> > > Aho, Kalevi: Klavierwerke
Donnerstag, 13. Dezember 2018

Aho, Kalevi - Klavierwerke

Gesten-Reich


Label/Verlag: Neos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Andreas Skouras' schon ältere Einspielungen der nicht sonderlich umfänglichen und konzertant verbreiteten Klaviermusik des Finnen Kalevi Aho bedeuten gegenüber Sonja Fräkis brillanter Referenzaufnahme von 2014 (BIS) eine zweite Sichtweise.

Früher noch als Sonja Fräki, die im Vorfeld ihrer Gesamteinspielung bei dem Label BIS über Ahos Solo-Klavierwerke auch wissenschaftlich promovierte, hat sich Andreas Skouras in den schon 2009 vom Deutschlandfunk produzierten Aufnahmen dieser CD des pianistischen ‚Handwerks‘ angenommen, welches der gattungsmäßig breit aufgestellte Finne zwischen 1965 und 1993 produziert hat. Aho ist wie sein Lehrer Rautavaara ein ‚Polystilist‘, der schon im Vorfeld seines Studiums an der Sibelius-Akademie in Helsinki (ab 1969) als Teenager in feinen kleinen Klavier-Préludes diverse Idiome, kontrapunktische Verfahren und schlicht auch Griffpattern verschiedener Komponisten und Zeitstile adaptierte. Mit diesen 19 zwischen 1965 und 1968 entstandenen Stücken – teils keinesfalls geringen technischen Anspruchs – als quasi ‚historischer‘ Palette musikalischen Ausdrucks und materialisierter pianistischer Gesten hat Fräki 2014 ihre Aho-Schau auf dem Klavier eröffnet: Zwar irritiert dort zunächst die teils noch unverhohlene Rekonstruktion des Historischen (einschließlich des Tonalen), doch Ahos Weg in eine ‚neue Musik‘ wird bei Fräki im anfangs chronologischen Durchgang umso schlüssiger und interessanter nachgezeichnet. Skouras hingegen eröffnet Ahos Klavier-Kosmos mit der Sonate aus dem Jahr 1980 als dessen ‚gewichtigste[m] Solowerk für Klavier‘ (eigener Booklet-Text), deren bruitistisch-brachiale Prestissimo-Exzesse im Mittelsatz von eher gehalteneren Exkursionen gestischen motivischen Ausgangsmaterials gerahmt werden: Hier herrschen ganz die gewohnten Fahrbahnen einer konstruktivistisch-esoterischen Ausrichtung moderner Klaviermusik vor und sind sprichwörtlich sogleich bei der Hand. Die Préludes hingegen, durch Entfernung der deutlichsten Stiladaptionen – es fehlen gleich mit Nr. 3 und Nr. 4 etwa zwei durchaus hinreißend ‚naive‘ Studien in Nähe zu Schumanns Jugend-Alben – auf elf etwas modernistischere Stücke reduziert (bereinigt?), werden als Frühwerk fast verschämt an das Ende von Skouras‘ Programm verbannt.

Historisierende Preludes als Baukasten musikalischen Ausdrucks

Tatsächlich hat Aho diese Jugendwerke zurückgehalten und Skouras noch 2009 offenbar nur diesen ‚Querschnitt‘ nahegelegt; Fräkis ‚Gesamtaufnahme‘ hingegen zeugt vom sich verändernden Bewusstsein der heute in neuer Musik integrierbaren stilistischen Breite, während Skouras 2009 gerade auch interpretatorisch deutlicher noch einen Zug prononcierter Moderne in den Vordergrund stellt: Wenngleich Christoph Schlüren in seiner etwas pauschalen Aho-Hommage im Booklet den international renommierten Symphoniker und Opernkomponisten in den Mittelpunkt rückt, zeigt Skouras in seinen anschließenden Werkbeschreibungen und vor allem seinem Klavierspiel die Ausdrucksvielfalt und Dichte eines Klavierschaffens, das sich zwischen 1971 und 1993 – eine siebenminütige Sonatine als ‚letztes‘ Werk – zwar hörbar am Mainstream der Klaviermoderne orientiert, neben ‚russisch-sowjetischer‘ Motorik und fast minimalistischem melodischem Insistieren im Übergang von Motion zu Emotion aber auch einen romantisierenden Zugriff erlaubt. Obwohl Sonja Fräki eine solche fast ästhetizistische Faktur auch dank plastischerer Aufnahmetechnik und Klangfindung stärker herauszustellen vermag, hat Skouras‘ kühlere, neutralere, sachlichere Sicht gleichwohl ihren Reiz. Allerdings ist Fräkis Darstellung in einigen Stücken – etwa dem Prestissimo-Prelude Nr.10 – auch spieltechnisch etwas beeindruckender: Der Aspekt der Virtuosität wirkt bei Skouras manchmal gezielt zurückgenommener, wie um diese durchaus auch strenge Musik vor äußerlichen Momenten des interpretatorischen Beeindruckens bewahren zu wollen.

