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Montag, 17. Juni 2019

MacMillan, James - Stabat Mater

Großtat


Label/Verlag: Coro
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ein großartiges 'Stabat Mater' von James MacMillan: Ob es wirklich ein Werk für den Kanon wird, wie Harry Christophers glaubt? Zu wünschen wäre es.

Vor einigen Jahren hat Harry Christophers, Gründer und charismatischer Leiter des englischen Vokalensembles The Sixteen, gemeinsam mit der Genesis Foundation ein Kompositionsprojekt zum mittelalterlichen Stabat Mater, einer marianischen Hymne aus dem 13. Jahrhundert, initiiert, mit Beiträgen von Alissa Firsova, Tõnu Kõrvits und Matthew Martin – sämtlich jüngere kompositorische Stimmen. Alle Sätze zeigten eine erstaunliche Reife und bemerkenswerte Tiefe der Auseinandersetzung. Diese erste Platte war der eine Teil eines weitreichenden Stabat-Mater-Projekts, das Christophers gemeinsam mit der Genesis Foundation und dem schottischen Komponisten James MacMillan als künstlerischem Mentor im Hintergrund begonnen hatte. Der zweite Teil liegt jetzt vor, eine nochmals deutlich weiter ausgreifende Vertonung, eine vielfach ambitioniertere Anstrengung MacMillans selbst.

MacMillan, geboren 1959, ein bekennender Katholik, ist für Christophers Teil einer vermutlich nicht jedem Hörer plausiblen Dreierreihe von Komponisten, die er als wahrhaft groß in der geistlichen Musik betrachtet: Neben MacMillan stehen Tomás Luis de Victoria und dann, etwas überraschend, Francis Poulenc. Sicher meint Christophers nicht den rein kompositorischen Wert, der dieser Einschätzung zugrunde liegt. Eher veranlasst ihn die tiefe Glaubensernsthaftigkeit der drei zu dieser Reihung: Glaubwürdigkeit im engeren Sinne, weit vor Kunstfertigkeit oder musikhistorischem Rang siedelnd, ist immerhin eine Kategorie, die es zu diskutieren lohnt: Wer wollte etwa einem Opernkomponisten Werke abnehmen, der sich musikdramatisch desinteressiert zeigt oder seine Arbeiten als bloße Fingerübungen abtäte? Die geistliche Musik mancher Epochen scheint da tatsächlich gefahrgeneigter.

Wie dem auch sei: MacMillan hat ein fast einstündiges Werk geschaffen, mit gewaltigen Dimensionen der vier Einzelsätze, die souverän beherrscht werden und reich substantiiert sind. Die Klangsprache korrespondiert mit der linearen Schönheit des vorangestellten gregorianischen Chorals, greift das Moment des Schlichten immer wieder auf. Dazwischen ist durchaus raue Harmonik zu hören, mit Mixturen attraktiv gewürzt, umgeben mit scharf energetisierten Streicherfiguren von entschiedener Expressivität.

Der Chorsatz ist von höchster Ambition: Neben dem klassischen Können sind Sprechmomente, deklamierendes Engagement weit entfernt vom Schönklang und kunstvolles Detonieren gefragt. Und die Möglichkeiten des absolut gleichberechtigten Streichorchesters werden gleichfalls weidlich genutzt - auch hier mit allen Optionen klassischen Spiels, dazu ist durchaus avancierte Geräuschhaftigkeit gefragt. Ein ambitioniertes, tatsächlich geistlich inspiriertes Stück weit weg von der weit verbreiteten ästhetischen Harmlosigkeit und Genügsamkeit à la Whitacre, Lauridsen oder Rutter.

Großartige Könner

Und es ist dennoch unbedingt sangliche, zur unmittelbaren Spielfreude anregende Musik. Das hört man The Sixteen und der famosen Streicherformation der Britten Sinfonia zu jedem Zeitpunkt an. Das großartige Chorstück forciert alle Qualitäten, animiert zu äußerst präzisem, glühend motiviertem Singen – der Wunsch, dem Stück zu bestmöglicher Wirkung zu verhelfen, spricht aus jeder Note. The Sixteen agieren hier in erweiterter kammerchorischer Besetzung mit 28 Vokalisten in prallen Registern von großer Prägnanz und Geschlossenheit. Intoniert wird hervorragend leicht und gleichzeitig mit klarer Kraftbasis – das gelingt hier ohne jeden Widerspruch. Ergebnis ist eine Stunde wirklich heikler Musik ohne die kleinste Trübung. Dynamisch wird ein weites Feld von zarter Innigkeit bis zur kernigen Eruption durchmessen. Und MacMillans entschiedener Wille zur intensiven Textdeutung wird ebenso abgebildet wie seine Bereitschaft zur großen lyrischen Geste – ohne jede Vordergründigkeit freilich.

