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Dienstag, 12. Dezember 2017

Furtwängler, Wilhelm - Klavierquintett C-Dur

Der dirigierende Komponist


Label/Verlag: Tacet
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Label Tacet legt die Einspielung von Wilhelm Furtwänglers Klavierquintett mit dem Clarens Quintett in einer Real-Surround-Sound-Blu-ray neu auf und spricht damit insbesondere Neukunden und Besitzer einer leistungsstarken Sound-Anlage an.

Wenn Klaus Lang als einer der wichtigsten Furtwängler-Autoren ein Buch mit dem Titel ‚Wilhelm Furtwängler und die Tragik seines Komponierens’ publiziert, so wird die problematische Stellung Furtwänglers in der Rolle des Komponisten nicht zuletzt hier entscheidend thematisiert. Der heute weithin verehrte Dirigent fand in seiner Kindheit freilich nicht zur Musik mit der Intention, ein großer Kapellmeister zu werden, sondern er träumte stattdessen immer davon, als großer Komponist in die Musikgeschichte einzugehen. In diesem Sinne verstand er sich als dirigierenden Komponisten, der dem Kapellmeisterberuf als Nebentätigkeit nachging und hauptberuflich für das Schaffen eigener Werke zuständig war. Furtwänglers Genius in der Schöpfung musikalischer Interpretation machte diesem Wunschdenken einen entscheidenden Strich durch die Rechnung. Der Nachwelt ist er als einer der wichtigsten Dirigenten des 20. Jahrhunderts bekannt; an die Kompositionen Furtwänglers erinnert sich jedoch kaum einer – entgegen seinem persönlichen Ziel wird er heute allein als komponierender Dirigent rezipiert.

Ob das Scheitern als Komponist der erbarmungslosen Kanonisierung geschuldet ist, welche in der Musikgeschichte nicht selten auch großartigen Werken ihren angemessenen Status abgesprochen hat, oder ob der ausgebliebende Erfolg doch die Konsequenz einer mangelnden kompositorischen Begabung Furtwänglers ist, bleibt eine schwierige Frage. Einerseits wurde den Werken zu Furtwänglers Lebzeiten möglicherweise etwas vorschnell die Qualität aberkannt, weil sie mit ihrer expressiv spätromantischen Klangsprache nicht mehr dem Zeitgeist entsprachen. Andererseits kann das extreme eigene Ringen während des Arbeitsprozesses ebenso als Indiz gedeutet werden, dass das Komponieren letztendlich doch nicht Furtwänglers wahrer Bestimmung entsprach. Am vorliegenden Klavierquintett, einem kolossalen Werk vom Ausmaß einer Bruckner-Sinfonie, saß er etwa über 20 Jahre. Denkt man an die Schwere und Ernsthaftigkeit der Furtwänglerschen Interpretationen, ist es geradezu eine logische Konsequenz, dass er für seine eigenen Kompositionen eine große Anlage benötigte und nicht unbedingt als Meister des Sich-Kurzfassens überzeugen sollte. Die Kompositionen sind dadurch für die praktizierenden Musiker als auch für den Zuhörer anspruchsvoll und alles andere als ‚leichte Kost’.

Symphonische Kammermusik

Was auf den ersten Blick anstrengend wirkt, ist es am Ende allerdings nicht unbedingt, wie die von Tacet neu aufgelegte Einspielung des Klavierquintetts überzeugend vermittelt. Die Mammutdimensionen fallen in der Interpretation des Clarens Quintetts kaum ins Gewicht, da in jedem der drei annähernd halbstündig dauernden Sätze eine fesselnde Sogwirkung entsteht. Furtwängler sprengt mit seinem Klavierquintett das kammermusikalische Format und ebnet dem Werk somit den Weg zur symphonischen Statur. Man mag dies überladen und reichlich übertrieben finden, dennoch gibt es einerseits in der Musikgeschichte wenig Beispiele für solch einen Versuch, und ist andererseits für diese Zielsetzung nicht nur eine stabile Anlage vonnöten, sondern auch musikalisches Handwerk, das es ermöglicht, fünf Kammermusikinstrumente wie ein romantisches Orchester klingen zu lassen. Furtwängler tondichterisches Können abzusprechen, erscheint demzufolge doch ziemlich unangemessen.

Das Clarens Quintett begegnet den Hürden des Werkes mit einer präzisen Illustration der gigantischen Form und kommt Furtwänglers eigener Interpretationsästhetik nahe, wenn etwa das Hauptthema am Ende des ersten Satzes in Bruckner-Manier furios und apotheotisch hereinbricht und dies bereits lange im Voraus sorgfältig antizipiert wurde. Furtwänglers große und zusammenhaltende Bögen, die in seinen Bruckner- und Wagner-Interpretationen eine so einzigartige Strömung entfalten, übertragen die Musiker schlüssig auf die Eigenkomposition. Einzig die Scheu, das aus den Furtwängler-Aufnahmen bekannte, bewusst unpräzis gehaltene Zusammenspiel oder die extremen Tempoverschiebungen zu vollziehen, ließe sich als kleine Kritik nennen. Furtwängler selbst hätte in seiner Komposition das Metrum und Tempo sicherlich noch flexibler gestaltet und extremer ausgereizt.