Eine Apologie ‚Neuer Musik‘?

Skouras liebt spürbar die unerhört individuellen expressionistischen Extreme in dieser Musik: Den durch die fehlenden Preludes entstandenen Freiraum nutzt er, um mit der Geigerin Anna Kalandarishbili Ahos 'Halla' für Violine und Klavier von 1992 als Ersteinspielung integrieren zu können: Das im finnische Titel integrierte herbstlich Frostige findet sich durch die Interpreten in den vagierenden Melodielinien als Ausbruch und Aufbruch vergegenwärtigt (laut Skouras bezeichnet Halla auch den letzten Frühlingsfrost): Die Besinnung auf den Klang vor allem auch des Streichinstruments ergänzt das Klavierspektrum ideal, die im oft nervösen Tastenverkehr gespiegelte Unruhe und Selbstreflexion, welche auch im benachbarten 'Solo II' für Klavier von 1985. Dort tritt aber auch das Problem, die Krise eines melodisch oft eher Gestaltlosen der Klaviergedankenwelt Ahos hervor, den Fräkis virtuoseres Spiel eher kaschiert als Skouras, der sich und die Hörer der Bewegungsdichte im grandiosen 'Allegro vivace' fast schonungslos aussetzt. Es lohnt der Vergleich und das intensive Kennenlernen des Gestaltungs- und Wahrnehmungsspielraums dieser Musik und beider Pianisten.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Aho, Kalevi: Klavierwerke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Neos
1
17.02.2017
EAN:

4260063109157


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Neos

NEOS ­ das neue Label für Zeitgenössische Musik, das seit Mitte Mai 2007 auf dem deutschen, seit Oktober 2007 auch auf dem internationalen Markt präsent ist. Im Zentrum der Neuveröffentlichungen stehen Kompositionen des  20. und 21. Jahrhunderts - die Betonung liegt dabei auf Welt-Ersteinspielungen.

Insofern setzt Wulf Weinmann den bei seinem früheren Label col legno eingeschlagenen Weg konsequent fort. Langjährige frühere Partner wie  das Internationale Musikinstitut Darmstadt (IMD), die Donaueschinger Musiktage des SWR, die musica viva des Bayerischen Rundfunks oder die Salzburger Festspiele haben die Zusammenarbeit mit Weinmann auch für die Zukunft vereinbart.

Inzwischen weitet sich NEOS programmatisch aus: Vier Produktlinen entwickeln sich im Kontext Neuer Musik in Zusammenarbeit mit Komponisten und Interpreten, die über ein weit gespanntes Repertoire verfügen: Aufnahmen, die Tradition und Moderne verbinden, Werke früherer Meister in bisher nie oder selten gehörten Interpretationen meist originaler Bearbeitungen sowie eine Jazzlinie mit Musikern, die man eher aus der zeitgenössischen Musikszene kennt, wie Olga Neuwirth oder Mike Svoboda.

NEOS veröffentlicht pro Jahr ca. 40 CDs, SACDs und DVDs, die weltweit (z.B. in Deutschland über helikon harmonia mundi) vertrieben werden. Hohe technische Qualität der Aufnahmen ist selbstverständlich. Auch Design und ansprechende Verpackung sind zentrales Anliegen: Alle Produktionenerscheinen in Digipacks mit ausführlichen Textinformationen und Illustrationen.


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Von Dr. Hartmut Hein zu dieser Rezension empfohlene Kritiken:

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