Hervorragend niveauvolle Soli lösen sich in verschiedenster Konstellation aus diesem Ensemble, sind sicher in die oft zerklüftete Anlage hineingesetzt oder veredeln die lineare Schönheit nochmals. Ein Sonderfall von einigem Charme sind die vier solierenden Tenöre im dritten Satz 'Sancta Mater, istud agas', die einander kunstvoll umschlingen und dem Satz ganz besondere Töne abgewinnen.

Die Britten Sinfonia liefert ein spannungsvolles, sonores Spiel, agiert gleichfalls hochpräzis, wach, energetisch aufgeladen, ist zugleich mit der Befähigung zu lyrischer Sinnlichkeit gesegnet – ein technisch hervorragendes, sehr kultiviertes Ensemble, das einen Gutteil der oft irisierenden Energien einbringt.

Dieses 'Stabat Mater' ist sicher ein Meisterwerk, ein großer Wurf – mit Blick auf das Repertoire ebenso wie es die aktuelle Platte von The Sixteen interpretatorisch ist. Das Vokalensemble erweist sich einmal mehr als gewaltiges musikalisches Kraftzentrum, das neben der bloßen Interpretation viele Impulse der Ermöglichung gibt. Harry Christophers ist mit seinem Ensemble auf höchstem Niveau ungemein produktiv und erzielt einen großen Ertrag. Ob es wirklich ein Werk für den Kanon wird, wie Christophers glaubt? Zu wünschen wäre es. Aber es braucht, um vollkommene Wirkung zu erzielen, Interpreten vom Schlag der Britten Sinfonia und The Sixteen.



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    MacMillan, James: Stabat Mater

Label:
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Veröffentlichung:
Coro
1
03.03.2017
EAN:

828021615023


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Coro

CORO is the lively and successful record label of Harry Christophers and The Sixteen. Formed in 2001 Coro has re-mastered, re-packaged and re-issued recordings of The Sixteen that were for a short time available on Collins Classics and now releases most of the ensemble?s new recordings. The label also features artists such as The Hilliard Ensemble, Elin Manahan Thomas and Sarah Connolly as well as a ?Live? series and young artists focus. It has recently launched the Acoustic World series of discs which epitomize CORO?s values of excellence of performance, authentic instruments, brilliance of sound and world class musicians.

Celebrated releases include Allegri?s Mierere, Tallis?s Spem in Alium and the complete Eton Choirbook Collection. More recently CORO has released brand new recordings by The Sixteen of Handel?s Coronation Anthems and Fauré?s Requiem with the Academy of St Martin in the Fields. The ensemble?s recording of Handel?s celebrated oratorio, Messiah, with an all-star soloist line-up: Carolyn Sampson, Catherine Wyn-Rogers, Mark Padmore and Christopher Purves, was awarded the prestigious MIDEM Classical Award 2009.

The Sixteen is recognised as one of the world?s greatest ensembles. Comprising both choir and period instrument orchestra, The Sixteen's total commitment to the music it performs is its greatest distinction. A special reputation for performing early English polyphony, masterpieces of the Renaissance, bringing fresh insights into Baroque and early Classical music and a diversity of twentieth-century music, is drawn from the passions of conductor and founder, Harry Christophers.

At home in the UK, The Sixteen are "The Voices of Classic FM", TV Media Partner with Sky Arts, and Associate Artists of Southbank Centre, London. The group promotes an annual series at the Queen Elizabeth Hall as well as The Choral Pilgrimage, a tour of our finest cathedrals bringing music back to the buildings for which it was written. The Sixteen has recently featured in the highly successful BBC Four television series, Sacred Music, presented by actor Simon Russell Beale.

The Sixteen tours throughout Europe, Japan, Australia and the Americas and has given regular performances at major concert halls and festivals worldwide, including the Barbican Centre - London, Bridgewater Hall - Manchester, Concertgebouw - Amsterdam, Sydney Opera House, Tokyo Opera City and Vienna Musikverein and also at the BBC Proms, the festivals of Granada, Lucerne, Istanbul, Prague and Salzburg.

Bringing together live concerts and recording plans has allowed The Sixteen to develop a glittering catalogue of releases, containing music from the Renaissance and Baroque through to great works of our time.


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