> > > Beethoven, Ludwig van: Klavierkonzerte Nr. 1 & 5
Montag, 1. März 2021

Beethoven, Ludwig van - Klavierkonzerte Nr. 1 & 5

Beethoven für Millennium Snowflakes


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Nun also Lars Vogt im New Millennium Look, zusammen mit der Royal Northern Sinfonia aus Sage, Großbritannien. Das Orchester dirigiert er gleich selbst. Irgendwie selbstverständlich in unseren DIY-Zeiten.

Selbstverständlich muss – und soll – jede Generation die Klassiker neu entdecken. Denn jede Generation kommt zu diesen Stücken aus einem anderen Kontext, einem anderen Lebensgefühl, mit anderen Hör- und Sehgewohnheiten, mit anderen Erwartungen. Deshalb müssen auch immer wieder neue Künstler her, um die alten Titel frisch zu durchleuchten, aufzuführen und aufzunehmen. Insofern ist es typisch, wie sich nun Lars Vogt als Solist von Beethovens Klavierkonzerten Nr. 1 und 5 auf dem CD-Cover präsentiert: casual angezogen, Lederjacke, schwarzer Sportpullover, Stoppelbart, erkennbar durchtrainierter Oberkörper, jugendlich-männliche Ausstrahlung, markantes Kinn mit leicht verzerrtem Lächeln vor einer Steinwand. In die Ferne schauend - von wo vielleicht die großen Beethoven-Interpreten der Vergangenheit zurücklächeln.

Hat man nach dem Zweiten Weltkrieg diese Konzerte als überzeitliche Klassiker mit einer gewissen Grandezza gespielt, Gravitas sogar, wurden sie in den 1970er und 80er Jahren zu intellektuellen Herausforderungen, bei denen die Interpreten auf den Plattencovern gern dicke Brillen trugen und jede Nuance in der Partitur auf ihre tiefere Bedeutung hin analysierten. Das konnte ganz schön anstrengend sein, auch für den Zuhörer. Denn es verlangte – ja forderte geradezu – Konzentration. Genauso wie die Alte-Musik-Fetischisten Beethoven dann ihrerseits klanglich nochmal neu erfanden, was auch nicht immer angenehm anzuhören war; aber meist spannend, wenn man sich darauf einließ. Nun also Lars Vogt im New Millennium Look, zusammen mit der Royal Northern Sinfonia aus Sage, Großbritannien. Das Orchester dirigiert er gleich selbst. Irgendwie selbstverständlich in unseren DIY-Zeiten.

Statt Historische-Aufführungspraxis-Schnarren bei den Darmseiten und statt Bedeutungstiefe perlt die Beethovenmusik hier mit einer Leichtigkeit dahin, als habe sie nicht 200 Jahre Aufführungsgeschichte und Deutungskontroversen hinter sich, sondern sei gerade erst entstanden und könnte nun – quasi als Divertimento – zur angenehmen Unterhaltung vorm Ohr des Zuhörers ausgebreitet werden. Das hat Reiz. Jedenfalls habe ich die vielen Läufe bei Beethoven selten so unkompliziert dahingleiten gehört wie hier. Nichts von Wucht, nichts von Schicksal, nichts von all den gängigen Beethoven-Klischees. Stattdessen Tempo, Esprit, flink aufeinandergetürmte Akkordketten.

Ich mag das sehr, besonders wenn die CD als Untermalung bei der Arbeit im Hintergrund läuft. Sie verbreitet gute Laune. Und ein fast frühlingshaftes Flirren. Als ich mich dann ab und zu gezielt hinsetzte, um doch mal genauer zuzuhören, fehlte mir als Vertreter der 50-plus-Generation die Größe, das Pathetische, das früher Standard bei Beethoven war. Besonders beim berühmten ‚Emperor‘-Konzert in Es-Dur.

Ich kann mir aber gut vorstellen, dass all diejenigen, die sich beim Hören einen sehr heutigen Mann am Klavier vorstellen wollen, mit Vogt als Solist gut bedient sein werden. Er streichelt mit Musik das Ohr und die Zuhörernerven, wird nie aggressiv, bleibt immer vollkommen ausgeglichen. Vielleicht braucht unsere an anderem Ort so überaggressive Zeit solche Entspannung?

Der Klang des Klaviers und Orchesters – aufgenommen in The Sage Gateshead Concert Hall, UK – ist genauso ausgeglichen. (Record Producer ist Stephan Schmidt, Recording Engineer: Richard Halling.) Aber es ist kein Hi-Fi-Spektakel von besonderer Raffinesse. Trotzdem sitzen die Akzente und bleibt der Sound stets gut durchhörbar. Als Gegenentwurf zu Rubinstein, Brendel, Gieseking oder Fischer funktioniert die Aufnahme super. Und glücklicherweise kann man ja heute problemlos überall reinhören und sich für jede Lebenslage und Stimmung die passende Aufnahme als dem Netz fischen. Mal sehen, wie präsent diese hier sein wird, wenn die sogenannten Millennium Snowflakes selbst in die Jahre gekommen sind.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Beethoven, Ludwig van: Klavierkonzerte Nr. 1 & 5

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ondine
1
12.05.2017
Medium:
EAN:

CD
761195129227


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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