> > > Richard Strauss & Franz Schmidt: Festliches Praeludium op. 61 & Sinfonie Nr. 2
Dienstag, 9. August 2022

Richard Strauss & Franz Schmidt - Festliches Praeludium op. 61 & Sinfonie Nr. 2

Wien 1913


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Stefan Blunier dirigiert mit großer Geste und feinem Gespür eine sinnvolle und spannende Werkzusammenstellung mit Strauss und Schmidt.

Eins der Abschiedsgeschenke, die Stefan Blunier mit dem Beethoven Orchester Bonn vor seiner Demission vorgelegt hat, ist die vorliegende Produktion von Repertoire aus einer Zeit, die dem Dirigenten besonders am Herzen liegt. Im vorliegenden Fall handelt es sich um zwei Werke aus dem Wien des Jahrs 1913 (der Booklettext hebt den roten Faden der Produktion in erfreulicher Klarheit hervor). Eine repräsentative Festkomposition eröffnet die SACD – Richard Strauss‘ selten zu hörendes 'Festliches Präludium' op. 61 zur Einweihung des Wiener Konzerthauses. Die Klais-Orgel der Bonner Beethovenhalle ist aber kein angemessener Ersatz für das originale große Rieger-Instrument in Wien, das erst kürzlich restauriert wurde, aber merkwürdigerweise noch nie für eine Tonträgereinspielung der Komposition herangezogen wurde. Auch verfügt das Beethoven Orchester nicht über den genialisch-strahlenden Ton etwa der Berliner Philharmoniker in der allerdings behäbigen DG-Interpretation unter Karl Böhm; ein selten zu findendes Klangdokument mit den Bamberger Symphonikern und Edgar Krapp unter der Leitung Horst Steins verweist die Neueinspielung aber mit Leichtigkeit auf die Plätze: Die Detailklarheit der neuen SACD verführt dazu, zu stark den Mittel- und Nebenstimmen nachzuspüren – Strauss‘ Maxime, Rubati nur dort zu spielen, wo sie vorgeschrieben sind (‚sie sind schon einkomponiert‘), wird nicht beherzigt, so dass bei allem dramatischen Schwung das Ziel doch immer wieder fast aus den Augen verloren zu geraten scheint.

Der Reichtum der Mittel- und Nebenstimmen kommt auch in Franz Schmidts dreisätziger Zweiter Sinfonie Es-Dur (1911-13) zum Tragen, breitet die Komposition in verschwenderischer Fülle aus (bei Dabringhaus und Grimm liegt auch die Vierte Sinfonie vor). Blunier treibt seine Musiker zu lebhaftem Puls an, seine Interpretation strotzt vor Energie und Schwung. Blunier steht Schmidts Idiom hörbar nahe, bezieht die Kontraste zwischen eher expressiven und dramatischen Momenten sorgfältig aufeinander, nimmt den Hörer mit großem Geschick und feinem Timinggespür über die teilweise riesigen Spannungsbögen mit durch die komplexe nachromantische Partitur, so dass man sich der Gesamtdauer von knapp fünfzig Minuten kaum bewusst ist. Leider sind immer wieder kleinere Unexaktheiten im Spiel des Beethoven Orchesters wahrzunehmen, nicht nur bei den Blechbläsern; auch bei den Streichern ist die eine oder andere Schwäche unüberhörbar, vor allem in den hohen Lagen. Doch der lebendige Live-Eindruck versöhnt mit derartigen kleineren Unwägbarkeiten – auch wenn Bluniers Interpretation eher opernhaft-filmisch denn ‚absolut‘ sinfonisch zu nennen ist.

Ein Manko darf nicht unerwähnt bleiben: Die Stereospur der 2+2+2-SACD ist diesmal leider nicht rundum optimal gelungen. Gelegentlich scheinen die Staffelungsebenen des riesigen Orchesterapparates zu verschwimmen, was der Klarheit der musikalischen Konzeption abträglich ist. Am geglücktesten ist die Stereospur in den leiseren Momenten, besonders im zentralen Variationensatz, der interpretatorisch mit großem Raffinement äußerst glücklich gelöst ist und zeigt, zu was für außerordentlichen Leistungen das Orchester in Momenten größter Konzentration in der Lage ist.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Richard Strauss & Franz Schmidt: Festliches Praeludium op. 61 & Sinfonie Nr. 2

Label:
Anzahl Medien:
MDG
1
Medium:
EAN:

SACD
760623200668


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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