> > > Mayer, Emilie: Klaviertrios
Mittwoch, 18. Oktober 2017

Mayer, Emilie - Klaviertrios

Mayer, E., Komponistin


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Zwei 1861 publizierte und nun erstmals eingespielte Klaviertrios unterstreichen die Wertschätzung, die Emilie Mayer (1812-1883) als Komponistin Mitte des 19. Jahrhunderts erfuhr - trotz Schwächen ihrer heutigen Interpretation.

Emilie Mayer dürfte tatsächlich – auch ohne rezeptionsfördernd mit einem berühmt(er)en Komponisten verschwistert oder verheiratet gewesen zu – die möglicherweise bedeutendste deutsche Komponistin im 19. Jahrhundert gewesen sein. Im ausgezeichneten Porträt, das Almut Runge-Woll im Booklet zeichnet, wird die ganze Bandbreite vor allem der Instrumentalkompositionen der Mecklenburgerin deutlich gemacht: acht ‚große‘ Symphonien, flankiert von einer größeren Reihe Konzert-Ouvertüren (anfangs überwiegend ohne programmatische Sujets) als stetiges Übungsfeld und Experimentierzone orchestral ausgerichteter Sonatensatzformen, dazu gängige Formen der kammermusikalischen Hauptgattungen in auch nicht geringer Stückzahl. Ein wissenschaftlich solides Werkverzeichnis, das merkt man an manch vager Zahl auch im Abschnitt über das Klaviertrio-Schaffen – bleibt bisher noch Desiderat (Runge-Wolls Monographie im Verlag Peter Lang über die Komponistin datiert von 2003, aktueller ist die Seite zur Komponistin in der Datenbank MuGi, Musik und Gender im Internet, der Hochschule für Musik und Tanz in Hamburg).

Nach Stand des Booklets sind acht Klaviertrios von Mayer nachgewiesen (laut von Runge-Woll nicht explizit genannter Quellen gesprochen können es auch bis zu zwölf Gattungsbeiträgen gewesen sein): sechs im Manuskript und zwei 1861 in Berlin gedruckte mit den Opus-Zahlen 13 und 16 (der vorher erwähnte dritte Druck eines Trios als Opus 12 ist offenbar auch nicht mehr erhalten). Ein nicht näher bestimmtes Trio Mayers wurde 1860 bei einem Kompositionswettbewerb in Mannheim von einer Jury um Franz Lachner und Ferdinand Hiller belobigt und dürfte wahrscheinlich unter den drei gedruckten gewesen sein (Runge-Woll enthält sich allerdings korrekt solcher Spekulationen). Die beiden erhaltenen Drucke sind auf diesem Tonträger zu finden; Opus 16 hat Mayer ihrem Kompositionslehrer Lehrer zwischen 1841 und 1846 gewidmet: Carl Loewe (dem 1847 nach Umzug nach Berlin A.B. Marx folgte). Die Pionier-Aufnahme des Labels cpo und des Trio Vivente widmet sich also den beiden exponiertesten der vorhandenen Klaviertrios Mayers.

Zwei 1861 veröffentlichte Trios im Gefolge Mendelssohns

An der überdurchschnittlichen kompositorischen Qualität dieser Werke im Kontext ihrer Zeit dürfte schon beim ersten Anhören kein Zweifel bestehen: Das den Tonträger 'Allegro di molto e con brio' eröffnende h-Moll-Trio op. 16 präsentiert ein zugkräftiges, rhythmisch treibendes Eingangsthema, das wie das lyrische Gegenstück zwar durchaus an den Ton Mendelssohns erinnert (Oktett, aber auch d-Moll-Trio), in der motivischen und chromatischen Arbeit aber auch Beethovens Sinn für Abspaltungen und die emotionale Dringlichkeit der Musik Schumanns in Erinnerung ruft, ohne im Geringsten epigonal zu wirken. Die beiden Mittelsätze wirken etwas schwächer: Der 'Adagio'-Gesang kommt anfangs reichlich umständlich in Gang, durchgehend etwas zu rasch und flach gespielt von den Musikerinnen, die auch im Scherzo einen wieder eher von Beethoven herrührenden rhythmischen Druck des Themas in ihrer Einebnung eines dynamisches Vortrags völlig verschenken (man ahnt allerdings das Potential des Satzes). Im Finalsatz gelingt zwar eingangs schöner Stimmen-Dialog, es fehlt aber wiederum an einem schlüssigen Konzept hinsichtlich Tempi und klanglicher Dramaturgie des emotionalen Ausdrucks.

Dass zudem die Geigerin Anne Katharina Schreiber nicht immer sauber intoniert, wird besonders im 'Notturno' op. 48 für Violine und Klavier deutlich, das als Intermezzo vor dem Trio Opus 13 fungiert: Schreiber, als Mitglied des Freiburger Barockorchesters eher auf vibratoreduziertes Spiel fixiert, stellt im Gesamtklang des Trio Vivente hinsichtlich dynamischer Ausgewogenheit ein Grundproblem dar, das offenbar auch Pianistin Jutta Ernst zu oft zur Zurückhaltung zwingt. Ernst zeigt in den raschen Triosätzen durchaus ihr virtuoses Vermögen; der Klavierklang wirkt allerdings auch aufnahmetechnisch nicht immer mit genügend Klangvolumen auch in den höheren Lagen ausgestattet, und manch rhythmisches Element wirkt im Verein der drei Stimmen nicht immer synchron, was auch an auffälligen und störenden kleinen Binnen-Schwankungen im den angeschlagenen Grundtempi liegen mag (vor allem im ‚Loewe-Trio‘ Opus 16). Das wirkt stellenweise nicht gut geprobt oder eben doch etwas konzeptlos.

