> > > Mayr, Johann Simon: Telemaco
Mittwoch, 18. Oktober 2017

Mayr, Johann Simon - Telemaco

Nur schön und akkurat


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wer dringend 'Telemaco' von Johann Simon Mayr kennenlernen will, kann das nun bequem tun. Notwendig ist diese Doppel-CD nicht.

Wer immer schon einmal wissen wollte, wie das Dramma per musica 'Telemaco' von Johann Simon Mayr klingt, der hat jetzt die Gelegenheit dazu: Beim Label Naxos liegt eine Gesamteinspielung des Werks vor, die im Spätsommer 2015 im Zusammenhang mit einer konzertanten Aufführung in Neuburg an der Donau entstanden ist.  Seit vielen Jahren bemüht sich der Dirigent Franz Hauk mit seinem Simon-Mayr-Chor um die zahlreichen vergessenen Opern, Kantaten und mehr des bayerischen Komponisten, der – wie auch Luigi Cherubini – die operngeschichtliche Lücke zwischen Mozart und dem italienischen Belcanto schließt. All die vielen Ausgrabungen erscheinen zuverlässig bei Naxos zu einem erfreulich niedrigen Preis – nun also auch der 'Telemaco'.

Um es gleich vorwegzunehmen: Eine wirkliche Lanze für diese Oper brechen die mitwirkenden Künstler und ihr musikalischer Leiter nicht. Viel zu gediegen, akkurat und eindimensional gerät die Interpretation. Dabei wird anstandslos schön gesungen, klar intoniert und im Ganzen betrachtet auch mehr oder weniger tadellos musiziert. Nur lebendig will der 'Telemaco' einfach nicht werden.

Die Sinfonia klingt durchaus vielversprechend. Hauk und seine Musiker wissen, wie Mayrs Musik klingen kann, und das Ensemble Concerto de Bassus legt sich engagiert ins Zeug. Einige Passagen in den Hörnern sind heikel, und das hört man deutlich. Dafür lässt es der Dirigent bei der Tempesta geschmackvoll grollen und blitzen. Und mit einem Mal erhält der Hörer einen Eindruck davon, dass es sich bei diesem so brav daherkommenden 'Telemaco' mit ein wenig mehr Mut zum Risiko und einer größeren Portion Ausdruck um eine zumindest unterhaltsame Oper handeln könnte. Nicht umsonst haben schon viele Komponisten vor Mayr die Geschichte des Telemachos, Sohn des Odysseus, der bei der Göttin Calypso strandet, vertont. Eine Relevanz dieses Stoffes ist im von Napoleon besetzten Venedig, wo 1797 die Uraufführung des Mayrschen 'Telemaco' stattfand, auch nicht von der Hand zu weisen.

Von einem revolutionären Geist oder lebendigem Theater ist in dieser Aufnahme wenig zu spüren. Jede Musiknummer ist mit viel Sinn für Schönheit und großem Formbewusstsein gestaltet. Es kommt aber erschwerend hinzu, dass man die drei Sopranistinnen kaum auseinanderhalten kann. Siri Karoline Thornhill singt die Sopran-Kastraten-Partie des Telemaco mit glasklarem Sopran, müheloser Agilität und jugendlicher Leichtigkeit. Das klingt gesund, aber erschreckend undramatisch. Feuer und Leidenschaft eines jungen Mannes, seine Verzweiflung, all das mag zwar von Johann Simon Mayr komponiert sein, aber Thornhill kann oder darf einfach die Handbremse nicht lösen. Auch Andrea Lauren Brown als rachsüchtige Calipso erschöpft ihre Partie im fehlerfreien Wohlklang. Einzig am Ende der Oper hört man, dass vermutlich Wut und Verzweiflung der Göttin im Spiel sind. Es bleibt aber alles im Rahmen des Schicklichen. Mit Theater für die Ohren hat das leider nur wenig zu tun. Die dritte Sopranistin im Wohlklang-Bunde ist Jaewon Yun als klanglich äußerst attraktive Nymphe Eucari. Einen Charakter kann die Sängerin ebenso wenig formen wie ihre Kolleginnen.

Dieses Kunststück gelingt letztlich nur dem Tenor Markus Schäfer als Mentore. Bei ihm wird die Musik tatsächlich lebendig, er führt wirkliche ‚Dialoge’ in den Rezitativen und wird zur handelnden Figur. Dass seine Stimme mittlerweile nicht mehr taufrisch klingt und einen ältlichen Charme gewonnen hat, stört weitaus weniger als dass es hervorragend zum Charakter des Mentore passt. Katharina Ruckgaber als Venuspriesterin und des Bass Niklas Mallmann entledigen sich ihrer kleinen Partien mit der erwarteten Eloquenz und Stimmschönheit.

Wer also dringend 'Telemaco' von Mayr kennenlernen will, kann das nun bequem tun. Ansonsten ist diese diskographische Erweiterung einzig der Vollständigkeit halber in der Mayr-Reihe von Naxos zu erwähnen. Notwendig ist diese Doppel-CD nicht.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mayr, Johann Simon: Telemaco

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
2
10.03.2017
EAN:

730099038874


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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