigen Vielfalt der mitteldeutschen Musiklandschaft profitieren, die sich auch im Verlagsprogramm niederschlägt. Neben den vielseitigen Einflüssen der fantastischen Orgellandschaft der Region, ist es auch die Nähe zur Musikstadt Leipzig mit ihrer wunderbaren Tradition und facettenreichen Szene, auf die das Label besonderes Augenmerk richtet.


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