> > > Bach, Johann Sebastian: Cantatas Vol.13
Sonntag, 20. September 2020

Bach, Johann Sebastian - Cantatas Vol.13

Unaufgeregte Natürlichkeit


Label/Verlag: Challenge Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Vor zwanzig Jahren war die Aufnahme aller Bachkantaten noch ein Unternehmen, das nur von mehreren Interpreten zu bewältigen war, um sich dennoch über Jahrzehnte hinzuziehen. Inzwischen hat sich dieses Mammutprojekt auch für mutige Einzelkämpfer als dankbare Aufgabe erwiesen. Die Pionierleistungen unter Gustav Leonhard und Nikolaus Harnoncourt belegen heute exemplarisch auch die Wege und Wirrungen der historischen Aufführungspraxis und sind neben ihrem musikalischen Wert, auch als Dokumente einer künstlerischen Entwicklung sehr interessant.
Die Nachfolger scheiden sich häufig in Grundsätzlichem voneinander. Die Zustimmung oder Ablehnung dieser Grundsätze erleichtert dem Hörer aber die Entscheidung für den einen oder anderen Zyklus. Helmuth Rillings Gesamtaufnahme (Hänssler), die bereits seit einigen Jahren abgeschlossen ist, benutzte ein modernes Instrumentarium und ist daher im Klangbild klar aber manchmal etwas hart. Das Billiglabel Brillant hat innerhalb von weniger als zwei Jahren eine Gesamtschau vorgelegt, die Bachs Musik (wie seinerzeit bei Harnoncourt) wieder in die Kehlen eines Knabenchors legt. The Holland Boys Choir ist den Anforderungen aber nicht in jedem Moment gewachsen. Der Japaner Masaaki Suzuki seinerseits ist dabei, den vielleicht akkuratesten und was die Wortverständlichkeit betrifft besten Zyklus mit einem gemischten Chor zu erstellen (BIS). Schließlich bleibt noch Ton Koopman, der mittlerweile bei Folge 13 angelangt ist und keinesfalls die Ideen seiner Vorgänger zu einer Kompromisslösung vereint.

Zum Glück gibt es sie überhaupt noch diese Gesamteinspielung, denn nachdem sich Erato in der stets beklagten Klassikkrise vor einer Vollendung des 22 Volumina umfassenden Projekts gedrückt hatte, war der Fortgang keinesfalls gesichert. Challenge Classics springt nun in die Bresche, nicht ganz billig aber dafür braucht man qualitativ bei Klang und Aufmachung keinerlei Abstriche zu machen. Für musikalische Qualität bürgt Ton Koopman mit Kantaten aus dem Leipziger Jahrgang 1724/25. Er vereint Advents- und Weihnachtskantaten, sowie Werke für die einfachen Sonntage im Kirchenjahr. Den Hörer erwartet ein wunderbar abwechslungsreiches Panoptikum mit hinreißenden Arien. Gerade die adventlich, weihnachtlich gestimmten Kantaten sind voll von solchen Preziosen.

Glanzstücke für den Tenor Paul Agnew sind die melodiösen Tenorarien ,Unser Mund und Ton der Saiten‘ aus BWV 1 (Wie schön leuchtet der Morgenstern) und ,Bewundert, o Menschen, dies große Geheimnis‘ aus BWV 62 (Nun komm der Heiden Heiland). Mit leicht britischem Akzent gestaltet er die Arien äußerst hingebungsvoll mit unaufgeregt federnder, weicher Tongebung. Auch wenn ein paar hohe Töne ein wenig verrutschen, weiß Agnew den Hörer Staunen machen, in Erwartung des großen Geheimnisses, das sich als Geburt Christi angekündigt hat.
Alle Solisten singen ausdrucksvoll und gestalten ihre Arien intelligent und inspiriert. Koopman hat Sänger mit ähnlicher Stimmcharakteristik versammelt, die an der Homogenität der Aufnahmen einen großen Anteil haben. Klaus Mertens singt mit klarem Bass ebenso unaufgeregt leicht wie sein Tenorkollege. Deborah Yorks runder, schlanker Sopran und Franziska Gottwalds fein schwingender Alt fügen sich harmonisch in dieses Bild ein. Letzterer hat Bach mit der intimen Arie ,Wie furchtsam wankten meine Schritte‘ aus BWV 33 (Allein zu dir, Herr Jesu Christ) ein traumverlorenes Meisterstück geschrieben.

Wollte man Koopmans Stil beschreiben, wäre Natürlichkeit das beste Attribut. Sein Musizierstil hat nicht jene Aufgekratztheit mancher Kantaten unter Rilling, aber auch nicht jene kühle Perfektion von Masaaki Suzukis Japanern. Am ehesten erinnert er mich an Phillip Herreweghes jüngste Bachaufnahmen. Die historischen Instrumente des Amsterdam Baroque Orchestra klingen warm und vermitteln eine gelassene Musizierhaltung. Man lässt sich Zeit, Linien auszukosten und entstehen zu lassen. Seinen präsenten gemischten Chor befeuert Koopman nicht, sich in den Choralsätzen zu kaprizieren; ein Choral bleibt was er ist, ein einfaches Kirchenlied. In den Eingangssätzen unterstreicht der Dirigent mit einem ausladenden Klangbild den Charakter der feierlichen Eröffnung. Diese Geste ist im wichtiger als die Darstellung jeder musikalischen Kleinigkeit.

