> > > Ben-Haim, Paul: Sinfonie Nr. 2
Sonntag, 22. Oktober 2017

Ben-Haim, Paul - Sinfonie Nr. 2

Referenz an Komponist wie Interpretation


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Als Anfang 2015 Israel Yinon mitten im Dirigat der 'Alpensinfonie' einen Herzinfarkt erlitt und kurz darauf starb, verlor die Musikwelt einen großen Dirigenten und Anwalt der Vergessenen. Jetzt würdigt das Label cpo Israel Yinon in mehrfacher Hinsicht.

Israel Yinon war ein Dirigent, der mit vollem Körpereinsatz und ganzer Seele dirigierte und dabei den Musikern Extreme in jeglicher Hinsicht abverlangte, die sie in voller Überzeugung ausführten. Ob als Inspiration oder Ergebnis gründlichster Analyse erklärt, erlebte man ihn als Anwalt wahrhafter Interpretationen und vergessener oder noch unbekannter Werke. Dazu zählt das Schaffen von Paul Ben-Haim alias Paul Frankenburger.

1897 in München geboren, war Frankenburger zwischen 1924 und 1931 Kapellmeister an der Oper in Augsburg. Im Oktober 1933 emigrierte er nach Palästina und ließ sich in Tel Aviv nieder. Alle bislang auf Deutsch formulierten Titel seiner Werke wandelte er in französische Titel um. Seine Symphonie Nr. 2, während des Krieges komponiert und in den letzten Kriegstagen 1945 vollendet, trägt einen englischen Titel und seinen neuen Namen Paul Ben-Haim. Damit signalisierte der Komponist nach außen, dass er im Exil eine neue Heimat gefunden hatte.

'Wach auf mit dem Morgen, o meine Seele, auf dem Gipfel des Karmel über dem Meer': Dieses Zitat ziert das Autograph der Zweiten Symphonie und unterstreicht die durchweg hoffnungsvoll optimistische Grundhaltung des Komponisten in diesem Werk, der hier seine musikalische Heimat in einer Synthese aus der Tradition eines Beethoven, Mahler und ostjüdischen traditionellen Weisen in zahlreichen Anklängen an Zitaten manifestiert und durch die Orchestrierung zum Teil filmmusikartige Wirkung erzielt. Behutsam beginnt Ben-Haim im ersten Satz monothematisch mit einer lyrischen Melodie, die die Flöte anstimmt und weitergibt, bis sie im Tutti gipfelt. Die Reprise erklingt erst im vierten Satz. Bis zu diesem Ringschluss folgen zunächst ein dreiteiliges Scherzo und ein überaus gefühlsbetonter langsamer Satz. Der Finalsatz gleicht einem vulkanischen Ausbruch. Gleich drei Motive treten gegeneinander an, gipfeln nach einer ausgedehnten Fuge im Eingangsmotiv des ersten Satzes und steigern sich in einen apotheotischen Schluss.

Israel Yinon gelingt eine dramaturgisch fesselnde Interpretation, die die Länge der Symphonie (über 43 Minuten) vergessen lässt. Seine überzeugende Wiedergabe resultiert aus einem Gespür für spannungsgeladene Dynamik und Agogik und Empathie für die Gedanken des Komponisten. Höchste klangliche Transparenz führt dazu, dass die vielen Ideen, die in die Partitur einflossen, deutlich durchklingen. Überzeugend gelingen die Soli, an entsprechenden Stellen von berückender kammermusikalisch intimer Intensität. Klangmächtig und kraftvoll gibt sich die NDR Radiophilharmonie im Monumentalen, auch hier in jedem Augenblick durchlässig geschlossen.

Mit gleicher Präzision und musikalischer Exzellenz erstrahlt das 'Concerto Grosso', Frankenburgers Erstling für symphonisches Orchester. 1931 komponiert ist das dreisätzige Werk von modernen Kompositionstechniken weit entfernt. Lediglich die Satzbezeichnung:' Ouvertüre', 'Aria', 'Chaconne' (Variationen) und zahlreiche Soli erinnern an barocke Vorbilder, wie es der Titel suggeriert. Die Klangwelt, die Israel Yinon und die NDR Radiophilharmonie auch hier mit höchster Kunstfertigkeit abbilden, spricht klar die Sprache der Spätromantik, wie sie Brahms und Mahler pflegten, und die des von Debussy geprägten Impressionismus.

