> > > Bach, Johann Sebastian: Kantaten für Bass solo BWV 56, 12, 82, 21 & 158
Samstag, 21. Juli 2018

Bach, Johann Sebastian - Kantaten für Bass solo BWV 56, 12, 82, 21 & 158

Behutsam


Label/Verlag: Coviello Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ein schönes Porträt der stimmlichen Möglichkeiten Henryk Böhms, der die reichen Möglichkeiten aus Bachs Solo-Kantaten subtil nutzt: Seine schlanke Stimme nimmt den Hörer für sich ein, auch die Hinwendung zum feinen Lyrismus.

Wohl jeder Bariton oder Bass, der im oratorischen Fach unterwegs und den Sphären des Barock verbunden ist, macht sich früher oder später an ein Programm mit den gewichtigen solistischen Kantaten, die Johann Sebastian Bach für diese Stimmlage komponiert hat – bieten sie doch zu gleichen Teilen Herausforderungen und Möglichkeiten: Sie sind technisch durchaus fordernd, machen eine überlegte dramaturgische Feingestaltung notwendig und bieten zugleich die Chance, eine Stimme in Gänze zu präsentieren. Henryk Böhm, Preisträger des Schumann-Wettbewerbs wie des Bundeswettbewerbs Gesang, hat jetzt gemeinsam mit dem Göttinger Barockorchester, geleitet vom jungen Antonius Adamske, Assistent von Laurence Cummings bei den Göttinger Händel-Festspielen, eine solche Platte vorgelegt. Zu hören ist die Trias von 'Ich will den Kreuzstab gerne tragen' BWV 56, 'Ich habe genug' BWV 82 und 'Der Friede sei mit dir' BWV 158. Zwischen den Kantaten erklingen, in der Funktion ebenso edler wie eleganter Intermedien, zwei Sinfonien zu anderen Kantaten, die zu 'Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen' BWV 12 und zu BWV 21 'Ich hatte viel Bekümmernis'.

Zu diesem ebenso bekannten wie schönen Programm liefert die Bach-Forscherin Christine Blanken im üppig ausgestatteten, dreisprachigen Booklet erhellende Ausführungen zu den Texten der Kantaten: Da scheint es in den Jahren 1725/27 eine intensive Zusammenarbeit Bachs mit dem aus Nürnberg stammenden Theologiestudenten Christoph Birkmann (1703-1771) gegeben zu haben, der Bach neben BWV 56 und 82 sowie weiteren vom Komponisten solistisch vertonten Kantaten in der Ich-Form auch zur Textgrundlage für 'Ich armer Mensch, ich Sündenknecht' BWV 55 verhalf. Die Zusammenarbeit scheint Bach künstlerisch durchaus beflügelt zu haben, war die Verfügbarkeit von Texten, die den theologisch Ambitionierten ebenso wie die gläubige Seele ansprachen, doch durchaus problematisch. Und Birkmanns Texte wirken auch in der Gegenwart auf natürliche Weise expressiv, fast schlicht, sind von fließendem Duktus, rühren ganz persönlich an, ohne wuchernde Figuren oder zeittypische Überformungen. Kein Wunder, dass Bach sich von diesen Texten zu nachvollziehbar zeitlosen musikalischen Gestalten animieren ließ.

Feine Töne

Prägende musikalische Größe der Platte ist natürlich Henryk Böhm. Und der frühere Kruzianer tut das mit einem wunderbar leichten, auch leichtgängigen Bariton, schlank in der Grundanmutung, mit einer mühelos sich öffnenden, gelegentlich beinahe tenoral wirkenden Höhe, die er hell und unbeschwert erreicht, mit Eleganz und ohne Überdruck. Mancher Vokal, manche Färbung erinnert in der Höhenlage von Ferne an die Stimmcharakteristik Dietrich Fischer-Dieskaus; die Tiefenreserven sind überschaubarer dimensioniert. Böhm ist ein sehr plastischer, gleichwohl natürlicher Sprachgestalter, er expliziert Birkmanns Texte, nimmt sich Zeit, deutet vieles natürlich, fast zart, jedenfalls behutsam und mit wachem Sinn für Nuancen.

Das Göttinger Barockorchester verfügt über einen schönen, gerundeten Ensembleklang, mit feinen Streicherregistern, kultivierten Beiträgen der obligaten Oboe, dazu feinen Impulsen der Laute. Dieses insgesamt kulturvolle Klangideal entfaltet Antonius Adamske in gemäßigten Tempi, durchaus nicht statisch, aber doch auch nicht in jedem Moment bebend und berstend – in dieser Hinsicht der Stimmcharakteristik Böhms entsprechend. Und bei aller Sprachgebundenheit des Musizierens, bei aller Motivation aus dem Rhetorischen spielt das Ensemble zugleich lyrische Qualitäten aus, zeigt es sich durchaus auf schöne Linien bedacht. Das Klangbild ist angenehm erwärmt, in seiner Wirkung gehaltvoll, in schöner Balance. Einziger echter, gleichwohl gewichtiger Makel: Die instrumentale Bass-Sphäre ist zu wenig plastisch gefasst, wirkt weich und wolkig, fast indirekt eingefangen – für Musik des ausgehenden Generalbasszeitalters nicht ideal.

Ein schönes Porträt der stimmlichen Möglichkeiten Henryk Böhms, der die reichen Möglichkeiten aus Bachs Solo-Kantaten subtil nutzt: Seine schlanke Stimme nimmt den Hörer für sich ein, auch die Hinwendung zum feinen Lyrismus.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: Kantaten für Bass solo BWV 56, 12, 82, 21 & 158

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Coviello Classics
1
03.03.2017
EAN:

4039956917045


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Coviello Classics

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Grundvoraussetzung für unsere Neuproduktionen sind die besonderen Anforderungen an Künstler und Repertoire. Um dem Klassikmarkt neue Impulse zu geben, produziert coviello classics bislang wenig beachtetes Repertoire, oftmals in Weltersteinspielungen, und sorgt damit immer wieder für überraschende Entdeckungen. Bekanntere Werke erscheinen durch ungewöhnliche Interpretationen in neuem Licht ? hier gibt es keine ideologischen Grenzen oder vermeintlichen Authentizitäts-Anspruch; lebendige Musikkultur zeigt oft das vertraute in ganz anderem klanglichem Gewand. Ein besonderer Schwerpunkt ist die seit einigen Jahren etablierte Reihe coviello contemporary, in der sich die Nähe zum weltbekannten Darmstädter Institut für neue Musik in ganz aktuellen Kompositionen bemerkbar macht.

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