> > > Saint-Saens, Camille: Klavierkonzerte Nr. 1 & 2
Donnerstag, 27. April 2017

Saint-Saens, Camille - Klavierkonzerte Nr. 1 & 2

Serientäter


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


In Sachen Saint-Saens ist der hierzulande vor allem noch als Bonner Orchesterchef bekannte Franzose Marc Soustrot bei Naxos der Mann für das Ganze: Nach Symphonien folgen nun die Klavierkonzerte, in denen auch Romain Descharmes als Solist neugierig macht.

Nach drei Folgen mit Orchesterwerken – den fünf Symphonien und den Symphonischen Dichtungen – dürfte mit Soustrot und den seit 2011 von ihm geleiteten Symphonikern aus Malmö nun auch die Klavierkonzert-Staffel auf drei Folgen hin ausgelegt sein. Das deutet schon die recht geringe Spieldauer von etwa 58 Minuten an: Eigentlich passen alle fünf Konzerte auf eine gut gefüllte Doppel-CD, die zudem Platz für Konzertstücke wie 'Africa' enthält – das führen die aktuell in preiswerten Reihen erhältlichen Dauer-Referenzaufnahmen mit Jean-Philippe Collard und André Previn (EMI, 1985-87) oder Pascal Rogé und Charles Dutoit (Decca 1981) vor. Pianistisch sehr ansprechend und mit dem Luxemburger Rundfunkorchester orchestral eher hemdsärmelig, aber charmant ist auch die alte Vox-Aufnahme mit Gabriel Tacchino und Louis de Froment, die Brilliant Classics im Budget-Bereich wiederveröffentlicht hat, und im Hochpreis-Sektor kann man sich an der beeindruckend brillanten Gesamtaufnahme mit Stephen Hough und dem Finnen Sakari Oramo aus Birmingham erfreuen (Hyperion 2001). Hinzu kommt die seit Anbeginn der Tonträgeraufzeichnungen mit Klavierstars aller Generationen gespickte Diskographie des Zweiten Klavierkonzerts op. 22, gefolgt von einigen Premium-Lesungen des Vierten Konzerts (u.a. mit Robert Casadesus und Bernstein). Viel Konkurrenz, viel Ehr‘ – nach diesem Motto sollte also die Neuaufnahme-Serie mit Soustrot, der nicht nur in Bonn als Spezialist für französische Musik einen guten Namen hat, und der noch relativ unbekannten französischen Nachwuchshoffnung Romain Descharmes am Klavier am besten von Beginn an Eindruck machen.

Tadellose Orchesterleistung, tolle Hörner

Über die von Soustrot ausmodellierten Klangmöglichkeiten des schwedischen Orchesters gaben ja die auch klangtechnisch sehr gut aufgezeichneten Symphonien des französischen Brahms-Altersgenossen Auskunft: Die mir bekannte zweite Folge mit der ‚Orgel-Symphonie‘ und der frühen A-Dur-Symphonie des talentierten Teenagers präsentierte einen phasenweise fast ‚deutschen‘ Klang mit kompakt gut gemischtem Tutti, aus dem phasenweise die Blechbläser schön plastisch herausragen; die Holzbläser geben gut integriert ihre Farben hinein, während die Streicher bogenführend nötigenfalls zu ungeahnt großem, glänzendem Ton fähig sind, wie man ihn etwa aus den Londoner Saint-Saëns-Aufnahmen Dutoits und Previns von den auf Glanz getrimmten dortigen Orchestern gewohnt ist. Das Besondere an Malmö plus Soustrot scheint mir darin zu liegen, dass in Symphonien-Folge 2 etwa die als drittes enthaltene Tondichtung 'Le rouet d‘Omphale' weniger klangimpressionistisch als in den orchestralen Steigerungs-Tableaux recht wuchtig zwischen Robert Schumanns Ouvertüren und den späteren orchestralen Entwicklungskonzepten à la Brahms angesiedelt erscheint.

