> > > Graupner, Christoph: Das Leiden Jesu - Passion Cantatas I
Donnerstag, 24. August 2017

Graupner, Christoph - Das Leiden Jesu - Passion Cantatas I

Alternative für die Passionszeit


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Christoph Graupner ist immer eine besonders interessante Stimme des sehr späten Barock – eigenwillig, selbstständig, bei aller Souveränität in der Beherrschung des Überkommenen ästhetisch erkennbar nach vorn gewandt.

Immer wieder kommen Perlen aus dem mit weit über 1.100 Arbeiten unfassbar umfangreichen Kantaten-Werk Christoph Graupners zu Gehör, immer mit schönem Ertrag, so auch hier, auf der aktuell bei cpo erschienenen Platte, die Florian Heyerick mit seinem Vokalensemble Ex Tempore und der Mannheimer Hofkapelle eingespielt hat. Zu hören sind drei Passionskantaten aus einer Folge von zehn, die Graupner 1741 in enger Zusammenarbeit mit seinem Schwager und kongenialen Textdichter Johann Conrad Lichtenberg geschrieben hat. Es ist durchaus vorstellbar, die Reihe zu einer größeren Einheit zusammenzufügen, etwa nach Art des Bachschen Weihnachtsoratoriums. Deutlich erkennbar wird in den Kantaten Graupners unverwechselbarer Personalstil, den er in jahrzehntelanger Konzentration auf seine Darmstädter Aufgaben ausgebildet hatte: Graupner schreibt rhetorisch kundig, zugleich illustrativ, reich an Farben; die Gelehrsamkeit steht weniger im Vordergrund als bei Bach. Graupners Ansatz ist leichter, hat einen fast eleganten Ton, der in lichtem Satz auch ästhetisch nach vorn schaut. Andererseits sind in seinen durchaus poetischen Rezitativen, in den charaktervollen Arien immer Untertöne zu hören, ist die Musik nie plakativ oder allzu leicht fasslich – Graupner legt Widerhaken aus. Und auch formal erweist sich seine Kompositionsweise als durchaus eigenständig, bei deutlicher Betonung eines choralen Zentrums.

Subtile Könner

Eigenwillig ist auch manche instrumentale Farbe: In der abschließenden Kantate 'Fürwahr, er trug unsere Krankheit' GWV 1125/41 sind drei Chalumeaux zu hören, Vorläufer der Klarinette, die das Bild in Kombination mit dem Fagott durchaus charmant prägen. Florian Heyerick lässt in sehr schmaler, weitgehend solistischer Besetzung spielen, in entschiedenen Klanggestalten, die Graupners variantenreichen Satz deutlich profilieren. Bei aller Konzentration auf ein beredtes Spiel kommen auch andere Facetten zur Geltung, die Zeichnung des Fragilen in Graupners Satz etwa oder die Explikation delikater Linien. Heyerick musiziert das in einem Tableau entspannter Tempi, das leichte, durchaus heikle Gewebe mit Geschmack entfaltend. Diesem ersten Teil des Passions-Zyklus‘ von 1741 verhelfen erstklassige Vokalisten zu einiger Wirkung: Solistisch sind es Doerthe-Maria Sandmann und Simone Schwark im Sopran, Marnix de Cat als Altus, Jan Kobow als Tenor sowie Dominik Wörner und Robbert Muuse als Bässe. In den Chören mit einigen weiteren Sängern zu einem kleinen Ensemble ergänzt, singen sie das Idiom Graupners ganz selbstverständlich: Einerseits schlicht und technisch meist kein Feuerwerk zündend, andererseits mit einer erstaunlich deutlich erkennbaren musikdramatischen Grundierung. Das Klangbild ist natürlich und frei geraten, wirkt sehr schön gegliedert und pointiert im Abbild des zarten vokal-instrumentalen Gewebes.

