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Donnerstag, 23. November 2017

Cesti, Antonio - L'Orontea

Deftiger Barockspaß


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese 'L'Orontea' ist zweifelsohne ein barockes Fest für die Ohren und eine mehr als willkommene diskografische Erweiterung ist sie obendrein.

An der Oper Frankfurt wurde im Februar 2015 Antonio Cestis turbulente Karnevalsoper 'L’Orontea' wiederbelebt. Sowohl der Komponist als auch dieses Werk gehören nicht gerade zum populären Opernkanon, sondern zählen schon eher zum Raritätenkabinett. Entsprechend lebendig und engagiert geht es im Frankfurter Mitschnitt dieser Neuproduktion zu, der kürzlich auf 3 CDs beim Label Oehms erschienen ist – das ist äußerst effektive und überzeugende Werbung für diese viel zu sehr vernachlässigte operngeschichtliche Phase zwischen Monteverdi und Händel.

Am Pult des klanglich bunt besetzten Monteverdi-Continuo-Ensembles, das mit der Streicher-Unterstützung des Frankfurter Opern- und Museumsorchester Cestis Musik frisches Blut spendet, steht der Barockspezialist Ivor Bolton. Er lässt es nach Lust und Laune zirpen und aufblühen im Orchestergraben – das ist unter seinen Händen unzweifelhafte Theatermusik mit allen Ecken und Kanten. In schillernden Farben spiegeln sich die Affekte der handelnden Figuren wider, Bolton kommentiert geschmackvoll und bleibt stets am Puls des Geschehens.

Das macht ohne Frage viel Spaß beim Hören, noch viel spaßiger und unterhaltsamer muss es allerdings gewesen sein, die gesamte Produktion in Frankfurt zu erleben. die vielen bunten Aufführungsfotos im Beiheft zeugen von einer spritzigen und actiongeladenen Inszenierung, die der Oper als Vorläufer der italienischen Opera buffa alle Ehre zu machen scheint. Bei aller hehren Größe der eigentlichen Geschichte ist 'L’Orontea' nämlich ein urkomisches Konstrukt abstruser Handlungsstränge. Die Königin Orontea will sich niemals verlieben. Dieses Vorhaben, das kurz nach dem frechen Prolog zwischen Filosofia und Amore wie ein Fels in der Brandung steht, muss zwangsweise scheitern. Und tatsächlich wird in Cestis Oper geliebt und gebaggert, dass die Fetzen fliegen. Von der lüsternen Alten über die kokette Zofe bis hin zum existenziellen Herzschmerz gibt es nichts, was es nicht gibt. Und natürlich verfällt die Königin schließlich doch ihrem schönen Fremden, der sich glücklicherweise als ein früher verschollenes Baby mit ungemein wichtigem Amulett herausstellt, und auch ein zweites Pärchen wird nach allen Intrigen und Fremdküssereien den Weg zum Traualtar finden.

Diesen quietschvergnügten Opernspaß muss man theatral erleben. Und hier liegt ein wenig die Schwäche der CD-Veröffentlichung: Die großartige Musik von Cesti ist bei einem solchen Stück einfach nur die Hälfte des Kunstwerks. Auch 'L’Orontea' lebt zu einem nicht zu vernachlässigenden Teil von der Szene, vom theatralen Moment. Beim Hören des Mitschnitts lässt sich die Situationskomik nur selten erhaschen und die viel gerühmten gesellschaftlichen Spitzen und ironischen Zwischentöne sind nicht nachzuvollziehen. Wer hier gerne einen Blick ins Libretto geworfen hätte, um der Handlung zumindest textlich zu folgen, wird ebenfalls bei der Oehms-Ausgabe enttäuscht: Das Libretto ist zwar abgedruckt – aber nur auf Italienisch. Eine Übersetzung wird nicht mitgeliefert. Die ausführlich geschilderte Inhaltsangabe hilft zumindest, das Geschehen weitgehend zu überblicken. Ein tiefes Eintauchen ist für Nicht-Italiener aber letztlich unmöglich.

Trotzdem liegt mit dieser 'L’Orontea' ein musikalisch einwandfreies Ergebnis vor, das sich in vollen Zügen genießen lässt. Paula Murrihy verleiht der Titelfigur mit ihrem samtenen Mezzosopran etwas wirklich Königliches. Sie trifft den anrührenden Seelenton, den Orontea dringend braucht, um als Charakter glaubwürdig zu sein. Besonders anrührend ist die letzte Szene des zweiten Aktes: Vibratolos, fast instrumental führt Paula Murrihy ihre Stimme und trifft mit dieser puren Schönheit mitten ins Herz. Der Countertenor Xavier Sabata ist ihr als Alidoro ein ebenbürtiger Partner. Mit Strahlkraft und ungeheurer Agilität avanciert er zum männlichen Star der Aufführung.

Allerdings hat er starke Sympathie-Konkurrenz in der herrlich schrulligen Aristea, die von Guy de Mey als aufpoliertes Kabinettstückchen gegeben wird. Der Tenor hatte bereits 1982 in der alten Jacobs-Aufnahme die Aristea gesungen und bis heute nichts von seiner Komik und vokalen Wandelbarkeit eingebüßt. Auch Simon Bailey dürfte als alkoholisierter Gelone ein Publikumsliebling gewesen sein. Schonungslos zieht er alle Register seiner Kunst, um die Lebendigkeit und Fantasie von Cestis Musik zu unterstreichen. Bailey singt mit sonorem Bass, röhrt fröhlich und unbeschwert vor sich hin, falsettiert, pöbelt äußerst musikalisch und schreckt auch nicht davor zurück, ganze Passagen mit Alkohol im Mund zu gurgeln. Da ist die Situationskomik selbst auf Tonträger zum Greifen nahe.

Aus dem übrigen Ensemble sind vor allem noch die grandiose Silandra von Louise Alder und der feurige Tibrino von Juanita Lascarro zu nennen. Wo Alder mit leuchtenden Spitzentönen und erotischen Läufen ein ungehemmt attraktives Klangporträt zeichnet, punktet Lascarro mit ungebrochener Energie und unverwechselbarem Timbre. Kateryna Kasper ist eine stimmschöne Giacinta, der Creonte wird von Sebastian Geyer mit seinem jugendlichem Bariton enorm aufgewertet und Katharina Magiera gefällt als überraschend dunkle Filosofia. Einzig der Countertenor Matthias Rexroth hat es mit der Reduzierung auf die Akustik schwerer als seine Kollegen. Seine Stimme besitzt deutlich weniger Glanz und Attraktivität als die von Sabata, dessen direkte Stimmnachbarschaft in dieser Produktion sich als undankbar erweist. Rexroth steigert sich in seiner Darstellung im Laufe des Abends deutlich, aber viele Töne bleiben flach und vermitteln trotz einiger Souveränität den Eindruck, dass der stimmliche Zenit bereits überschritten ist.

Diese 'L’Orontea' ist zweifelsohne ein barockes Fest für die Ohren und eine mehr als willkommene diskografische Erweiterung ist sie obendrein. Speziell in diesem besonderen Fall würde eine DVD-Veröffentlichung dem Kunstwerk aber definitiv gerechter werden. Vielleicht darf man ja hoffen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Cesti, Antonio: L'Orontea

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
OehmsClassics
1
24.02.2017
EAN:

4260034869653


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OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


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