Israel Yinon setzt mit diesen Einspielungen Maßstäbe, die Dank der vorliegenden Veröffentlichung weit über seinen Tod hinaus wirken. Die mit großer Sorgfalt ausgeführten Anmerkungen im Booklet deuten in Worten an, was Israel Yinon und die NDR Radiophilharmonie uneingeschränkt einlösen: ein in jeglicher Richtung diffizil ausgeleuchtetes, höchsten interpretatorischen Ansprüchen genügendes, differenziertes Abbild der Gedanken- und Klangwelt Ben-Haims.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Ben-Haim, Paul: Sinfonie Nr. 2

Label:
Anzahl Medien:
cpo
1
EAN:

761203767724


Cover vergössern

cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag cpo:

  • Zur Kritik... Früher Lehár aus Ischl: Diese 'Juxheirat' ist wieder mal was für Entdecker oder Bad-Ischl-Reisende, die ihre Lehár-Diskografie erweitern möchten. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Kein Liebesdienst: Die Deutung von Georg Schumanns Sinfonie f-Moll bleibt leider hinter den Möglichkeiten der Musik zurück. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Boston in Bremen: Besser kann man einem Komponisten nicht dienen, gelungener kann man als Hörer nicht für einen doch eher am Rande Bekannten gewonnen werden. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von cpo...

Weitere CD-Besprechungen von Christiane Franke:

  • Zur Kritik... Besser als die Vorlage: Der Pianist Blazej Kwiatkowski versteht Chopins Lieder als ganz persönliche Tagebucheinträge des Komponisten. Gemeinsam mit empathischen Stimmen und begleitet auf einem Breadwood von 1847 belässt er sie in ihrer Schlichtheit. Weiter...
    (Christiane Franke, )
  • Zur Kritik... Im Einklang mit der Natur : Die Sea Ranch an der Pazifikküste in Sonoma City ist Sinnbild für naturnahe Ursprünglichkeit im Kontext alter indianischer Traditionen. Zum 50. Jubiläum hat sich das Kronos Quartett auf eine außergewöhnliche Hommage an diesen Ort eingelassen. Weiter...
    (Christiane Franke, )
  • Zur Kritik... Nonkonformistisch spirituell: Gnadenlos direkt und ohne Scheu vor vulkanischen Klangausbrüchen interpretiert Wladimir Ashkenazy mit dem National Philharmonic Orchestra of Russia Orchesterwerke des russischen Komponisten Wjatscheslaw Petrowitsch Artjomow. Weiter...
    (Christiane Franke, )
blättern

Alle Kritiken von Christiane Franke...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Gregorianisch: Ein verheißungsvoller Auftakt für die Zusammenarbeit des Münchner Rundfunkorchesters mit seinem neuen Chefdirigenten Ivan Repusic: Duruflé und Respighi, atmosphärisch dicht und überaus delikat gespielt. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Reger als großer Melodiker: Der Klarinettist Michael Collins und sein Klavierpartner Michael McHale überzeugen in den drei Klarinettensonaten Max Regers als eingespieltes Duo. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Haydnscher Mahler: Die Düsseldorfer Symphoniker und Ádám Fischer präsentieren auf ihrer zweiten Mahler-CD eine sachlich bestens ausgearbeitete Interpretation ohne jedoch die emotionalen Konflikte der Sinfonie zu vertiefen. Weiter...
    (Daniel Eberhard, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

Class aktuel (3/2017) herunterladen (0 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (10/2017) herunterladen (0 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Giovanni Paolo Colonna: Sacre Lamentazioni della Settimana Santa a voce sola - Terza lamentazione del venerdì sera

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 4442 im Portrait Musik ohne Grenzen
Programme abseits der Konventionen beim Festival Printemps des Arts de Monte-Carlo

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich