> > > Puccini, Giacomo: Sämtliche Lieder für Sopran und Klavier
Donnerstag, 23. November 2017

Puccini, Giacomo - Sämtliche Lieder für Sopran und Klavier

Der gar nicht andere Puccini


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dank des unprätentiösen Zugriffs von Krassimira Stoyanova und Maria Prinz ist das Album mit Puccinis kompletten Sopran-Liedern keine musikwissenschaftliche Ergänzung, sondern purer Genuss kleiner Lied-Pralinen.

Es sind vor allen Dingen die Opern Giacomo Puccinis, mit denen man den Komponisten heute assoziiert. Dass Puccini auch geistliche Werke, Kammermusik und eben Lieder geschrieben hat, ist eher in Fachkreisen bekannt. Das liegt sicherlich auch daran, dass Puccini selbst seinen Werken abseits der Opernbühne wenig Bedeutung beigemessen hat. Oftmals handelt es sich um Jugendwerke, Handgelenksübungen aus dem Studium oder kleinere Gelegenheitskompositionen, die nicht für die ‚Ohren der Welt’ bestimmt waren. Und bei genauerer Betrachtung sind viele dieser Kompositionen musikalischer Ausgangspunkt für spätere Elemente aus Puccinis großen Opernerfolgen. Schon in der 'Manon Lescaut' findet sich neben dem parodistisch verwendeten 'Agnus Dei' aus Puccinis 'Messa di Gloria' oder dem frühen Streichquartett 'Crisantemi', das das thematische Material für den vierten Akt liefert, auch eine Melodie, die als Arie des Des Grieux ungemein populär wird. Dieses 'Donna non vidi mai' basiert aber auf einer viel früheren Komposition Puccinis, nämlich auf einer Passage aus dem Lied 'Mentia l'avviso' aus dem Jahr 1883.

Wie stark Puccinis Opern von seinem Liedschaffen profitieren, zeigt die neue CD von Krassimira Stoyanova beim Label Naxos. Sie hat im Januar 2016 beim Bayerischen Rundfunk mit der Pianistin Maria Prinz sämtliche Lieder Puccinis für Sopran und Klavier eingespielt. Das ergibt ein recht kurzes Programm von gerade mal 46 Minuten – aber immerhin mit 19 Liedern. Schon im Jahr 1989 hat Placido Domingo ein ähnliches Projekt in die Tat umgesetzt und mit dem Album ‚The Unknown Puccini’ das Liedschaffen des Opernkomponisten beleuchtet. Einige dieser Lieder sind auch auf Stoyanovas CD zu hören, allerdings nun mit der Erkenntnis verknüpft, dass sie also ursprünglich für eine Sopranstimme geschrieben sind.

Und dieses tiefe Verständnis des Komponisten für die Sopranstimme ist in Krassimira Stoyanovas Gesang in jeder Note zu hören. Der goldene Klang der Stoyanova entfaltet sich in den Lieder so prachtvoll wie in ihren großen Opernpartien. Selbst im zartesten Pianissimo bleibt ihr unverwechselbar warmer Stimmkern erhalten. Oft glaubt man, innig empfundenen Opernarien zu lauschen, so üppig und intensiv sind Farbgebung und Gestaltung. Und doch schießt die Sängerin nie übers kammermusikalische Ziel hinaus. Sie bedient die kleine Form des Liedes mit Natürlichkeit, malt mit traumwandlerischer Leichtigkeit pointierte Situationen und findet trotz stimmlicher Pracht zu großer Intimität. Und genau in dieser suggerierten Zweisamkeit von Künstler und Hörer klingen die melodisch angedachten Opernträume Puccinis umso eindringlicher. Schon der einleitende 'Canto d'anime' nimmt Rinuccios Florenz-Hymne aus 'Gianni Schicchi' vorweg und beim folgenden 'Sole e amore' ist endgültig klar, dass Puccinis Lieder nicht den ‚anderen’ Puccini beleuchten, sondern vielmehr verdeutlichen, dass in Puccini das Herz des Opernkomponisten schlug: Es handelt sich melodisch um die wörtliche Vorwegname von Mimis Abschied im dritten Akt der 'Bohème'.

Während man beim Hören noch zahlreichen Puccini-Melodien aus 'La Rondine' – zum Beispiel als Wiegenlied von 1912 mit leuchtenden Piani und eleganter Stimmführung – oder 'Manon Lescaut', 'Edgar' und 'Le Villi' begegnet, sind es oft auch schlicht rhythmische Eigenheiten oder harmonische Wendungen, die an 'Tosca' oder 'Madama Butterfly' denken lassen, ohne dass man gleich konkrete Verbindungen ziehen kann. Es finden sich auf der CD aber auch zahlreiche Lieder, die kein späteres Opernleben mehr geführt haben, deshalb aber nicht weniger ergreifend oder zauberhaft wirken, wie 'Ad una morta!', 'E l'uccellino' oder das erschütternde 'Morire?' aus dem Ersten Weltkrieg, das zumindest melodisch teilweise für 'La Rondine' wiederverwertet wurde.

Die Pianistin Maria Prinz zeichnet sich weniger durch eigene Akzente als durch Zurückhaltung aus. Es ist der Part der Begleiterin, den sie einnimmt – ganz anders als Julius Rudel damals auf dem Domingo-Album. Aber bei aller klanglichen Dezenz spürt man sehr deutlich, dass Maria Prinz eine ungemein gute Zuhörerin ist. Sie folgt Krassimira Stoyanova auf Schritt und Tritt, atmet mit ihr und schafft für sie die farbliche und dynamische Grundierung, auf deren Basis die Sopranistin glänzen kann. Und das tut diese auch: direkt, unprätentiös, intensiv, authentisch und mit natürlicher Tonschönheit.

Dank dieses Zugriffs werden die Puccini Lieder nicht zur Ergänzung musikwissenschaftlich interessierter Eingeweihter, sondern zum Genuss kleiner, nicht überzuckerter, Lied-Pralinen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Puccini, Giacomo: Sämtliche Lieder für Sopran und Klavier

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
1
10.03.2017
EAN:

747313350179


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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