> > > Brahms, Johannes: Die schöne Magelone
Dienstag, 20. Februar 2018

Brahms, Johannes - Die schöne Magelone

Dunkles Ritterepos


Label/Verlag: Genuin
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese neue 'Schöne Magelone' ist zweischneidig in ihrer Wirkung: Auf der einen Seite lädt sie nicht wirklich zum Mitfiebern oder Angesprochensein ein. Auf der anderen Seite ist sie zumindest in ihrer konsequenten Schwermut und Düsternis bemerkenswert.

Mit freundlich gewinnendem Blick lächelt der junge Sänger inmitten herbstlicher Bäume vom Coverfoto. Es ist der Bariton Nikolay Borchev, der bei Genuin eben seine Version von Johannes Brahms’ 'Die schöne Magelone' vorgelegt hat. Gemeinsam mit dem Pianisten Boris Kusnezow entstand die Aufnahme im September 2016 in Frankfurt am Main.

Das hochromantische Ritterepos stellt mit seinen fünfzehn Romanzen, die in einer Hymne an die 'Treue Liebe' münden, erhebliche gestalterische Herausforderungen an die Interpreten. Sowohl der Klavierpart ist tückisch, rhythmisch vertrackt und zugleich schillernd, wie auch der Gesangspart, der vom lebendigen Wechselspiel und feinen Nuancen lebt. Schnell läuft ein Sänger Gefahr, zu kleinteilig zu agieren oder in artifizielle Selbstgefälligkeit abzugleiten. Letzteres passiert dem gut aufeinander eingespielten Liedduo Borchev-Kusnezow nicht. Sie betonen die Natürlichkeit des Vortrags, das Volksliedhafte und bisweilen Opernhafte der Romanzen. Dabei fällt gleich die berückende Stimmschönheit Borchevs auf, der einlullende Charme seines ebenmäßigen, warm timbrierten Baritons.

Doch so balsamisch auch Borchevs Stimme klingen mag - ein Geschichtenerzähler ist er in dieser Neueinspielung nicht. Und das ist schade, denn Ludwigs Tiecks Dichtung gepaart mit Brahms’ Musik ließe durchaus Bilder vor dem inneren Auge erstehen. Es mangelt auch nicht an einer klaren Diktion, denn diese stellt Borchev eindrücklich unter Beweis. Er artikuliert mit großer Natürlichkeit, wenn auch in wenigen Passagen mit zu weichen Konsonanten, aber letztlich durchweg verständlich. Es ist vielmehr eine Frage der mangelnden Textdeutung, Differenzierung und vor allem Farbgebung, die dem Künstler nicht bis ins Detail gelingen will. Der Ton bleibt stets voll und kräftig – trotz schwacher Tiefe –, weshalb dynamische Abstufungen nur schwer zu erkennen sind. Vielleicht geht das auch auf das Konto einer ungünstigen Abmischung, aber im Hörerlebnis bleibt der Eindruck eines durchgängigen Mezzoforte haften.

Schon im ersten Lied 'Keinen hat es noch gereut' vermisst man Schattierungen beispielsweise in Passagen wie 'Lichtstrahl in der Dämmerung' oder in 'Sind es Schmerzen, sind es Freuden' auf so bedeutsamen Worten wie 'Zukunft ist von Hoffnung leer'. Der Ausdruck solcher Wendungen bleibt im Vortrag diffus. Schönklang und prachtvoller Ton haben Vorrang, auch expressive Ausbrüche - zumindest macht es den Eindruck. Es ist durchaus möglich, dass Borchev und Kusnezow solche Passagen tief empfunden haben, aber es ist klanglich nicht nachvollziehbar. Eine textliche Überbetonung und Ausdeutungsmanie à la Christian Gerhaher ist auch nicht zwingend selig machend, aber Borchevs relativ einfarbiger Zugang ist es eben auch nicht. In der sechsten Romanze wagt sich Nikolay Borchev auf 'Rausche, rausche weiter fort' in der Gestaltung aus dem Schatten heraus, wenn auch sehr zögerlich. Wunderbar gelingt ihm die Gestaltung von 'Blickt sie mit sanftem Auge wieder' in 'Wie froh und frisch', doch schon in der direkten Wiederholung der Wortfolge ein paar Takte später lässt er die eben erreichte Farbqualität wieder außer Acht.

