> > > Bach, Johann Sebastian: Die Kunst der Fuge, arr. von Hans-Eberhard Dentler
Sonntag, 9. Dezember 2018

Bach, Johann Sebastian - Die Kunst der Fuge, arr. von Hans-Eberhard Dentler

Kunst des Sich-Fügens?


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die ultimative, einzig wahre Aufführung eines rätselhaften Werkes? Mit diesem Anspruch kommt eine Neuaufnahme daher (mit mehr als zwanzig Jahren Vorlauf). Überzeugend?

Hans-Eberhard Dentler hat ein sehr gelehrtes und zugleich sehr dogmatisches Buch über Bachs 'Kunst der Fuge' geschrieben (im Jahr 2000 erschienen auf Italienisch in Mailand 2000 und auf Deutsch bei Schott 2004). Das ‚pythagoreische Werk und seine Verwirklichung’ liegt ihm so sehr am Herzen, dass er schon 1996 das darauf zugeschnittene Ensemble L’Arte della Fuga gründete: Ein Quintett aus Violine, Bratsche, Violoncello, Kontrabass und Fagott leitet er aus Bachs im Autograph verwendeten Chorschlüsseln her, bringt sie mit pythagoreischer Sphärenharmonie und über diverse Autoren von Platon über Cicero bis Johannes Kepler mit den klingenden ‚Saiten’ als deren symbolischer Entsprechung zusammen (wobei auch das Singen, der Atem im Blasinstrument Raum erhält). Dentler widerspricht vehement gängigen Thesen, Bach habe die nicht näher bezeichnete Handschrift wahrscheinlich für Tasteninstrumente (insbesondere die Orgel) konzipiert, und leitet aus den akribisch nachgewiesenen Anzeichen pythagoreischen Denkens, welche durchaus nachvollziehbar die Werkstruktur bestimmen, seine konkrete Instrumentenbestimmung ab. Diese sei Teil einer Art ‚Rätsel‘, das Bach im Kontext seiner Mitgliedschaft in einer Geheimsozietät um Lorenz Christoph Mizler den anderen Mitgliedern stellte. Bereits die Söhne und die Erstausgabe scheinen diese Absicht nicht erkannt zu haben, wodurch sich auch keine entsprechende Aufführungstradition bildete.

Ob die gewaltige Zahl philosophischer Quellen, die Dentler in seinem Buch anführt, tatsächlich in Bachs Kreisen und Denken bekannt waren und inwieweit sich im weiteren Kontext eine absolute Schlüssigkeit der Besetzungsvorstellung Dentlers behaupten lässt, bleibt sicherlich diskutabel. Der aufwändig geschriebene und illustrierte Booklet-Text Dentlers ist jedenfalls viel lesbarer und interessanter als die doch sehr weit ausholenden Zitate, welche das für die 'Kunst der Fuge' angeblich essentielle philosophische Denken Bachs und der Sozietät verdeutlichen sollen. Das gewaltige Maß an Wissen und Wahrheit, das Dentler um dieses Werk konstruiert, ist allerdings für gewöhnliche Musiker und Hörer kaum einzuholen und nachzuvollziehen, auf dass sie wohl weiterhin weitgehend unwissend den vorhandenen und neuen Aufführungen gerade auch mit Klavier oder in diversen ‚orchestralen‘ Besetzungen folgen werden und möchten: Natürlich ist Sokolov ebenso ein Interpret mit einer intuitiv spannenden und interessanten Lesart wie der Versuch legitim, Klangfarben verschiedener Instrumente über das Werk zu legen: Die frühen Orchesterfassungen von Wolfgang Graeser (1924/27) oder Fritz Stiedry (1941), Bearbeitungen für Gitarren oder Saxophonquartett oder auch Wiedergaben mit historischen Instrumenten durch diverse Barockensembles (zuletzt etwa mit Mahan Esfahani) mögen für Dentler ‚Krisenmomente‘ der Rezeptionsgeschichte oder gar Geschmacklosigkeiten sein, zeigen aber gerade in der nicht absprechbaren Ernsthaftigkeit und Fantasie der dort Beteiligten, dass ein Werk wie die 'Kunst der Fuge' noch viel zeitloser und universeller funktioniert und inspiriert, als die ‚wahre‘ Beschränkung auf ein gelehrtes metaphysisches Rätsel für Insider es vermuten lässt.

Zur klingenden Seite bzw. Saite: Was Dentler selbst, ein Schüler Pierre Fourniers, am Violoncello und seine Mitstreiter aus den Reihen des Orchesters der Accademia Nazionale di Santa Cecilia über etwa 104 Minuten präsentieren, ist ein sehr homogener, wenig variantenreicher, dafür aber oft vibratoreicher Streicher-Grundklang, der auch durch das hinzutretende Fagott (meist als Double der Bass-Stimme) kaum Farbkontraste erhält. Die Spiegelung der harmonischen Sphären fällt dadurch etwas monochrom aus, erhält aber durch das spürbare emotionale Engagement der Musiker und das starke Vibrato durchgängig einen erhabenen, leidenden Grundaffekt. Historisierenden Aufführungspraktiken steht das ganz offensichtlich, ja unausgesprochen fast provokativ diametral entgegen. Aber die Bedeutung des Werks ist für Dentler ja auch keine historisierend relativierbare, sondern eine philosophisch absolute –was paradoxerweise das eher noch ganz aus einer Gefühlsästhetik des 19. Jahrhundert stammende, für sich selbst wiederum im Kern merkwürdig unreflektiert und intuitiv wirkende Musizieren dann doch etwas sonderbar wirken lässt.

Wie es so oft mit Dogmen ist: Der eigene Standpunkt erscheint selbstverständlich wahr und natürlich, jeder andere fehlgeleitet und feindlich. Vielleicht gilt das aber auch für die Perspektive des Rezensenten und dessen Dogma künstlerischer Freiheit und historischer Liberalität: Ich höre weiterhin ganz gerne, ja lieber die meisten anderen hochmusikalischen, intuitiv ebenso einleuchtenden und fantasievollen Darbietungen, egal, ob sie auf dem Konzertflügel oder Saxophon stattfinden. Und dennoch stellt für mich auch Dentlers Ansatz und die schön aufgemachte Produktion einen für sich genommen kennenzulernenden Standpunkt, eine ernstzunehmende, individuell reflektierte und reflektierbare Möglichkeit des Denkens und Musizierens angesichts dieses großen Meisterwerks dar. Auch wenn der philosophische wie musikalische Diskurs etwas angestrengt und anstrengend wirken.


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    Bach, Johann Sebastian: Die Kunst der Fuge, arr. von Hans-Eberhard Dentler

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
OehmsClassics
1
26.05.2017
EAN:

4260330918543


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OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


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