> > > Glière, Reinhold: Klaviermusik
Mittwoch, 13. Dezember 2017

Glière, Reinhold - Klaviermusik

Chopin im Kraftraum


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Gianluca Imperato hat Glieres Klavier-Hauptwerk, die 25 Preludes op. 30 (1907), eindrucksvoll für Brilliant Classics eingespielt, garniert mit zehn zwischen 1904 und 1955 komponierten Stücken aus anderen Zyklen.

In fast allen Klavier-Lexika sucht man Reinhold Glière (1874-1956) vergebens: Der Sohn des nach Kiew ausgewanderten sächsischen Instrumentenbauers Ernst Moritz Glier ist vor allem als Orchester- bzw. Ballett-Komponist im Gedächtnis sowie als früher Moskauer Lehrer von Mjaskowskij und Prokofjew. Seine bemerkenswertesten Klavierwerke schrieb Glière wohl in seiner Berliner Zeit 1905 bis 1908, wo er Komposition und Dirigieren bei Oskar Fried studierte (Ertrag war seine Zweite Symphonie), sich aber offenbar auch neben Rachmaninow und Skrjabin als Vertreter der großen Generation Moskauer ‚pianist-composers‘ etablieren wollte (seine spieltechnische Ausbildung hatte er bei Alexander Goldenweiser vorangetrieben, ebenfalls Vertreter dieser von herausragenden Lehrern wie Alexander Siloti, Swerew, Safonow und Pabst geformten Pianistenschule). Glières mit Opuszahlen publizierte Reihe von Klavierwerken beginnt 1904 mit einem Scherzo (op. 15), fünf 'Skizzen' (op. 17) und einer Koppelung von Prélude und Romanze als Opus 16. Eben dieses letztere schöne Lied ohne Worte stellt Imperato aus dieser Phase vor: Diese Romanze weist eine reizend eingängige Klavierfloskel und einen sich gewaltig melancholisch aufspreizenden Melodiebogen à la Rachmaninow auf; wäre es von diesem, würde es wohl zu dessen bekanntesten Stücken gehören.

Den Großteil dieser Auswahl-CD nehmen aber Glières Klavierprodukte aus dem Jahr 1907 ein: Gleich zu Beginn erklingt der alleine bereits 53 Minuten umfassende Zyklus von 25 Préludes, die – anders als in Chopins vorbildlichem Opus 28 – in Paaren von Dur und Moll chromatisch ansteigend geordnet sind und in ein zweites, finales C-Dur-Prélude münden, das wie eine Übersteigerung des Finalsatzes von Chopins b-Moll-Sonate op. 35 wirkt, in die zunehmend triumphierende Rachmaninow-Grandezza implantiert worden ist. Gianluca Imperato spielt das anfangs etwas vorsichtig, am Ende jedoch noch überwältigender als Anthony Goldstone, der erst vor wenigen Jahren ebenfalls diesen kompletten Zyklus für seine Reihe russischer Klaviermusik beim Lable Divine Arts vorlegte (hier wie dort hätten die Préludes als unzweifelhaftes Hauptstück statt ‚Piano Music‘ auf das Cover gemusst).

‚Transzendentale‘ Chopin-Rezeption

In Wahrheit verbirgt sich unter Glières Prélude-Begriff eine Synthese der Kunst stimmungsvoller Klavier-Spielereien durch alle Tonart- und Genre-Regionen, wie sie nach Chopin auch Rachmaninow und Skrjabin etabliert haben, mit der Tradition hypervirtuoser Etüden-Zyklen der Schule Franz Liszts, die sich über Siloti und Sergej Ljapunows 'Douze études d‘exécution trancendante' – Opus 11, entstanden 1897 bis 1905! – auch in Russland etabliert hat. Während Rachmaninow später die Etüde als 'Etude-tableau' ins Poetische des Charakterstücks zurückführt, stellen Glières 'Préludes' die fast schon protzige Überwältigung Chopin‘scher Melodie- und Harmoniemuster durch oft hochchromatisiert-fülligen Akkordsatz heraus. Schon in der Eingangsnummer sind in den Akkord-Kaskaden meist mehr als die Hälfte der Finger gleichzeitig im Einsatz. Imperatos Einstieg in das Programm mutet hier wiederum etwas zu defensiv an, macht man sich nicht über die im Internet zugänglichen Noten die Anforderungen klar, die den Pianisten im Verlauf der in fünf Heften angeordneten Übungssätze generell erwarten.

Von Stück zu Stück wird deutlicher: Eine Konzertaufführung müsste unmenschlich scheinen, nicht nur für Aufführende (die hier ja im Studio noch beliebig pausieren könnten), sondern vor allem auch für Zuhörer (auch wohlgeübteste wie mich), bei denen sich spätestens im dritten oder vierten Satz zwangsläufig Ermüdungserscheinungen einstellen. Es gibt viele musikalische Highlights: die dichte Anspielung auf bzw. von Chopins berühmtem c-Moll-Prélude, das Busoni und Rachmaninow ja variierten, im zweiten Stück von Opus 30; ein weiterer veritabler Rachmaninow-Wurf in e-Moll, schön wellig gespielt; eine grandiose 6/8-Walzer-Mutation (Nr. 20 a-Moll). Dass einem aber so oft unverstellt der virtuos paraphrasierte Chopin oder konkurrierend Rachmaninow einfallen, zeugt dann doch von einem gewissen Mangel an eigenständigem Ton, den man Glière in Opus 30 und auch in den kleinen Beiwerken attestieren muss. Das in chromatischem Vorantasten entstehende harmonische Randgebiet, das sich Skrjabin und seine Nachfolger so sorgsam gerade in skizzenhaften Stücken erarbeiten, wird in Glières Stücken nur gestreift, und gerade die beiden von Imperato ans Tonträger-Ende gestellten Stücke op. 99, ein 'Impromptu für die linke Hand' und eine 'Melodie' von 1955, stellen eine Rückkehr dar in die Dur-Moll-Wohlfühloase des spätromantischen bürgerlichen Salons (und das bei einem nach 1917 überzeugten Funktionär des sowjetischen Musiklebens).

Imperato liegt das Salonhaft-Melodische, Pittoreske der im Anschluss an Opus 30 ausgewählten Kinderstücke op. 31 und Skizzen op. 47 hervorragend: Neben der frühen Romanze (Track 26) gehört das volkstümlich gefärbte 'Gajamente' (Track 31) zu den Stücken mit hohem Ohrwurmfaktor. Überhaupt wirkt das letzte Drittel der Platte wie ein höchst entspanntes Auslaufen nach dem harten Muskeltraining für Finger und Ohren – in das man auch bei Ermüdung nach einem knappen Dutzend Préludes vorspringen kann und sollte. Gianluca Imperato, der Athlet, schlägt sich jedenfalls beeindruckend mit viel Sinn für Tempi- und Dynamik-Abstufungen. Goldstone (Divine Art) ist zwar steter im jeweiligen Grundrhythmus, den Imperato etwa im schwierigen cis-Moll-Prelude (3/4 bzw. strikte 9/8?) etwas zu sehr aufdehnt, doch Goldstones Spiel wirkt tatsächlich etwas weniger ausgearbeitet, monochromer, was bei dem dichten Satz der Stücke stellenweise zur Ermüdung beiträgt – wie eine in beiden Aufnahmen etwas zu kompakte, leicht basslastige Aussteuerung des Flügels.

Oberflächlich und nicht immer klar informierend und zwischen Biographie und Werkbeschreibung etwas sprunghaft wechselnd der nur auf Englisch und Italienisch enthaltene, dafür nicht zu knappe Einführungstext, schön die graphische Aufmachung. Nicht zuletzt der günstigere Preis dürfte ein Argument dafür sein, die gute Figur von Imperato unter Höchstbelastung zu bewundern.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Glière, Reinhold: Klaviermusik

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Brilliant classics
1
12.05.2017
EAN:

5028421952963


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Brilliant classics

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Mit den Veröffentlichungen von komplettierten Gesamtwerks- Editionen und Zyklen berühmter Komponisten, hat sich das Label erfolgreich am Musikmarkt etabliert. Der Klassikmusikchef, Pieter van Winkel, ist Musikwissenschaftler und selbst Pianist. Mit seinem professionellen musikalischen Gespür für den Klassikmarkt, hat er in den letzten Jahren ein umfangreiches Klassikprogramm aufgebaut. Neben hochwertigen Lizenzprodukten fördert er mit Eigenproduktionen den musikalischen Nachwuchs und bietet renommierten Musikern eine ideale Plattform.


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