> > > Scheidt, Samuel: Geistliche Konzerte
Mittwoch, 15. August 2018

Scheidt, Samuel - Geistliche Konzerte

Doppel-Porträt


Label/Verlag: Christophorus
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ein schönes Album, das Licht auf Scheidt und seine Zeit wirft. Dazu ein feines Porträt der tenoralen Möglichkeiten Knut Schochs.

Der Hallenser Samuel Scheidt steht in der Rezeption der Gegenwart durchaus im Schatten seiner prominenten Zeitgenossen Heinrich Schütz und Johann Hermann Schein. Dabei ist sein Werk fast vollständig in Druck gegangen und überliefert. Doch muten etwa die Kompositionen seiner dreibändigen ‚Geistlichen Concerte‘ im ersten Zugriff nicht selten altmodisch an ob ihrer choralgebundenen Setzweise. Scheidt deutet diese formal strengen Vorlagen nach allen Regeln der variativen Künste aus, gewinnt den strophischen Vorlagen auch textdeutende Nuancen ab – freilich in einem relativ engen Korsett, mit Fantasie umspielt von eigenständigen Instrumentalstimmen. Konzerte dieser Sammlungen machen den Kern der aktuellen Platte des Tenors Knut Schoch und des Ensembles I Sonatori aus. Dass Scheidt große rhetorische Freiheiten zu nutzen verstand, zeigt 'Die Güte des Herren' aus der Sammlung ‚Liebliche Kraftblümelein‘ von 1635: Hier arbeitet er auf der ästhetischen Höhe der Zeit, sogar personalstilistisch fassbar mit teils sehr kleinen, akribisch zerlegten Motiven.

Kommentierend und kontrastierend sind Werke von Melchior Franck, Andreas Hammerschmidt, Johann Erasmus Kindermann und Thomas Selle zu hören – als Echo des Scheidtschen Netzwerks, als Ausschnitt der breit gestreuten kompositorischen Kompetenz jener Zeit. Und es gibt eine rein instrumentale Sphäre, mit Scheidt, dem bedeutenden Orgelkomponisten, und mit Canzonen von Bartolomeo de Selma y Salaverde als einer besonders profilierten Stimme reiner Instrumentalmusik der Zeit. Ein interessantes Programm, durchaus abwechslungsreich, dem eine noch stringentere Schwerpunktsetzung, ein systematisch stärkerer Zugang vielleicht gutgetan hätte.

Zutreffend

Prägende Größe der Platte ist der Hamburger Tenor Knut Schoch, der einen angenehm lyrischen Ton entfaltet, zwar schlank und ansprechend beweglich, aber zugleich mit einer klug dosierten Expansionsfähigkeit. Schoch nobilitiert auf diese Weise auch die schlichten Gesten bei Scheidt. Seine vorzügliche Diktion, natürlich und präzis gleichermaßen, lässt ihm erzählerische Kraft zuwachsen. Schochs Stimme ist die Konstante im Kontrast von expliziertem Choral und instrumentaler Diminution, fügt nonchalant das Moment des sprachinspirierten Musizierens hinzu. Das Ensemble I Sonatori setzt sich aus Instrumentalisten zusammen, die sich vor allem als Mitglieder bekannter Barockformationen profiliert haben, etwa beim Freiburger Barockorchester oder L‘Arpa Festante. Christa Kittel auf der Violine, Ursula Bruckdorfer auf dem Bassdulzian, Isolde Kittel-Zerer an der Orgel und Haralt Martens auf dem Violone profilieren sich sehr deutlich: Die solistische Besetzung ist zu vielfältiger Kontur und Farbigkeit befähigt. Violine und Dulzian treten in den Canzonen gleichermaßen überzeugend hervor, technisch wie expressiv. Die Truhenorgel von Jürgen Lutz erweist sich als klanglich charmante Grundierung, scheint aber solistisch von beschränkter Aussagekraft. Das Klangbild ist konzentriert und präzis, wirkt angenehm körperreich und voluminös.

Ein schönes Album, das Licht auf Scheidt und seine Zeit wirft. Dazu ein feines Porträt der tenoralen Möglichkeiten Knut Schochs.


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Scheidt, Samuel: Geistliche Konzerte

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Christophorus
1
07.04.2017
EAN:

4010072774118


Cover vergössern

Christophorus

Christophorus ist das älteste deutsche Plattenlabel mit dem Schwerpunkt "Geistliche Musik". Es wurde 1935 gegründet, um religiöse Inhalte mittels Schallplatten und Bücher auch während des Nazi-Regimes zu verbreiten. Heute - mehr als 75 Jahre später - stehen spirituelle Themen weiterhin im Mittelpunkt des Labels, mit besonderem Interesse für unbekannte Werke und historische Interpretation. Gregorianische Gesänge, geistliche Vokalmusik, Musik der christlichen Kirchen und die Gesänge aus Taizé sind im Katalog ebenso vertreten wie Musik des Mittelalters und der Renaissance. Mit diesem Repertoire gilt Christophorus heute als eines der wichtigsten unabhängigen Labels auf dem internationalen Klassikmarkt.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Christophorus:

  • Zur Kritik... Kriegsgedenken: Eine sehr ansprechende Präsentation überwiegend wenig bekannter Werke aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges durch das Johann Rosenmüller Ensemble. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Kirchenmusikalische Tradition: Rhetorisch weitgehend sehr überzeugende Interpretationen eher unbekannter Telemann-Kantaten. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Cellosuiten für Gitarre: Nicht so dramatisch wie auf dem Cello, dafür sehr harmonisch - Bachs Cellosuiten auf der Gitarre. Dass diese Kombination viel für sich hat, beweist Tilman Hoppstocks neue Bach-CD. Ein facettenreiches Album. Weiter...
    (Sara Walther, )
blättern

Alle Kritiken von Christophorus...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Matthias Lange:

  • Zur Kritik... Kriegsgedenken: Eine sehr ansprechende Präsentation überwiegend wenig bekannter Werke aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges durch das Johann Rosenmüller Ensemble. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Famos: Schütz' 'Symphoniae Sacrae', zweiter Teil: Diese Musik hat in Rademann und seinen versierten Formationen ideale Anwälte gefunden. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Lebendige Musikpflege: Eine runde und hochwertige h-Moll-Messe und ein lebendiges Abbild der engagierten und fruchtbaren Arbeit Michael Schönheits in Merseburg. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Matthias Lange...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Kriegsgedenken: Eine sehr ansprechende Präsentation überwiegend wenig bekannter Werke aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges durch das Johann Rosenmüller Ensemble. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... 5-Sterne-Beethoven: Beeindruckend, wie der niederländische Pianist Ronald Brautigam seinen nachgebauten Broadwood-Hammerflügel zum Klingen bringt: Auch neben den alten Starpianisten wie Gilels oder Richter kann sein einfühlsames und virtuoses Spiel beeindrucken. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Auf die schottische Art: Schottische Volkslieder werden in der vorliegenden Interpretation von drei Klaviertrios Leopold Kozeluchs eher als exotisches Beiwerk denn als essenzieller Teil der Musik gesehen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/2018) herunterladen (3001 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Franz Lachner: Symphony No.3 op.41 in D minor - Andante con molto quasi Allegretto

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Isabelle van Keulen im Portrait "Mir geht es vor allem um Zwischentöne"
Isabelle van Keulen im Gespräch mit klassik.com über ihre Position als Artist in Residence der Deutschen Kammerakademie Neuss am Rhein, historische Aufführungspraxis und das Spielen ohne Dirigent.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich