> > > Eisler, Hanns: Lieder Vol. 1
Donnerstag, 14. Dezember 2017

Eisler, Hanns - Lieder Vol. 1

Reifebeispiel


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Bariton Holger Falk und Steffen Schleiermacher am Klavier stiften in Liedern von Hanns Eisler zum Aufstand und zur Kuppelei an und erweisen dabei dem verkannten Musikermultitalent alle Ehre.

Der Bariton Holger Falk ist ein gutes Beispiel für künstlerische Reife. Sie impliziert einen festen Charakter und macht deutlich, was notwendig ist, um langfristig als Künstler zu überzeugen. Alles, was Holger Falk mit seiner klangtechnisch überaus flexiblen und vielfarbigen Stimme zum Klingen bringt, ist durchdrungen - musikalisch und gedanklich. Nicht lehrmeisterartig, sondern authentisch. So erlebt man ihn auf der Opernbühne und als Liedinterpret.

Seine Vorliebe für Zeitgenössisches mag man so oder so deuten. Gewiss ist: Sie bietet ihm den weitesten Spielraum für sein Können. Das gilt auch für ältere Komponisten, die immerhin im 20. Jahrhundert verortet sind, aber allein aufgrund dieser Tatsache und mangels Kenntnissen beim Publikum häufig eher für Abschreckung sorgen. Dazu zählt Hanns Eisler, aber weniger wegen seiner Töne. Aus Eislers Feder stammen 500 Lieder. Eine Auswahl, konzentriert auf wichtige Stationen und reduziert auf den Umfang, den 4 CDs zulassen, bringt das Label MDG jetzt auf den Weg. Nicht nur als Liedbegleiter am Klavier ist Steffen Schleiermacher mit im Boot. Er ist ein Experte der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts, ein kenntnisreicher Pianist und Dirigent, ein musizierender Wissenschaftler, alles vereinigt sich bei ihm zum Optimum einer gelingenden Rezeption. Das belegt auch die nun veröffentlichte erste der auf vier CDs angelegten Reihe.

Geboren in Leipzig, aufgewachsen in Wien, zwischen 1925 und 1933 in Berlin, danach 15 Jahre im Exil und ab 1948 bis zu seinem Tod in Ostberlin zuhause, ist Hanns Eisler als politisch engagierter Musiker mit gefährlich naiver wie unumstößlicher ideologischer Grundhaltung in Erinnerung. Das behindert lange Zeit eine sachlich fundierte Rezeption. Zunächst als Schüler von Arnold Schönberg in Wien mit einem Musikpreis für seine Klaviersonate op. 1 ausgezeichnet, hatte Eisler bald "keine Lust, eine Kunst auszuüben, wo man sein Gehirn in der Garderobe abgeben muss". Er geht nach Berlin, engagiert sich im marxistischen Arbeitermilieu und formuliert unmissverständlich seine Abkehr von der bürgerlichen Musikkultur. Seine Überzeugung gilt "einer revolutionären Kunst, deren Hauptzweck der Kampf- und Bildungscharakter ist". Bis zu seinem Tod 1962 komponiert er Marschlieder, Balladen, Arbeiterlieder, Kampflieder, Kunstlieder, Filmmusik, die 'Deutsche Symphonie' und die Nationalhymne der DDR. Stilistisch nutzt er, was ihm passend erscheint, von romantischen Klängen über eindeutig Expressionistisches bis hin zu Stilmitteln der Zweiten Wiener Schule. Bei allem erweist er sich als musikalisches Multitalent, das bewusst seine Werke mit dem Zeitgeschehen verknüpft, häufig bissig pointiert und voller Sarkasmus. Seine jüdische Abstammung und sein musikalischer Agitprop machen ihn zum Getriebenen. 1933 flieht er vor den Nazis zunächst durch Europa nach Amerika. 1948 wird er wegen seiner kommunistischen Haltung ausgewiesen, bei seiner Rückkehr in die Heimatstadt Wien angefeindet, im Ostteil Berlins herzlich begrüßt.

In seinen ersten Berliner Jahren ist es vor allem Bert Brecht, dessen Texte ihn beflügeln, und die Begegnung mit dem Sänger Ernst Busch. Es entstehen herzliche Künstlerfreundschaften und zahlreiche Lieder. Für die erste CD der Reihe wurde eine Auswahl an Liedern aus den Jahren zwischen 1925 und 1937 getroffen. Mit dabei ist das wohl berühmteste aus dieser Zeit, das 'Solidaritätslied' neben weiteren: 'Bankenlied', 'Die Ballade vom Wasserrad', 'Lied der Nanna', 'Lied von der belebenden Wirkung des Geldes', 'Das Kuppel-Lied', 'Das Vielleicht-Lied', 'Chorlied von der nützlichen Missetat', 'Ändere die Welt, sie braucht es', 'Grabrede für einen Genossen', 'Lob des Lernens', 'Die Spaziergänge', 'Sklave, wer wird Dich befreien', 'Oh Falladah, die du da hangest', 'Das Lied vom Anstreicher', 'Deutsches Lied 1937', 'Stempellied', 'Schlussballade', 'Lied der Mariken', 'Wenn der Igel in der Abendstunde', '2 Elegien', 'Das Lied vom SA-Mann', 'Ballade vom Baum und den Ästen', 'Der Räuber und sein Knecht', 'Ballade vom Soldaten' und 'Einheitsfront-Lied'. Die meisten Lieder basieren auf Texten von Berthold Brecht.

Zu jedem Lied hat Steffen Schleiermacher aufschlussreiche Kurztexte zu Anlass, Zielsetzung, musikalischem Material, Wirkung und Erfolg verfasst. Sie sind hilfreich wie unverzichtbar für den Einstieg. Denn Holger Falk und Steffen Schleiermacher interpretieren kompromisslos direkt. Sie scheuen nicht vor Biss, Häme und anderen Extremen und erzielen scharfzüngig-mitreißende, kurzweilige und immer wieder unterhaltende Momente. In dem Moment, da der Zuhörer die Distanz aufgibt, glaubt er sich mitten im Geschehen. Nach diesem Auftakt darf man auf die folgenden CDs gespannt sein.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Eisler, Hanns: Lieder Vol. 1

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
MDG
1
26.05.2017
EAN:

760623200125


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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