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Donnerstag, 20. September 2018

Scarlatti, Alessandro - Passio secundum Johannem

Ausdrucksstarke Stimmen


Label/Verlag: Ricercar
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese Interpretation von Scarlattis Johannespassion schafft es, dem Zuhörer eine Musik alten Stils in neuem Glanz zu präsentieren. Besonders die Stimmen von Giuseppina Bridelli und Salvo Vitale stechen positiv hervor.

Die Passion als Vertonung der Leidensgeschichte Jesu gehört zu den Sujets und musikalischen Genres, die nicht nur auf eine lange Geschichte zurückblicken können, sondern auch heute noch vielen Komponisten als Inspiration dienen. Ihre Blütezeit hat die Passion im Zeitalter des Barocks erlebt, zumal aus dieser Epoche nicht nur die meisten Passionsvertonungen stammen, sondern auch die qualitativ hochwertigsten. Wenn Johann Sebastian Bach auch nur zwei (vollständig erhaltene) Beiträge geliefert hat, so gelten seine Johannes- und Matthäuspassion doch bei etlichen Klassikliebhabern als Inbegriff dieses Genres. Angesichts dieser Vorgeschichte könnte die Information, dass eine Passionsvertonung von Scarlatti wiederentdeckt und neu aufgeführt wurde, zunächst nur gelangweiltes Schulterzucken auslösen. Was könnte eine weitere Passionsvertonung schon Spannendes beinhalten, was man nicht schon bei Bach oder anderen Komponisten gehört hat?

Das Rezitativ in seiner ganzen Vielfalt

Die Grundlage der vorliegenden Passionsvertonung ist die Leidensgeschichte Jesu, wie sie der Evangelist Johannes beschreibt. Aufführungstechnisch gesehen wäre das Ensemble mit einer minimalen Besetzung aus Orchestermusikern und Gesangssolisten ausgekommen, zumal der gesamte Text rezitativisch vorgetragen wird. Die Hauptrolle übernimmt dabei der Testo bzw. Evangelist, der hier - anders als bei den meisten anderen Passionen - nicht von einem Tenor, sondern von einer Altistin gesungen wird. Dass der Zuhörer sich allerdings nicht mit einem einzigen permanenten Rezitativ konfrontiert sehen muss, sondern zwischendurch immer wieder textlichen Einschüben des Chores lauschen darf, ist Leonardo García Alarcón, dem Leiter des Ensembles, zu verdanken. Er hatte die brilliante Idee, die reine Vertonung des Evangeliums mit mehreren ebenfalls von Scarlatti stammenden Responsorien für die Karwoche zu durchsetzen. Inhaltlich passen diese Reflexionen wunderbar zu dem, was der Evangeliumstext berichtet, und gleichzeitig wird durch den Einsatz des Chores die Stimme der Gemeinde symbolisiert, die deutlich macht, dass das Geschehen sich zwar vor langer Zeit abgespielt hat, jedoch heute immer noch aktuell ist. Zusätzlich sorgt der zarte, gefühlvolle und stimmlich stets gut ausbalancierte Chorklang für einen willkommenen Gegenpol zu den solistischen Stimmen in den Rezitativen, was dem Hörer das Verfolgen des Werkes wesentlich erleichtert.

Großartige Solostimmen

Bei der vorliegenden Aufnahme handelt es sich um den Mitschnitt des Konzerts vom 27. März 2016, der bei Ricercar als CD veröffentlicht wurde. Wer in den Genuss dieser Interpretation kommt, wird in vielerlei Hinsicht angenehm überrascht sein. Dass es sich um eine Live-Aufnahme handelt, fällt zu keinem Zeitpunkt auf, da die Nebengeräusche auf ein Minimum von verschwindender Größe reduziert werden konnten, also quasi nicht vorhanden sind. Der schon erwähnte Wechsel zwischen Chorgesang und begleitetem Rezitativ sorgt für eine vielfarbige Klanggestalt, die von den gelegentlich auftauchenden dramatischen Passagen der Handlung noch unterstrichen wird. Das Hauptqualitätsmerkmal der Aufnahme ist jedoch in der außerordentlichen Leistung des Solistenensembles zu finden, in dem besonders die Interpretationen von Giuseppina Bridelli und Salvo Vitale in besonderer Weise hervorstechen. Giuseppina Bridelli überzeugt durch einen warmen und vollen Stimmklang, der gerade soviel Vibrato enthält, wie es der Rolle zuträglich ist und der Verständlichkeit des Textes stets den Vorrang lässt. Auch wenn es sich um einen lateinischen Text handelt, werden die Worte so deutlich artikuliert, dass man als Zuhörer das Geschehen musikalisch und sprachlich mitverfolgen kann. Ebenso beachtlich ist die Leistung von Salvo Vitale, dessen Bass-Stimme für die Rolle des Jesus mehr als geeignet ist. Sein Klang ist von einer Sonorität und Feierlichkeit, die einen angemessen majestätischen Charakter ausstrahlt und über alles andere erhaben wirkt. Da diese beiden Rollen den Hauptteil des Textes rezitieren, kommt auch die Kombination bzw. der direkte Wechsel zwischen den beiden Stimmen zum Ausdruck. Hier macht es sich bemerkbar, warum es sicher sinnvoll war, den Testo mit einer Altistin statt mit einem Tenor zu besetzen. Die Klangfarben von Alt und Bass mischen sich einerseits sehr gut in ihrer unterschiedlichen Klangcharakteristik, tragen aber die gleiche Wärme und  das gleiche Volumen in sich, so dass sich die Mischung als höchst angenehme Klangfarbe wahrnehmen lässt.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Scarlatti, Alessandro: Passio secundum Johannem

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ricercar
1
03.03.2017
EAN:

5400439003781


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Ricercar

Von Haus aus Musikwissenschaftler und Gambist (und hier immerhin Schüler von Wieland Kuijken), gründete der Belgier Jérôme Lejeune 1980 sein Label RICERCAR, das schnell zu einem der wichtigsten im Bereich der Alten Musik wurde. Das war nicht nur durch die musikwissenschaftliche Arbeit Lejeunes nahe liegend, sondern auch dem Umstand geschuldet, dass Belgien von je her zu den führenden Nationen im Bereich der historischen Aufführungspraxis gehörte. Die Künstler, die für RICERCAR aufnehmen bzw. aufgenommen haben, lesen sich ohne Übertreibung wie das Who-is-Who der Alten Musik-Szene: Hier machte zum Beispiel Philippe Herreweghe genauso seine allerersten Aufnahmen wie das Ricercar Consort, Jos van Immerseel oder Mark Minkowski (sowohl als Fagottist als auch als Dirigent). Zu den Künstlern und Ensembles, die derzeit dem Label verbunden sind, gehören so prominente Namen wie der Organist Bernard Foccroulle, die Sopranistin Sophie Karthäuser sowie die Ensemble La Fenice und Continens Paradisi. Nach wie vor bietet Lejeune dabei jungen Künstlern und Ensembles eine künstlerische Plattform und er beweist dabei stets ein besonders glückliches Händchen. Viele der nicht weniger als 250 Aufnahmen, die hier veröffentlicht wurden, waren klingende Lektionen in Musikgeschichte, die in mehrteiligen Reihen solche Themen wie Bach und seine Vorgänger, die franko-flämische Polyphonie oder Instrumentenkunde behandelten und so etwas wie zu einem Markenzeichen des Labels wurden. Das erstaunliche dabei war auch, dass nahezu alle Produktionen des Labels von Lejeune sowohl wissenschaftlich als künstlerisch und technisch betreut wurden.


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