Koopmans neuester Beitrag ist in seiner ungekünstelten, selbstverständlichen Art eine wirkliche Alternative zu den existierenden Bachaufnahmen. Wir können uns glücklich schätzen, dass er seine Unternehmung fortsetzen kann.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Bach, Johann Sebastian: Cantatas Vol.13

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
Challenge Classics
3
08.04.2003
3:04:24
2000
2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
0608917221329
CC72213


Cover vergössern

Bach, Johann Sebastian
Bach, Johann Sebastian


Cover vergössern

Dirigent(en):Koopman, Ton
Orchester/Ensemble:The Amsterdam Baroque Orchestra
Interpret(en):York, Deborah (Soprano)
Gottwald, Franziska (Alto)
Agnew, Paul (Tenor)
Mertens, Klaus (Bass)
The Amsterdam Baroque Choir,


Cover vergössern

Challenge Classics

CHALLENGE RECORDS ist eine unabhängige Schallplattenfirma, die ihren Sitz in den Niederlanden hat. Sie setzt sich aus einer Gruppe von Musikenthusiasten zusammen, die mit großer Leidenschaft für den Jazz und die Klassische Musik internationale Produktionen kreieren.
Die Zusammenarbeit mit Künstlern wie Ton Koopman, dem Combattimento Amsterdam, dem Altenberg Trio Wien, Musica Antiqua Köln u.v.a., gibt CHALLENGE CLASSICS ein eindeutiges Profil.
Neben den inhaltlichen Schwerpunkten im Bereich der Barockmusik und der Kammermusik, finden sich auch herausragende Aufnahmen im Liedgesang, in frühklassischer Sinfonik sowie Opern und Oratorien auf DVD-Video.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Challenge Classics:

  • Zur Kritik... Poesie der Reife: So frisch wie Schumann hier – mit Heine – wirkt, so beseelt, inspiriert und bei kompositorischen Kräften sind nur ganz große Künstler je in ihrem Schaffen anzutreffen. Prégardien und Michael Gees fühlen das mit der Poesie der Reife nach. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Musik gegen den Krieg: Yitzhak Yedids Kompositionen begeistern durch mitreißende Klangdynamik. Weiter...
    (Michaela Schabel, )
  • Zur Kritik... Tonschönheit und Risiko: Von den drei hier zu hörenden Werken für Violine und Orchester kann zwar nur das Konzert von Carl Nielsen überzeugen – dieses jedoch vollauf. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
blättern

Alle Kritiken von Challenge Classics...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Thomas Vitzthum:

  • Zur Kritik... Schönste Wiener Kammermusik: Schwungvoll wienerische Kammermusik, gespielt von einem herausragenden Ensemble mit Wiener Wurzeln. Weiter...
    (Dr. Thomas Vitzthum, )
  • Zur Kritik... Nicht aus der Mode gekommen: So empfiehlt sich diese Aufnahme für Entdecker im Violinrepertoire, aber auch für Freunde knapper, inspirierter Neoklassik. Weiter...
    (Dr. Thomas Vitzthum, )
  • Zur Kritik... Undramatisch bekehrt : Frieder Bernius hat eine farbige, aber sehr undramatische Aufnahme des Paulus vorgelegt. Nichtsänger werden sie dennoch mögen. Weiter...
    (Dr. Thomas Vitzthum, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Thomas Vitzthum...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Ein royaler Klassiker: Das Royal Ballet zeigt, dass die Inszenierung des Ballett-Klassikers stilvoll, fesselnd und zugleich zeitgemäß sein kann. Weiter...
    (Lorenz Adamer, )
  • Zur Kritik... Siedende Musik aus dem Norden: Der finnische Komponist Erkki Melartin ist eine Entdeckung wert. Weiter...
    (Karin Coper, )
  • Zur Kritik... Die ganze Welt auf 88 Tasten: Mahler wollte nach eigener Aussage 'mit allen Mitteln der vorhandenen Technik eine Welt aufbauen'. Kann das auch durch die, verglichen mit dem Orchester, durchaus begrenzten Mittel des Klaviers gelingen? Weiter...
    (Sebastian Rose, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (9/2020) herunterladen (3402 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Niels Gade: String Quintet op. 8 in E minor - Adagio - Allegro appassionato

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Isabelle van Keulen im Portrait "Mir geht es vor allem um Zwischentöne"
Isabelle van Keulen im Gespräch mit klassik.com über ihre Position als Artist in Residence der Deutschen Kammerakademie Neuss am Rhein, historische Aufführungspraxis und das Spielen ohne Dirigent.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich