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Mittwoch, 18. Oktober 2017

Beethoven & Pössinger - Violinkonzerte

Völlig anders und neu?


Label/Verlag: Accent
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Anton Stecks Neuentdeckung von Beethovens Violinkonzert klingt extrem anders: nicht wegen der erstmals eingespielten autographen Ur-Fassung des Soloparts, sondern in der extremen klanglichen Vorstellungsweise.

Die tiefen Streicher wummern. Die Hörner übertönen gnadenlos. Ebenso diktatorisch-dominant zumeist der Pauker. Die Intonation des Solisten gerne fast vibratolos auf des Messers Schneide. Desgleichen bereits anfangs der Zusammenklang des Holzbläserchores, auffallend schwankend im Tempo schon in jeder kleinen Phrase. Die mittelfristige Irritation dürfte auch für Hörer heftig sein, welche schon eine Reihe von Manierismen historisierender Aufführungspraktiken kennengelernt haben und sich immer wieder gerne auf solche Klangbilder einlassen. Denn keine der Tonträger-Aufnahmen des D-Dur-Konzerts von Ludwig van Beethoven mit historisch-rekonstruktivem Anspruch – die Grenzen und spezifischen Ansätze dazu sind diskographisch sowieso schwer zu bestimmen wie bei Viktoria Mullova oder Vera Beths – bietet auch nur annähernd ein so gewagtes, individuelles Solo-Spiel, wie es Anton Steck präsentiert. Steck ist einerseits ein blendender, agiler Virtuose: Seine Solokadenzen führen das mehr als eindrucksvoll vor – mit Doppelgriff-Kaskaden und Vorwegnahme der Stretta im Finalsatz – und sein Passagenwerk, fast zu defensiv eingefügt in einen ganz wiedergabetechnisch auf breitestes Volumen hin getrimmten Orchesterklang, hat stets Biss, Aggressivität und Genauigkeit im rhythmischen Phrasieren. Andererseits erhält sein kantabler Ton durch ein Ideal vibratoarmer, manchmal fast gezielt schneidender intonatorischer Perfektion eine ganz andere, ebenso fast schmerzhaft-aggressive Intensität, die selbst Kenner seiner bisherigen Aufnahmen überraschen dürfte (darunter neben brillantem Barockem u.a. auch Kammermusik von Beethoven oder Konzerte von Ferdinand Ries und Bernhard Molique).

Antwort auf die editorische Fragwürdigkeit des Soloparts?

Steck ist hier wahrlich ein Extremist ohne Kompromisse auf der Suche nach Beethoven-Neuklang, und im Verhältnis zu seinem klanglichen Ideenreichtum mutet das Neuartige des erstmals eingespielten Soloparts aus Beethovens ursprünglicher Konzerthandschrift im Vorfeld der Uraufführung geradezu marginal an. Die Problematik ist bekannt, es mit zwei abweichenden Versionen vor allem der Solostimme in den konkurrierenden Wiener und Londoner Erstdrucken 1808 und 1810 zu tun zu haben: Matthias Corvin referiert das im ausgezeichneten dreisprachigen Booklet-Text weitgehend genau im Rückgriff auf die Bonner Beethovenforscher Hans-Werner Küthen (und Shin Augustinus Kojima, den Herausgeber in der Neuen Gesamtausgabe): Muss man doch das Dilemma betonen, dass neben einer Kopistenabschrift der Partitur, die Beethoven auch zur Einrichtung der Klavierfassung für die Londoner Clementi-Ausgaben nutzte, offenbar die maßgebliche Revision der Solostimme als Einzelquelle fehlt – an der Uraufführungsgeiger Franz Clement und nach Küthen möglicherweise der Beethoven ebenso vertraute Violinist, Komponist und Arrangeur Franz Pössinger (1874-1827) mitgearbeitet haben könnten. Inwieweit die Druckfassungen, in denen das Werk ab 1808 und 1810 international verbreitet wurde, dennoch völlig hinreichend von Beethoven autorisiert erscheinen, muss man nicht unbedingt diskutieren; die Aufführungsgeschichte hat, ungeachtet diverser stilistischer Einflüsse durch spätere Geigenschulen und Einspielungstraditionen, hier zudem eine de-facto-Autorität.

Dennoch ist Stecks Projekt spannend und weitgehend neu, sich nun direkt einmal mit dem Autograph vertraut zu machen und aus den keineswegs eindeutigen, da parallel in mehrere Versionen manchmal alternativ notierten Solo-Varianten eine einzelne durchgehende ‚autographe‘ Version zu konstruieren (die Arbeitshandschrift liefert da eher ein Bausteine-Set). Zumeist handelt es sich sowieso um Varianten der Lauf-Figuren, die selten gravierend erscheinen. Am ehesten noch im langsamen Satz, dem Steck und das von Matthew Halls geleitete Orchester L‘arpa festante eine deklamatorische Ruhe an der Grenze zum Meditativen, aber auch zu einer gefährlichen Statik des Innehaltens angedeihen lassen: Die elfeinhalb Minuten des 'Larghetto' erscheinen stellenweise schon unziemlich langatmig, fördern aber andererseits die Konzentration auf jede einzelne, immer punktgenau durchgestaltete Phrase). Als Kontrast nach einem durchaus knallig inszenierten Kopfsatz und vor dem spielfreudig präsentierten Final-Rondo ist das durchaus angemessen. Allerdings ist der Leise-Laut-Kontrast ebenso extrem und wird viele Hörer zu häufigem Nachregeln zwingen, möchte man das wirklich piano Eingespielte und Wiedergegebene differenziert wahrnehmen(die Abstufung des leisen Eingangs zum Binnen-‚Piano‘ der Tutti ist schon groß) und dennoch nicht vom Tutti mit den kraftvollen Hörner, Bässen und Pauken erschlagen werden. Etwas mehr Ausgleich durch die Tontechniker wäre vielleicht gut gewesen, die Aufnahme klingt trotzdem sehr gut, plastisch und direkt, vielleicht wirklich wie im Wiener Eroica-Saal mit knapp vierzig Musikern auf engstem Raum.

Pössingers Konzert von 1805 hat durchaus Repertoirewert

Die aufnahmetechnischen Qualitäten kommen dem beigegebenen Violinkonzert in G-Dur (op. 9) des besagten Beethoven-Kollegen Pössinger – der zeitgleich auch mehrere orchestral besetzte Werke Beethovens für dessen Wiener Verlag als Kammerversionen bearbeitet hat – letztlich sogar mehr zugute, fallen dort doch die knalligen Hörner, Pauken, einige Holzbläser und Streicherpulte wieder weg, die neben den so ausschweifend-imposanten formalen Dimensionen Beethovens Konzert so ‚symphonisch‘ machten. 1805, also etwa ein Jahr vor Beethovens Beitrag entstanden, knüpft es weniger an den brillanten französischen Stil an, der mit Viotti und Pierre Rode auch nach Wien ausstrahlte, sondern verknüpft einen fast noch ‚galanten‘ sanglichen statt virtuos-expressiven Stil in der Nachfolge Mozarts und Haydns mit neueren Orchestersatz-Elementen, wie sie auch Louis Spohr als hinreichend romantisch-szenische Kulisse seinen ersten Konzerten unterlegte. Wie wichtig eine ambitionierte, klanglich ideenreiche und spieltechnisch untadelige Interpretation für den positiven Ersteindruck solcher Werke ist, macht Stecks und Halls‘ Weltersteinspielung deutlich: Jenseits des fraglos kaum zeittypischen Violinkonzert-Monuments Beethovens, dem ja wirklich erst wieder Brahms nahekommen kann, erscheint es im zeitgenössischen Kontext der Konzerte von Rode und Spohr bis Mendelssohn und Ernst mehr als konkurrenzfähig und beachtenswert. Gerade der noch erhaltene Charme des ‚klassischen‘ Konzerts und der Gefühlsreichtum, der in Stecks Wiedergabe vermittelt wird, dürfte Pössingers Komposition für eine anhaltendere Rezeption zumindest auf Tonträger empfehlen. Stecks Individualismus ist hier auch nicht ganz so ausgeprägt wie bei Beethoven. Doch auch ‚sein‘ Beethoven sollte nicht schrecken: Bei mehrfachem aufgeschlossenem Hören wird der Eindruck dieser auch im Haptischen (inhaltlich und grafisch gelungenes Booklet, relativ stabiles Papp-Digipack) sorgfältigen Produktion immer besser, das sei auch anfangs schockierten Schönklang-Puristen versprochen. Für mich ist das inzwischen eine der spannendsten Aufnahmen des Beethoven-Konzerts überhaupt, die ich nicht mehr missen möchte.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Bisherige Kommentare zu diesem Artikel

  1. Urfassung
    Werter Kollege, Christian Tetzlaff hat bereits 1988 gemeinsam mit Michael Gielen die Urfassung eingespielt (EMI), Patricia Kopatchinskaja hat 2009 (naïve) eine sehr interessante Zusammenschau von Urfassung und unterschiedlichen Bearbeitungsstadien vorgelegt, die verdeutlicht, dass (um mit Nicholas Cook) zu sprechen, dass es mit der festen Werkgestalt und dem "Urtext" so eine Sache ist.

    Fidelio, 25.04.2017, 10:36 Uhr
    Registriert seit: 29.05.2006

  2. Die Urfassung als Problem
    Herzlichen Dank für Ihren Hinweis auf Tetzlaff und Gielen - ich besitze die Aufnahme sogar in der ersten Veröffentlichung auf "aurophon" (1989), wo ein Hinweis auf die eingespielte "Fassung" nicht auf dem Booklet, sondern nur im Interpretenporträt versteckt zu finden ist (die spätere Übernahme der SWF-Aufnahmen von Gielen bei EMI mag diesen Hinweis offensichtlicher bereitstellen). Anders als bei Steck wird das Problem, aus verschiedenen Varianten im Autopgraph eine Fassung erst zu konstruieren zu müssen (wie von Matthias Corvin beschrieben im Booklet), dort nicht herausgestellt. Unter anderen veröffentlichte der Beethoven-Forscher Willy Hess offenbar gleich zwei alternative Versionen einer solchen "Urfassung"; möglicherweise spielt Tetzlaff eine davon, das ließe sich wohl mit größerem Zeitaufwand recherchieren (oder vom Interpreten erfragen). Jedenfalls dürfte das nicht die gleiche "Fassung" wie die von Steck selbst rekonstruierte sein.

    Für den klaren Fehler, im Teaser nicht von "einer Einspielung einer 'Urfassung'" statt "der erstmals eingespielten autographen Urfassung" gesprochen zu haben, entschuldige ich mich - darüber hinaus hoffe ich auch im weiteren Text ja bereits relativierend deutlich gemacht zu haben, dass jede "Urfassung" des Stücks nur eine individuelle Rekonstruktion oder Interpretation durch die Aufführenden auf Basis der möglichen Varianten sein kann (die somit gewissermaßen immer "erstmals" erklingt). Insofern mag die von Ihnen erwähnte Aufnahme von Kopatchinskaja, die ich leider bislang nicht zur Kenntnis nehmen konnte, vielleicht im Hinblick die tatsächliche Problematik, wenn nicht gar Unmöglichkeit einer "authentischen" Fassungen am konsequentesten sein, begnügt man sich nicht aus pragmatischen oder ästhetischen Gründen mit der etablierten und in ihrer interpretatorischen Verschiedenheit ebenso variierenden "tradierten Werkgestalt" (bzw. deren ebenso angemessenem Plural). Danke für die berechtigte Mahnung, immer wieder als Rezensent solche Dinge auf die Goldwaage zu legen!

    HHAHH, 28.04.2017, 09:48 Uhr
    Registriert seit: 10.11.2015

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    Beethoven & Pössinger: Violinkonzerte

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Accent
1
03.03.2017
EAN:

4015023243200


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Accent

Schon bei der Gründung des Labels 1979 durch Andreas Glatt war klar, dass ACCENT sich fast ausschließlich mit Alter Musik in historischer Aufführungspraxis beschäftigen würde. Die Künstler, die für ACCENT aufnehmen oder aufgenommen haben, gehörten von Anfang an zu den renommiertesten Interpreten der "Alte-Musik-Szene": darunter die Brüder Barthold, Sigiswald und Wieland Kuijken, René Jacobs, Jos van Immerseel, Maria Cristina Kiehr mit La Colombina, Paul Dombrecht, Marcel Ponseele mit seinem Ensemble Il Gardellino, aber auch jüngere Künstler wie Ewald Demeyere und sein Bach Concentus, das Ensemble Private Musicke mit Pierre Pitzl oder das Amphion Bläseroktett. Der ACCENT-Katalog möchte den neugierigen Musikfreund auf eine Reise durch die Welt der Alten Musik mitnehmen. Dabei wird er, neben ausgewählten Standardwerken, nicht selten Stücken begegnen, die kaum im Konzertbetrieb oder auf CD anzutreffen sind. Erstaunlicherweise stammen sie nicht nur von wenig bekannten Komponisten, sondern auch von so großen Namen wie Johann Sebastian Bach oder Georg Philipp Telemann. Diese Raritäten werden für ACCENT nicht allein um ihres Seltenheitswerts aufgenommen, sondern vielmehr, weil sie wichtige, bislang sträflich vernachlässigte Werke sind, deren Entdeckung zu einem persönlichen Anliegen der Interpreten wurde.


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