> > > Bach, Johann Sebastian: Weltliche Kantaten BWV 206 & BWV 215
Sonntag, 19. Mai 2019

Bach, Johann Sebastian - Weltliche Kantaten BWV 206 & BWV 215

Weltlich


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Masaaki Suzuki liefert einen schönen Beitrag zu einer wirklich vollständigen Einspielung der Bachschen Kantaten. Er macht im Vollbesitz seiner interpretatorischen Kräfte einfach weiter. Gut so.

Masaaki Suzuki befindet sich quasi in der Verlängerung seines Aufnahmeprojekts der gesamten geistlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs, mit hochinteressanten weltlichen Kompositionen, die noch sehr viel seltener als ihre geistlichen Schwesterwerke gespielt werden. Dabei sind diese weltlichen Kantaten zu Geburts- und Namenstagen, zu Hochzeiten, Krönungsjubiläen oder zur alljährlichen Leipziger Ratswahl in keiner Hinsicht schwächer als diese, zählen sie an Ausdehnung und Gehalt ganz im Gegenteil oft zu den gewichtigsten Bachschen Kantaten überhaupt. Das unterstreicht die achte Folge der weltlichen Kantaten bei Suzuki sehr deutlich; zu hören sind BWV 206 'Schleicht, spielende Wellen, und murmelt gelinde', 1736 uraufgeführt, und BWV 215 'Preise dein Glücke, gesegnetes Sachsen' aus dem Herbst 1734. Die Entstehung beider Werke steht in einem engen Zusammenhang: Während Bach an der Geburtstagskantate BWV 206 arbeitete, kam August III. überraschend nach Leipzig, so dass sehr kurzfristig, binnen dreier Tage, eine gänzlich andere Huldigungsmusik gefragt war, nämlich eine zum Jahrestag der Wahl Augusts zum polnischen König. Bach war also gezwungen, fast parallel zur Entstehung des Textes von Johann Christoph Clauder seine neue Festkantate zu verfassen, Stimmen für die Aufführung anzufertigen und das Stück zu proben – natürlich auch bei dieser Kantate unter kluger und arbeitsökonomischer Anwendung des Parodieverfahrens. Dennoch: was für eine künstlerische und organisatorische Leistung.

Zumal gerade diese repräsentativen Festkantaten alles enthalten mussten, was hochklassige Musik jener Tage ausmachte. Und selbstverständlich wollte und sollte Bach alles in die Waagschale werfen, wenn für die sächsischen Herrscher in Leipzig festlich aufgespielt wurde. Das sieht man auch in diesen beiden Kantaten: Sie sind geprägt von farbiger Instrumentierung, von wacher melodischer Invention, von eloquenter Phrasierung: Bach setzt erkennbar sein gesamtes kreatives Vermögen ein. Der Lohn war huldvolles Gehör: Klaus Hofmann zitiert in seinem vorzüglichen Essay die Leipziger Stadtchronik, wonach der König nebst Gemahlin und Prinzen ‚...solange die Music gedauret, nicht vom Fenster weg gegangen, sondern haben solche gnädigst angehöret, und Ihro Majestät [hat sie] herzlich wohlgefallen.‘

Immerhin, möchte man meinen. Nicht immer die gleiche Gnade fanden Bachs weltliche Kantaten mit ihrem dem Feld der geistlichen Musik ebenbürtigen Engagement des Predigers in Tönen, des glaubensstrengen Lutheraners, des vermeintlich fünften Evangelisten gar vor dem gestrengen Ohr manches wichtigen Rezipienten im 19. und 20. Jahrhundert: Konnten diese Werke von gleichem Gewicht sein wie die hochgeschätzten geistlichen? Durfte das sein? Masaaki Suzuki plädiert mit seinem klugen, systematischen, interpretatorisch hochstehenden Ansatz dafür, das heute zu bejahen.

Hohes Niveau auch hier

Sein Bach Collegium Japan spielt mit der stilistischen Erfahrung der Gesamteinspielung im Rücken behände, klangsinnlich, sehr lebendig in der innigen Bindung von Sprache und Musik, auch wenn das in diesem Repertoire, mit manch allegorischer Figur in gelegentlich hakeliger Sprache nicht ganz selbstverständlich ist. Zu hören sind neben feinen Streicherregistern etliche fabelhaft Soli, etwa Jean-François Madeuf an der ersten Trompete, auch die Flöten sind bemerkenswert elegant. Der Chor ist in den rahmenden Sätzen gefordert, gefällt mit nobler Klangwirkung, profiliert sich mit Geschmack und Können, agiert durchaus auch virtuos, so im Eingangschor 'Preise dein Glücke, gesegnetes Sachsen' aus BWV 215, dem Bach später als 'Osanna' der h-Moll-Messe zu ewigem Ruhm verhalf.

Suzuki hat sich immer wieder stimmige Solistenquartette zusammengestellt, so auch hier. Die Besetzung mit Hana Blažiková im Sopran, Hiroyi Aoki im Alt, Charles Daniels im Tenor und Roderick Williams im Bass ist hervorragend nobel, sämtlich sind es veritable Stilisten und Techniker. Gerade letzterer Aspekt ist zu unterstreichen: Der Tenor hat in der Riesen-Arie 'Freilich trotzt Augustus‘ Name' aus BWV 215 als Koloraturwunder zu glänzen, was Charles Daniels nonchalant tut. Bemerkenswert ist die Präsentation das Altus‘ Hiroya Aoki: Er nimmt mit einem bezaubernd leichten, weichen Timbre für sich ein, wirkt beinahe wie ein schwereloser Sopran. Über Hana Blažikovás Qualitäten ist oft lobend und preisend berichtet worden; sie stellt sie auch eindrucksvoll unter Beweis. Und Roderick Williams ist ein mit stimmlicher Autorität gesegneter Bass, dessen Bach-Expertise in der deutschen Öffentlichkeit vielleicht noch nicht ganz die Anerkennung hat, die sie zweifellos verdient. Ein gewisses Manko der vokalsolistischen Präsentation, das bei Suzukis Produktionen selbst bei Nicht-Muttersprachlern kaum je ins Gewicht fiel, ist die in den möglicherweise ungewohnten, im Falle von BWV 215 gelegentlich gar ungelenk und schwergängig wirkenden Texten nicht ganz ideale Idiomatik des Vortrags.

Das schränkt die Wirkung der auch klanglich sehr überzeugenden Produktion nicht entscheidend ein: Masaaki Suzuki liefert einen schönen Beitrag zu einer wirklich vollständigen Einspielung der Bachschen Kantaten. Er macht im Vollbesitz seiner interpretatorischen Kräfte einfach weiter. Gut so.


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    Bach, Johann Sebastian: Weltliche Kantaten BWV 206 & BWV 215

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
10.05.2017
EAN:

7318599922317


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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