> > > Sviatoslav Richter plays Schubert: Live in Moscow
Donnerstag, 14. Dezember 2017

Sviatoslav Richter plays Schubert - Live in Moscow

Schubert auf russisch


Label/Verlag: Profil - Edition Günter Hänssler
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Swjatoslaw Richter spielt Schubert und erkundet dabei fast durchweg extreme Ausdrucksbereiche.

Mit einer eher unspektakulären Sonate in e-Moll beginnt diese Richter-Schubert-Edition, und das Werk ist auf der ersten CD sogar gleich zwei mal enthalten. Die Sonate ist unvollendet und es gibt verschiedene Fassungen. Das Beiheft meint, nur Swjatoslaw Richter habe zwei Versionen gespielt, eine zweisätzige und eine dreisätzige. Eine andere Edition des russischen Labels Melodia beginnt lustigerweise mit derselben Sonate, allerdings in einer dritten Fassung mit vier Sätzen, erstellt von Paul Badura-Skoda. Das Beispiel dieser eher unbedeutenden Sonate zeigt, stärker noch als die Tatsache, dass diese neue Veröffentlichung bei Profil Edition Günter Hänssler insgesamt zehn CDs umfasst, wie gründlich sich Richter mit Schubert beschäftigt hat. Die Aufnahmen der beiden Fassungen hier stammen aus Konzerten von 1962 (ganz gute Qualität) und 1958 (leider nur eingeschränkt genießbar), die der Melodia-Edition von 1978, und abgesehen von der technisch wesentlich besseren Qualität fällt vor allem auf, dass Richter später das Pedal sehr viel sparsamer dosiert und sich genauer an die dynamischen Vorgaben Schuberts gehalten hat.

Die Sonate e-Moll D 566, um die es hier geht, ist nicht die einzige, die zweimal enthalten ist; das gleiche gilt für drei weitere Sonaten, die ‚Wanderer-Fantasie‘ sowie für einige kleinere Stücke. Die neue Veröffentlichung wendet sich insofern, auch bei Berücksichtigung der teilweise dürftigen Tonqualität, wohl wirklich in erster Linie an Sammler und Kenner. Als repräsentative Auswahl hingegen spricht einiges dafür, der Melodia-Edition den Vorzug zu geben. Die enthält mit vier Platten auch eine gehörige Portion Schubert, und das in wesentlich besserer Tonqualität.

‚Richter plays Schubert live in Moscow‘, so lautet der Titel der neuen Box. Für die meisten Aufnahmen trifft das zu, doch längst nicht für alle. Die Sonate A-Dur D 664 etwa ist ebenfalls zweimal enthalten, doch keine der Aufnahmen entstand in Moskau. Eine stammt aus Kiew, die andere aus Paris, und dabei handelt sich um eine der eher wenigen Studioaufnahmen Richters. In beiden Fällen ist das 'Andante' eher ein Adagio, das Finale dagegen sehr rasch.

Diese Tendenz ist auch in anderen Werken festzustellen, so etwa der Sonate a-Moll D 784. Der Mittelsatz ist bei Richter ein Adagio bezogen auf Viertel, Schubert notiert eigentlich 'Andante' im alla breve! Ungemein reizvoll ist Richters Interpretation dennoch, nur mit seinem Credo ist es zumindest hier nicht so weit her, er führe nur genau das aus, was die Komponisten aufgeschrieben hätten. Im Finale dieser vielgespielten Sonate hält er vermutlich den Geschwindigkeitsrekord, allerdings kann auch ein Richter die Oktaven am Schluss in diesem Tempo nicht mehr völlig makellos bewältigen, denn das dürfte, zumal im Konzert und nicht im Studio, ein Ding der Unmöglichkeit sein. Richter hat diesen Satz auch in späteren Konzerten sehr rasch gespielt, aber doch nicht mehr so extrem. Ein faszinierendes Konzertdokument ist dieser klanglich relativ gut gelungene Mitschnitt von 1957 aber allemal.

Der zweite Satz der Sonate D-Dur D 850 ist mit 'con moto' überschrieben, was eigentlich auf ein nicht allzu ruhiges Tempo hindeutet. Richter benötigt für diesen Satz 15 Minuten 23 Sekunden, Alfred Brendel oder Paul Badura-Skoda zum Beispiel spielen ihn in etwa elf Minuten. Die extremen Tempi sind vielleicht eine russische Spezialität, jedenfalls hat Emil Gilels für diesen Satz in einer Aufnahme von 1960 sogar noch eine Minute länger gebraucht als Richter.

Umgekehrt liegt der Fall in der relativ wenig gespielten Sonate a-Moll D 845: Hier ist der klanglich ganz akzeptable Mitschnitt von 1957 erstaunlich langsam im ersten Satz, der zweite dagegen eher rasch. Richter hält sich dafür, verglichen mit den anderen Sonaten und erst recht mit anderen Interpreten, genauer an die von Schubert vorgesehene Artikulation.

Nicht im Geringsten kümmert sich Richter offenbar darum, wenn durch seine Tempi und die Berücksichtigung wirklich aller Wiederholungen einzelne Sätze eine geradezu epische Länge bekommen. Der erste Satz der unvollendeten Sonate mit dem Beinamen ‚Reliquie‘ etwa dauert in den beiden enthaltenen Aufnahmen 19 Minuten und damit fast doppelt so lange wie etwa bei Alfred Brendel. Die gesamte Sonate, die er in der viersätzigen Version spielt, dauert sogar über 40 Minuten. Sie wäre sogar noch länger, doch Richter spielt eine unvollendete Version des letzten Satzes. Beide Aufnahmen dieser Sonate entstanden 1961, die eine wiederum in Paris als Studioproduktion. Ebenfalls dort entstand eine von zwei grandiosen Aufnahmen der Wanderer-Fantasie.

Von den drei großen letzten Sonaten sind immerhin zwei enthalten, es fehlt leider die in A-Dur D 959. Die Sonate c-Moll D 958 ist zwar sehr beeindruckend gespielt, geradezu unerhört dramatisch klingt das Werk bei Richter, leider ist wiederum die Tonqualität des Mitschnitts von 1958 etwas unbefriedigend. Schuberts letzte Sonate, B-Dur D 960, ist wieder gleich zweimal enthalten. Die Interpretationen sind dabei nicht extrem verschieden, wie auch bei den übrigen doppelt vertretenen Werken. Richter spielt die ersten beiden Sätze sehr langsam, die letzten beiden dafür sehr rasch, und insgesamt sind dies zwei großartige Deutungen dieser Sonate. Die Tonqualität ist im Mitschnitt von 1961 allerdings dem von 1957 deutlich überlegen.

Natürlich sind an Richters Schubert beileibe nicht nur die Tempi ungewöhnlich. Damit einher geht ein extrem ausdrucksvolles Spiel, das vor allem zwei Aspekte betont: einerseits eine völlig verklärte, meditative Ruhe und Schlichtheit, andererseits unerhört dramatische Abschnitte. Es gibt wenig in Richters Schubert-Interpretationen, was sich nicht einem dieser Pole zuordnen ließe, während andere Pianisten bei Schubert darauf eher komplett verzichten.

So viel zu den Sonaten; es bleiben drei CDs mit anderen Werken Schuberts. Dazu gehören vier der Impromptus, die drei Stücke aus dem Nachlass D 946 und einige der 'Moments musicaux'. Auch hier spielt Richter mit teilweise extremen Tempi: Zwölf Minuten für das letzte der 'Moments musicaux', ein Stück, das manche Pianisten in fünf Minuten abhandeln.

Aus Schuberts Ländlern hat sich Swjatoslaw Richter selbst eine kurze, hübsche Suite zusammengestellt. Ob selbst solch ein ‚Nebenwerk‘ in zwei verschiedenen Aufführungen präsentiert werden muss, sei dahingestellt. Auf der letzten Platte ist Richter als Duopartner zu erleben. Zunächst spielt er mit Benjamin Britten einen vierhändigen Variationenzyklus. Für ein nicht eingespieltes Duo, in dem einer der Partner wohl eher als Gelegenheitspianist anzusehen ist, klingt das sogar sehr ordentlich. Dann sind noch eine handvoll Lieder enthalten, die Richter mit seiner Lebensgefährtin, der Sopranistin Nina Dorliak zwischen 1953 und 1955 aufgeführt hat. Dies sind also die ältesten Aufnahmen der Edition, und Richters Rolle ist klangtechnisch leider wirklich nur die des Begleiters, der Flügel ist komplett im Hintergrund. Nina Dorliaks Stimme klingt wie immer markant: leicht, beweglich und schlank, dabei aber etwas scharf. Die Besonderheit jedoch liegt darin, dass sie die Lieder auf russisch singt. Naheliegend, dies auf die ganze Edition zu beziehen: Schubert auf russisch!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Sviatoslav Richter plays Schubert: Live in Moscow

Label:
Anzahl Medien:
Profil - Edition Günter Hänssler
10
EAN:

881488170054


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Profil - Edition Günter Hänssler

Profil - The fine art of classical music
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