> > > Pisendel, Johann Georg: Violinsonaten
Samstag, 10. April 2021

Pisendel, Johann Georg - Violinsonaten

Die größere Klangbreite


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Pisendels Violinsonaten stellen immer noch eine lohnende Entdeckung dar - angesichts schmaler Diskographie auch hinsichtlich diverser Möglichkeiten des Vortrags und der Besetzung.

Bei Neuaufnahmen der Violinsonaten von Johann Georg Pisendel (1687-1755) darf man auf das individuelle Klangbild gespannt sein, das sich über Varianten in der Besetzung der Continuo-Gruppe ergibt. Anders als in der immer noch beständig faszinierenden Referenzaufnahme des Reinhard-Goebel-Schülers Anton Steck (Label: cpo, 2004), dessen vordergründige, rasanten Tempi geneigte Brillanz von Christian Rieger etwas zurückhaltend am Cembalo ganz solo flankiert wird, hat sich der junge polnische Barockgeiger Tomasz Aleksander Płusa gleich drei Mitstreiter gesucht: neben seinem ständigen Cembalo-Duo-Partner Ere Lievonen noch den mit dem Amsterdam Baroque Orchestra eng verbundenen Cellisten Robert Smith und den amerikanischen Lautenisten Earl Christy, die wie Plusa (die westlich angepasste Schreibweise auf dem Cover) offenbar gleichwohl hauptsächlich in den Niederlanden residieren und musizieren. Der virtuose, immer im Mittelpunkt stehende Solo-Geigenpart bekommt so einen recht breiten Unterbau durch die kontrapunktierende Cellostimme und sich je nach Satzcharakter abwechselnden oder auch ergänzenden harmonischen und rhythmischen Ausführungen der beiden ‚Akkordinstrumente‘. Dem konzertanten Charakter dieser Musik bekommt diese quasi ‚orchestralere‘ Klangbreite. Wobei Plusas Mitstreiter eher zurückhaltend agieren und dem Geiger die Bühne überlassen. Dafür bekommt zumindest Earl Christy hinreichend Gelegenheit, mit drei Lautenstücken aus Suiten von Silvius Leopold Weiss das anspruchsvolle Violinsonatenprogramm einleitend und alternierend zu ergänzen: Diese Programmidee ist insofern reizvoll, da Weiss, geschätztester deutscher Lautenist seiner Zeit an den Residenzen in Breslau, Düsseldorf und dann auch Dresden, dort tatsächlich gemeinsam mit Pisendel Konzerte bestritt und sich am Dresdner Hofe wie wohl auch in anderen höfischen und städtischen Konzertsalons ein solcher Wechsel der Protagonisten angeboten haben dürfte.

Lautenstücke von Weiss ergänzen das Violinprogramm

Somit ist auch die CD mit fast 80 Minuten - davon knapp ein Viertel reine Lautenmusik von Weiss, einleitend die ganz passende und ansprechend vorgetragene 'Ouvertüre' aus der Lautensuite Nr. 40  - gut gefüllt. Drei der vier Pisendel zugeordneten Sonaten sind allerdings auch auf der Pisendel-CD von Anton Steck enthalten: neben der lange Johann Sebastian Bach zugeschriebenen c-Moll-Sonate ("BWV 1024", Signatur Mus. 2-R-3,2 in der sächsischen Landesbibliothek) die bewegt-dramatische g-Moll-Sonate (SLUB Mus. 2201-R-10) und die berühmte Solo-Sonate a-Moll (SLUB  Mus. 2421-R-1-1&5). Hinzu kommt eine zweite c-Moll-Sonate aus dem berühmten ‚schranck No. II‘ mit den von Pisendel (ab)geschrieben Werken der Dresdener Hofkapelle. Deren Fassungsproblematik wird allerdings im von Plusa verfassten Booklet-Text - nur englischsprachig, aber recht umfangreich und informativ - ebenso wenig erwähnt wie die Provenienz der Quellen der anderen Stücke; auch hinsichtlich der Datierung der Solosonate folgt er nicht der neueren Forschung bzw. Kai Köpp (u.a. direkt im Steck-Booklet), sondern beliebt bei der alten Datierung um 1715, die eine Vorlagenfunktion der Sonate für Bach noch möglich erscheinen lässt. Plusas persönliche Statements ersetzen oder egänzen allerdings die wissenschaftlich-informativeren Überlegunen von Köpp nicht, sondern bleiben etwas oberflächlich. Schön aufgemacht ist die Brilliant-Classics Produktion aus der Alten Dorfkirche in Bunnik (NL) allerdings, haptisch ansprechend (Booklet) und im Aufgenommenen gut ausgesteuert mit klarer Präsenz der Streicher-Stimmen trotz leichtem, angenehmem Hall. Cembalo und Laute - solistisch einwandfrei präsentiert -  geraten im Ensemble manchmal etwas in den Hintergrund, aber das geht bei aller Fixierung auf die Violinstimme noch in Ordnung.

Eine ruhige Variante gegenüber Stecks ansteckender Virtuosität

Anders als Steck, der einst (aufgenommen vom Deutschlandfunk 2003) mit schlankerem, beweglichen Strich wesentlich virtuoser und forcierter gerade die schnelleren Sätze zu einem atemlosen Abenteuer gemacht hat, präsentiert Plusa einen gezogeneren, volleren, aber manchmal auch etwas quietschigeren Geigenton. Mit dem Duktus schnellerer Grundthythmen hat er in den opulent polyphonen Sätzen Schwierigkeiten: In den Allegro-Sätzen der g-Moll-Sonate und der schon langsam genommenen Giga nebst Variation der Solo-Sonate geht das Grundmetrum in manchen Passagen des kraftvollen Springens und Arpeggierens etwas verloren, der Vortrag wirkt nicht so flüssig wie bei der Konkurrenz. Dafür entschädigt die Ruhe und Gelassenheit, die sich über das Gesamtprogramm hinweg mitteilt. Schade, dass gerade die Concerto-nahe D-Dur-Sonate der Steck-Anthologie keine Übernahme mit ‚großer‘ Continuo-Besetzung erfahren hat. Ein ansprechendes Bild des Kammermusizierens am Dresdner Hof vermittelt diese auch qua Lauten-Intermezzi deutlich meditativere Einspielung vielleicht gerade durch den Verzicht auf vordergründigeren barocken Virtuosenkult. Eine gute Ergänzung zu Steck nicht im Repertoire, doch in der gänzlich anderen Musizierhaltung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Pisendel, Johann Georg: Violinsonaten

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Brilliant classics
1
07.04.2017
Medium:
EAN:

CD
5028421954325


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