Spannendes Tonmeisterspiel

Die beeindruckende Einspielung des Clarens Quintett kann das allerdings nur minimal trüben – folgerichtig entschied man sich bei Tacet speziell bei dieser Produktion für ein Real-Surround-Sound-Remake. Die Eingriffe in die Aufnahme, durch welche die Instrumente im Raum kreisen, sind durchaus spannend und im Booklet zudem an einzelnen Beispielen mit Blick auf die musikalische Form begründet. Um den Effekt allerdings genießen zu können, ist konsequenterweise auch eine entsprechende Anlage mit mehreren Boxen notwendig. Wem das Tonmeisterspiel mit dem Real Surround Sound nicht zusagt, bleibt die Möglichkeit, zurück ins gewohnte Stereo zu schalten, mit dem Vorteil, bei dieser Neuveröffentlichung im Vergleich zum Vorgängerprodukt keinen lästigen Wechsel des Tonträgers vollziehen zu müssen.

Ob der Real Surround Sound am Ende Grund genug bietet, diejenigen, welche die Vorgänger-CD besitzen, zu einem nochmaligen Kauf zu animieren, ist fraglich. Neukunden sei die Blu-ray-Edition auf jeden Fall wärmstens empfohlen, da sie nicht nur zur eigenen Diskussion mit der Person Furtwängler als Komponist anregt, sondern ebenfalls mit einer Interpretation aufwartet, die das kompositorische Können Furtwänglers beeindruckend unterstreicht und optimal zur Erscheinung kommen lässt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Furtwängler, Wilhelm: Klavierquintett C-Dur

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Tacet
1
16.02.2017
EAN:

4009850011958


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Tacet

Das Wort TACET kommt aus dem Lateinischen und bedeutet "er/sie/es schweigt". Es steht in den Noten, wenn ein Musiker für ein ganzes Stück nichts zu spielen hat. In einem solchen Fall steht in den Noten "TACET". Ein paradoxer Name für eine Plattenfirma?

Der Produzent des Labels, Andreas Spreer, liebt das Paradox. Im April 1989 gründete der Diplom-Tonmeister die Musikfirma TACET in Stuttgart/Germany. Seither produziert TACET Musik für höchste Ansprüche auf den verschiedensten Tonträgern (CD, LP, SACD, DVD-Audio, Blu-ray). Von Beginn an erhielten die Aufnahmen herausragende Rezensionen und höchste Auszeichnungen (u. a. mehrere Jahrespreise der deutschen Schallplattenkritik, Cannes Classical Award, Echo, Diapason d'or, Grammy-Nominierung und viele mehr; stöbern Sie ein wenig in den Kritiken auf den Produktseiten), aber was noch wichtiger ist, sie erfreuen sich größter Beliebtheit beim Publikum. Dabei ist noch kein Ende abzusehen: Die Zahl der TACET-Fans wächst immer weiter. Woher kommt dieser langandauernde große Erfolg?

Vielleicht liegt es daran: TACET arbeitet konsequent an der Synthese von zwei Ebenen, die häufig als sehr unterschiedlich oder sogar gegensätzlich angesehen werden: dem musikalischen Gehalt und der aufnahmetechnischen Qualität.

Als Begriff, der sowohl die musikalischen als auch die aufnahmetechnischen Vorzüge der TACET-Aufnahmen umfasst, bietet sich das Wort "Klang" an. Klang entsteht in einem Instrument, der Musiker bringt ihn daraus hervor, doch ob gewollt oder nicht - die nachfolgenden Apparaturen und Personen beeinflussen den Klang auch. Wenn alle Beteiligten, Musiker, Instrumente, Raum, Aufnahmegeräte und "Tonbearbeiter" gut zusammenpassen bzw. zusammenarbeiten, wächst in der Mitte zwischen ihnen wie von selbst etwas Neues empor, das dem Wesen einer Kompositon sehr nahe kommt. Davon handelt unser Slogan "Der TACET-Klang - sinnlich und subtil".

"This is one of the best sounding records you'll ever hear" schrieb das US-Magazin "Fanfare" über die TACET-LP L207 "oreloB". György Ligeti äußerte über die Kunst der Fuge "... doch wenn ich nur ein Werk auf die "einsame Insel" mitnehmen darf, so wähle ich Koroliovs Bach, denn diese Platte würde ich, einsam verhungernd und verdurstend, doch bis zum letzten Atemzug immer wieder hören.". "Entscheidend aber ist die Gemeinsamkeit des Geistes. Die Auryn-Leute beseelt die gleiche Kunstgesinnung..." (Rheinische Post). Stöbern Sie ein wenig in den Kritiken auf den Produktseiten oder noch besser hören Sie sich TACET-Aufnahmen an und überprüfen, was die Kritiker schreiben.

Bei uns darf Musik all das anrühren und ausdrücken, was das Leben ausmacht. Sie erlaubt dem Hörer Gefühle zu empfinden, ohne sentimental zu werden. Sie kann witzig sein und zum Lachen bringen. Sie kann auf ehrliche Weise "romantisch" sein, ohne den Hörer in einen Kaufhausmief von Wohlfühlklängen zu versenken. Sie darf in unendlichen Variationen geistreich sein. Sie darf zum Denken und zum Erkennen anregen, ohne musikalische Vorbildung zu erfordern. Sie darf effektvoll sein und um die Ohren fliegen, wenn es dem Wesen der Werke entspricht. Sie kann Revolutionen im Kopf auslösen, ohne ein einziges Wort. Sie kann widersprechen und korrigieren. Musik kann Verzweiflung wecken, aber auch trösten. Und und und. Die vollständige Liste wäre endlos.

Der TACET-Inhaber und -Gründer Andreas Spreer erhielt u. a. die Ehrenurkunde des Preises der deutschen Schallplattenkritik.


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