Diese gewisse orchestrale Gründerzeit-Schwere mit durchaus reicher Farbmaserung, die man weniger bei französischen Dirigenten wie Jean Martinon oder Michel Plasson, sondern durchaus in Aufführungen französischer Musik durch Herbert von Karajan oder auch dem Liszt-Exegeten Kurt Masur wiederfinden kann, passt durchaus treffend auch in Saint-Saëns‘ seltener (ein-)gespielten Konzert-Erstling von 1858: Eingeleitet von nahezu rheinisch-schumannesken Hörner-Rufen in Einleitung und Hauptthema, gewinnt der Kopfsatz zunächst deutsch-romantischen Schwung (im Klavierpart mit Relikten des brillanten Stils Webers und Liszts), bevor die lyrische Nebensatz-Thematik mit träumerischen Variantenbildungen hereinflattert, in denen man etwas Offenbach und auch schon 'Karneval der Tiere' zu hören glauben kann. Und das überwiegend ziemlich Vollgriffige im Klavierpart könnte tatsächlich eher vom jungen Brahms als vom reifen Liszt stammen, wie auch einer der rezitativisch dominanten Gedanken im zentral höchst melancholischen 'Andante sostenuto', den man fast als Vorwegnahme aus Brahms‘ 'Deutschem Requiem' wahrnehmen kann.

Den geballten, zum lyrischen Tiefsinn kontrastierenden, virtuosen Sturm des finalen 'Allegro con fuoco' hingegen darf man einer ausgelassenen Tanzwelt zuschlagen, weniger ungarisch als Varieté-kompatibel. Dieses Erste Klavierkonzert hört man mit Descharmes – ein fülliger Klavierklang wird in der Aufzeichnung technisch ausgezeichnet wiedergegeben – und Soustrot als Entdeckungsreise, darf wieder die Hörner genießen und die vielfältigen Dialoge und Vermischungen von Orchester- und Klavierpassagen, in denen Descharmes sein Spiel als Mischung aus der eher kühl-noblen Jeu-perlé-Kultur von Collard und Stephen Houghs idiomatischer Anpassungsfähigkeit präsentiert. Nur im Kopfsatz kleine Einwände zur Tempogestaltung: Warum bremst sich das Orchester so sehr zu Beginn der Durchführung, und warum hat man die ebenfalls hörbaren Schwankungen im Grundtempo zu Beginn der Reprise nicht durch einen neuen Take revidiert? Denn so wirkt das Erste Konzert mal wieder wie ein weniger sorgfältig probenkonzipiertes Nebenprodukt des wirklich tadellos und höchst konkurrenzfähig eingespielten g-Moll-Repertoireschinkens.

Romain Descharmes selbstbewusst mit großer Gestik

Die Präsentation der Quasi-Bachschen Solo-Einstiegsfantasia oder -Toccata dieses Zweiten Gattungsbetrags von 1868 gelingt Descharmes durchaus so individuell und überzeugend, dass man keine der älteren Referenzen vermisst. Und auch Soustrot und das Orchester sind völlig zuhause und bereiten dem Solisten im Scherzo die Opèra-comique-Bühne und im 'Presto'-Finale eingangs den röhrenden Ozeandampfer-Antrieb. Es gibt nicht viele Versionen, die pianistisch wirklich besser und ideenreicher gespielt sind: Descharmes besitzt den trockenen und dabei fast klischeegemäß für französische Pianisten ‚perligen‘ Anschlag, ein weitgehendes Non-legato, das in der Basslage genügend Kernigkeit schon durch den Anschlagsdruck gewinnt. Und die wahre Synthese aus ungarischem Brahms und Can-Can-Rag-Time im 'Presto' gelingt mit dem guten Orchester nicht zu starr im rhythmischen Voranpeitschen, sondern flexibel in den bunt komponierten Episoden (u.a. in den humorvoll-penetranten Trillern des Mittelteils). Das macht – mehr als die zu recht nicht oft, aber hier ebenfalls nahezu bestmöglich eingespielte Konzert-Fassung des salonhaften, nur stellenweise thematisch originellen 'Allegro appassionato' op. 70 (1884) – neugierig auf die weiteren Folgen dieser Konzertreihe aus Malmö.

Descharmes gelingt nach einigen Kammermusikbegleitungen ein (bis auf stellenweise den Kopfsatz von Opus 17) ziemlich überzeugendes Konzert-Debüt bei Naxos. Und hier greift der Serien-Charakter des Malmöer Saint-Saëns-Projekts: Die Klavierkonzerte gewissermaßen als ‚zweite Staffel‘ mit einer neuen Hauptfigur neben Marc Soustrot, die zur schrittweisen Neuentdeckung dieser Werkgruppe mit ihren eigenen Helden einlädt, statt gleich die ganze Konzert-Serie in einer Gesamtbox aus dem Archiv zu verschleudern, aus der mancher dann wohl doch nur die Reißer-Stücke hört. Gönnen Sie sich die Einzelfolgen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Saint-Saens, Camille: Klavierkonzerte Nr. 1 & 2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
1
10.03.2017
EAN:

747313347674


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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