Christoph Graupner ist immer eine besonders interessante Stimme des sehr späten Barock – eigenwillig, selbstständig, bei aller Souveränität in der Beherrschung des Überkommenen ästhetisch erkennbar nach vorn gewandt. Der Rezensent bekennt, sich mit Graupners Musik noch nie gelangweilt zu haben. Das reich überlieferte, in seiner Fülle noch zu wenig bekannte Werk des Darmstädters bietet eine Fülle an Möglichkeiten. Man kann nur hoffen, dass diese erste Folge nicht die letzte in der Reihe der Passionskantaten ist und Florian Heyerick die zehn Kantaten vollständig aufnimmt. Zu wünschen wäre es.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Graupner, Christoph: Das Leiden Jesu - Passion Cantatas I

Label:
Anzahl Medien:
Spielzeit:
cpo
1
68:41
EAN:
BestellNr.:

761203507122
cpo 555 071-2


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Graupner, Johann Christoph
 - Erzittre, toll und freche Welt, GWV 1120/41 - Accompagnato: Erzittre, toll´ und freche Welt (Tenor)
 - Erzittre, toll und freche Welt, GWV 1120/41 - Arioso: Ach, Vater in der Höhe (Bass)
 - Erzittre, toll und freche Welt, GWV 1120/41 - Rezitativ: Wie bitter muss der Trunk nicht sein (Sopran)
 - Erzittre, toll und freche Welt, GWV 1120/41 - Dictum: Gott hat den, der von keiner Sünde wusste (Chor)
 - Erzittre, toll und freche Welt, GWV 1120/41 - Duett: Jesus fühlet Höllenflammen (Sopran, Alt)
 - Erzittre, toll und freche Welt, GWV 1120/41 - Arioso: Ach Vater in der Höhe (Bass)
 - Erzittre, toll und freche Welt, GWV 1120/41 - Accompagnato: Ach, Sünder kannst du noch so wild (Sopran)
 - Erzittre, toll und freche Welt, GWV 1120/41 - Choral: Tritt her und schau mit Fleiße (Chor)
 - Erzittre, toll und freche Welt, GWV 1120/41 - Aria: Erweicht, ihr harten Sünderherzen (Bass)
 - Erzittre, toll und freche Welt, GWV 1120/41 - Accompagnato: Schau, Seele, wie dich Jesus liebt (Accompagnato)
 - Erzittre, toll und freche Welt, GWV 1120/41 - Choral: Wie heftig unsre Sünden (Chor)
 - Christus, der uns selig macht, GWV 1121/41 - Choral: Christus, der uns selig macht (Chor)
 - Christus, der uns selig macht, GWV 1121/41 - Accompagnato: Mein Jesu, Seelenbräutigam (Bass)
 - Christus, der uns selig macht, GWV 1121/41 - Aria: Schwert und Stangen, starke Scharen (Sopran)
 - Christus, der uns selig macht, GWV 1121/41 - Accompagnato: Die Andacht steht entzückt (Sopran)
 - Christus, der uns selig macht, GWV 1121/41 - Aria: Das Lamm, mein Heiland, liegt gefangen (Sopran)
 - Christus, der uns selig macht, GWV 1121/41 - Accompagnato: Gebundnes Lämmlein (Tenor)
 - Christus, der uns selig macht, GWV 1121/41 - Choral: Du, ach du hast ausgestanden (Chor)
 - Fürwahr, er trug unsere Krankheit, GWV 1125/41 - Dictum: Fürwahr, er trug unsere Krankheit (Chor)
 - Fürwahr, er trug unsere Krankheit, GWV 1125/41 - Rezitativ: Soll der kein Sünder sein (Tenor)
 - Fürwahr, er trug unsere Krankheit, GWV 1125/41 - Dictum: Aber er ist um unserer Misstat willen verwundet (Chor)
 - Fürwahr, er trug unsere Krankheit, GWV 1125/41 - Aria: Menschenfreund, ach welch Verlangen (Sopran)
 - Fürwahr, er trug unsere Krankheit, GWV 1125/41 - Accompagnato: Ihr Sünder, wollt ihr nicht erschrecken (Bass)
 - Fürwahr, er trug unsere Krankheit, GWV 1125/41 - Aria: Harte Herzen (Bass)
 - Fürwahr, er trug unsere Krankheit, GWV 1125/41 - Accompagnato: Denkt, was ein Heide spricht (Tenor)
 - Fürwahr, er trug unsere Krankheit, GWV 1125/41 - Choral: Seht, welch ein Mensch ist das! (Choral)


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Dirigent(en):Heyerick, Florian
Orchester/Ensemble:Barockorchester Mannheimer Hofkapelle


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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