Der Pianist Boris Kusnezow macht sich Brahms’ Klavierpart mit größerer Entschiedenheit und Differnzierung zu eigen. Wo sich Borchev manchmal hinter seiner schönen Stimme zu verstecken scheint, sorgt Kusnezow für Ecken und Kanten, klare Haltungen. Der Anschlag gerät dabei bisweilen etwas forsch, aber Kusnezow lässt auch zarte, verhauchende Klänge vernehmen und erreicht dabei eine höhere Beredtheit als der mit Worten verhandelnde Sänger.

Doch trotz aller Schwachstellen spricht Nikolay Borchevs herrliche Stimme für sich. Besonders in den ruhigeren Romanzen, deren Pulsschlag erheblich gedrosselt ist, entwickelt sein Bariton besonderen Zauber. Hier bleibt ein wenig mehr Raum für Emotion. Wunderbar gelingen ihm unter anderem 'Muss es eine Trennung geben', 'Wir müssen uns trennen' und ein mit großer Innigkeit vorgetragenes 'Ruhe, Süßliebchen' – der Höhepunkt dieser CD. Hier profitiert der Sänger von der stetig mitschwingenden Melancholie seiner Stimme. Die dunklen, erdigen Töne vermitteln große Schwermut. Freilich überträgt sich das auf den gesamten Zyklus, so dass selbst das finale 'Treue Liebe dauert lange' nur wenig Hoffnung besitzt und auch Sulimas Verführungskünste in der dreizehnten Romanze zweifellos ohne Konsequenzen bleiben müssen.

Diese neue 'Schöne Magelone' ist zweischneidig in ihrer Wirkung: Auf der einen Seite lädt sie nicht wirklich zum Mitfiebern oder Angesprochensein ein. Auf der anderen Seite ist sie zumindest in ihrer konsequenten Schwermut und Düsternis bemerkenswert und sie dokumentiert die wundervolle Ausnahmesstimme eines jungen Sängers – wenn auch nicht ‚at his best’.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Brahms, Johannes: Die schöne Magelone

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Genuin
1
05.05.2017
EAN:

4260036254709


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Genuin

Im Jahr 2002 standen die jungen Tonmeister von GENUIN vor einer wichtigen Entscheidung: Sollte man sich weiterhin lediglich auf das Aufnehmen und Produzieren konzentrieren, oder auf die zahlreichen Nachfragen und positiven Rückmeldungen von Musikern und Fachzeitschriften eingehen und ein eigenes Label ins Leben rufen? In einer Zeit, in der praktisch alle großen Klassik-Label ihre Produktion eingestellt oder zumindest stark gedrosselt hatten, fiel die Entscheidung nicht leicht – aber sie fiel einstimmig aus: zugunsten einer offiziellen Vertriebsplattform für die GENUIN-Aufnahmen. Und der Erfolg hat nicht lange auf sich warten lassen.

Das Label GENUIN hat sich in seinem zwölfjährigen Bestehen zu einem Geheimtipp unter Musikern und Musikliebhabern entwickelt. Schon vor dem Leipzig-Debüt im Oktober 2004, einem Antrittskonzert im Robert-Schumann-Haus mit Paul Badura-Skoda, wurden die CDs in den deutschlandweiten Vertrieb gebracht und von Fachpresse und Musikerwelt hochgelobt. Inzwischen werden GENUIN-CDs in den meisten Ländern Europas sowie in Japan, Süd-Korea, Hongkong und den USA vertrieben.

Das Erfolgsrezept von GENUIN: Die gesamte Produktion, also die Beratung der Künstler bei Aufnahmeraum und Repertoire, die Vorbereitung und Durchführung der Aufnahme selbst, der Schnitt mit allen notwendigen Korrekturen, generelle Entscheidungen beim Cover- und Bookletentwurf bis hin zur fertigen Veröffentlichung liegen in der Hand der Tonmeister. Nur so haben die Musiker den größtmöglichen Entfaltungsspielraum bei der Einspielung und Gestaltung ihrer CDs. Und gleichzeitig kann bis zuletzt eine gleichbleibend hohe Qualität garantiert werden.

GENUIN bietet auch abseits ausgetretener Pfade etablierten Künstlern genauso wie der Nachwuchsgeneration die Möglichkeit, Musik nach eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Das macht sich positiv bemerkbar für die Hörer der mittlerweile mehr als 300 GENUIN-CDs mit Interpreten wie Paul Badura-Skoda, Nicolas Altstaedt oder der Dresdner Philharmonie.


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