> > > Enigmas: Kammermusikwerke für Klavier von Elgar, Leighton, Bowen u.a.
Samstag, 19. Oktober 2019

Enigmas - Kammermusikwerke für Klavier von Elgar, Leighton, Bowen u.a.

Elspeth Wyllie & Friends


Label/Verlag: Divine Art
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ein Debüt-CD wie eine Küchen-Party: Eine schottische Pianistin lädt ihre Freundinnen ein, und jede bringt etwas anderes mit. Nicht alles ist gleich gut gelungen, manches aber hervorragend.

Schon das Tonträger-Motto ‚Enigmas‘ weist auf Rätselhaftes hin. Bei der von Wyllie eingangs gespielten Solo-Klavierfassung der 'Enigma Variations' von Edward Elgar liegt es noch auf der Hand, auch in dieser eigenen Übertragung des sonst wenig klavieraffinen Komponisten. Nicht das biographische Personen- und Charakterraten, sondern vielmehr die ungewohnte Klanggebung auf dem Konzertflügel stellt das zu lösende Problem dar. Die in Edinburgh, Oxford und an der Royal Academy of Music in London ausgebildete Pianistin liefert eine nicht immer befriedigende Lösung: Der gut abgebildete Klavierklang ermöglicht ihr ein fein gestaffeltes, im Stimmengeflecht gut durchhörbares durchaus fast farbig-orchestrales Klangbild, das auch auf der motorischen Seite nach etwas gemächlichem Beginn über so viel Innenspannung und dramaturgischen Duktus verfügt, dass man gerne zuhört und die im Vergleich zur Orchestervielfalt etwas spröde Fassung sogar mehr genießen kann als in den ‚Klavierauszügen‘, welche die Sammlungen von Klaviermusik Elgars mit María Garzón (ASV / Heritage 1999) und Asley Wass (Naxos 2006) auf CD-Länge bringen.

Wyllie hat ein Gespür für Farben und Tempi, die technische Sicherheit und Anschlagskultur – außer in der letzten Variation, dem Finale: Warum sie hier das Tempo bis zum Dahinschleichen reduziert und jegliche Spannung verliert, ist das größte Rätsel dieser CD. Garzón in 5'49'' und Wass in 6'05'' Minuten präsentieren die sicherlich spieltechnisch wie klanglich ziemlich massiven Finalsteigerungen auch mit etwas Sicherheitsspielraum, doch eine Tempobremse hin auf 7 Minuten und 19 Sekunden ist ästhetisch nicht zu rechtfertigen und schmälert den sonst ausgezeichneten Eindruck, den Wyllie auf ihrer Debüt-CD hinterlässt, enorm. Bei 'Nimrod' hält sich Wyllies bedachte Langsamkeit noch an der Grenze elegischen Ausdrucks, am Ende jedoch stirbt das Stückregelrecht den Schneckentod.

Elgars eigene Klavierfassung der 'Enigma Variations' als Hauptgang

Dabei kann und möchte man die auf dem feinen britisch-amerikanischen Label divine art publizierte Visitenkarte sonst nachhaltig empfehlen. Wie der weit überwiegende Teil der Elgar-Variationen gehen auch die kleinen Charakterstücke des 1950 geborenen Nicholas Sackman als zweiter solistischer Büffet-Beitrag der Flügel-Herrin bildhaft und pointiert von der Hand: Sackmans 'Folio I' ist als eine Art 'Children‘s Corner' mit Jumping Jack und Rum Baba kompositorisch nicht Avantgarde, sondern enthält gut gemachte Petit Fours für den heutigen Salon- und Unterrichtsgebrauch (im Booklet fehlt wie in anderen Fällen leider die Angabe des Kompositionsdatums). York Bowens Flötensonate von 1946 steht in derselben Ecke britischer Konversationsmusik, hier in deutlich hörbarer Orientierung an den französischen Festlandsnachbarn, insbesondere Francis Poulenc. Mit der Flötistin Claire Overbury ist eine stimmige, stimmungsvolle Darbietung gelungen. Kenneth Leightons hingegen eher düstere Elegie op. 5 von 1953 erfährt mit der Cellistin Hetti Price eine im dynamisch und expressiv gut gestaffelten, knapp zehnminütigen Verlauf eine ebenso wirkungsvolle Wiedergabe.

Leightons 'Elegy' und Bowens Flötensonate empfehlenswert

Die beiden Duo-Stücke sind im Klavierklang zwar nicht ganz so durchsichtig eingefangen wie die Solo-Werke, Cello und Flöte kommen jedoch mit eindringlicher Wucht durch die Lautsprecher oder Kopfhörer. Edmund Rubbras späte Alabaster-Sonette leiden hingegen ein wenig unter der durch übertriebenes Vibrato kaschierten Intonationsproblematik des Vortrags der Sopranistin Catherine Backhouse, der Elspeth Wyllie und Alexa Beattie an der Bratsche fast vergeblich instrumentalen Wohlklang gegenüberstellen.

Es ist bei dieser Rätsel-Party mit britischen Speisen also nicht alles gleich gut gelungen (im Schnitt sehr gut, Elgars Final-Variation und Backhouse am Ausgang jedoch bedenklich). Mit Blick auf den etwas exotischen Touch des Angebots sei aber dennoch hier geraten, diese interessanten Bissen einmal zu versuchen.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Enigmas: Kammermusikwerke für Klavier von Elgar, Leighton, Bowen u.a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Divine Art
1
28.04.2017
Medium:
EAN:

CD
809730514524


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Divine Art

Divine Art wurde von Stephen Sutton 1993 gegruendet und ist in den letzten Jahren schnell gewachsen mit einem Repertoire von klassischer Musik (und jetzt auch ?mow Swing?, leichte Musik und Jazz) jeglicher Art, von Mittelalter über Barock, Klassik, Oper bis zur heutigen Moderne. Anfang 2009 wurde Heritage Media in Divine Art integriert, eine Firma, die sich auf klassische Radio Programme und Dramen mit den berühmtesten Britischen und Amerikanischen Film- und Theater Schauspielern der 1940 und 1950iger Jahre spezialisiert. Diese Werke werden bald per Katalog und per download für Divine Art Kunden zu kaufen sein.

Divine Art spezialisiert sich auf die Entdeckung und Aufnahme unbekannter Werke von wichtigen Komponisten wie beispielsweise Mozart, Schubert und einige der wichtigsten Britischen Komponisten. Hauptserien schliessen alle 90 Pianosonaten von B. Galuppi, die neulich entdeckte Orchester- und Kammer-Musik von dem in Newcastle upon Tyne geborenen Charles Avison und Weltpremieren von Musik für Piano Duo, ein

Innerhalb Divine Art umfasst die ?Diversions? - Niedrigpreis Serie viele neue Aufnahmen wie auch Neu-Ausgaben von historischen Aufnahmen. Unsere ?Historic Sound? Serie von alten Klassikern, 2005 gegruendet, hat Preise fuer besondere Restaurationsqualitaet gewonnen. Seit 2008 verfügt Divine Art über eine Zweigstelle in den USA.


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