Problematischer Violinklang

Opus 13 ist interpretatorisch – vor allem dank Jutta Ernst, die u.a. in den Figurationen des jetzt spannend gestalteten Scherzo ganz hinreißend spielt – und wohl auch kompositorisch das ansprechendere Werk. Die hymnischen, aus der Tradition heraus ganz eigenständigen lyrischen Momente im 'Larghetto' sind in Anne Kathrin Schreibers hier einmal entwickelter Emphase gut getroffen, und die untadelig zurückhaltende Rolle, die Cellistin Kristin von der Goltz in beiden Trios spielt, wird in den Ecksätzen gerade durch ihre auffällige Begleitfunktion deutlich, wo sie sich wechselnd Geige oder Klavier als Protagonisten unterordnet. Mayers Trios behandeln in der Tat das Cello etwas stiefmütterlich, und aus der Cinderella-Funktion macht von der Goltz tatsächlich das Beste. Somit darf hier eine am Ende doch überwiegend zufriedenstellende bis gute Interpretationsleistung trotz Abstrichen bei der Geigerin attestiert werden, wie auch die kompositorische Diagnose entdeckenswerter Stücke außer Frage steht – um Mayers Individualstil zu entdecken, ihn genauer bestimmen zu können, wäre allerdings Zugang zu ihren weiteren Orchester- und Kammermusikwerken unabdingbar. Eine Symphonie und Violinsonaten nebst kleineren Werken sind schon anderweitig eingespielt worden, und eine kleine Mayer-Reihe stünde dem Label als weitere verdienstvolle Unternehmung gut zu Gesicht.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Mayer, Emilie: Klaviertrios

Label:
Anzahl Medien:
Spielzeit:
cpo
1
63:22
EAN:
BestellNr.:

761203502929
cpo 555 029-2


Cover vergössern

Mayer, Emilie
 - Klaviertrio h-Moll op. 16 - Allegro di molto e con brio
 - Klaviertrio h-Moll op. 16 - Un poco Adagio
 - Klaviertrio h-Moll op. 16 - Scherzo. Allegro assai
 - Klaviertrio h-Moll op. 16 - Finale. Allegro
 - Notturno für Violine und Klavier d-Moll op. 48 -
 - Klaviertrio D-Dur op. 13 - Andante maestoso
 - Klaviertrio D-Dur op. 13 - Larghetto
 - Klaviertrio D-Dur op. 13 - Scherzo
 - Klaviertrio D-Dur op. 13 - Presto


Cover vergössern

cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag cpo:

  • Zur Kritik... Früher Lehár aus Ischl: Diese 'Juxheirat' ist wieder mal was für Entdecker oder Bad-Ischl-Reisende, die ihre Lehár-Diskografie erweitern möchten. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Kein Liebesdienst: Die Deutung von Georg Schumanns Sinfonie f-Moll bleibt leider hinter den Möglichkeiten der Musik zurück. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Boston in Bremen: Besser kann man einem Komponisten nicht dienen, gelungener kann man als Hörer nicht für einen doch eher am Rande Bekannten gewonnen werden. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von cpo...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Hartmut Hein:

  • Zur Kritik... Elspeth Wyllie & Friends: Ein Debüt-CD wie eine Küchen-Party: Eine schottische Pianistin lädt ihre Freundinnen ein, und jede bringt etwas anderes mit. Nicht alles ist gleich gut gelungen, manches aber hervorragend. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Zwiespältig: Im Kontext seines zweiten Sibelius-Zyklus aus Minneapolis hat Osmo Vänskä jetzt auch die Vokalsymphonie 'Kullervo' integriert, gekoppelt mit einem gezielt als deren Konzert-Ergänzung in Auftrag gegebenen Werk von Olli Kortekangas. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Jongleure nicht nur der Operetten-Idiome: Unterhaltsam, ja spannend ist Künnekes Konzert von 1935 zweifellos, so, wie es hier von Oliver Triendl am Klavier und dem Münchner Rundfunkorchester überzeugend präsentiert wird. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Hartmut Hein...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Beethoven für Millennium Snowflakes: Nun also Lars Vogt im New Millennium Look, zusammen mit der Royal Northern Sinfonia aus Sage, Großbritannien. Das Orchester dirigiert er gleich selbst. Irgendwie selbstverständlich in unseren DIY-Zeiten. Weiter...
    (Dr. Kevin Clarke, )
  • Zur Kritik... Ein Weihnachtsoratorium: Das Engagement der Ensembles und des Dirigenten für dieses noch immer selten gespielte Weihnachtsoratorium von Graun ist hocherfreulich und verdienstvoll. Vermutlich wird nichts Kanonisches ersetzt. Eine lohnende Alternative ist es dennoch. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Elspeth Wyllie & Friends: Ein Debüt-CD wie eine Küchen-Party: Eine schottische Pianistin lädt ihre Freundinnen ein, und jede bringt etwas anderes mit. Nicht alles ist gleich gut gelungen, manches aber hervorragend. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

Class aktuel (3/2017) herunterladen (0 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (10/2017) herunterladen (0 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Georg Matthias Monn: Konzert in B-Dur - Allegro

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Winfried Rademacher im Portrait "In jedem Ton schwingt der Mensch mit, der ihn produziert"
Winfried Rademacher sucht als Geiger auch gerne Kostbares auf Nebenwegen

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich