> > > Gulda, Friedrich: Piano Concertos & Sonata
Samstag, 28. Mai 2022

Gulda, Friedrich - Piano Concertos & Sonata

Gulda nimmt Kurs auf ein Ziel hinter der Oberfläche


Label/Verlag: Testament Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Friedrich Gulda, einer der größten Pianisten des 20.Jahrhunderts, ist vielen bekannt durch seine Mätzchen. Doch hinter dieser manchmal scheinbar kindischen Fassade steckt ein bezaubernder Musiker. In der ‘Testament’ getitelten Aufnahme, die jetzt vorliegt, begegnen wir dem 25-jährigen und doch schon vollendeten, ja begnadeten Künstler, der innerhalb dreier Tage die beiden späten Mozart-Klavierkonzerte KV 503 und KV 537 einspielte. Das Orchester, das Gulda zur Verfügung stand, war längst nicht jenes, das später Géza Anda 1968 begleitete, oder welches Daniel Barenboim bei seiner Mozart-Gesamteinspielung zur Seite stand.
Gulda musste sich im September 1955 mit dem New Symphony Orchestra begnügen, und das scheint ein munter zusammengewürfelter Mugger-Haufen gewesen zu sein, der nicht oft zusammen musiziert und daher von seiner Intonation nicht wie die Camerata Academia des Salzburger Mozarteums (mit Anda) glänzen kann. Doch Gulda findet in KV 503 trotzdem seinen ganz eigenen, klassischen Stil. Er ist nicht zu vordergründig zu hören, wie manch anderer Pianist auf jenen so sich gleichenden Digital-Einspielungen der Gegenwart, sondern mischt sich gut mit dem etwas defensiven Klangbild, das das Orchester abgibt. Und doch hört man Nuancen, öffnet Gulda kleinste und dennoch tiefgründige agogische Fenster, die Kurs nehmen, auf ein Ziel hinter der Oberfläche. Besonders eindringlich offenbart sich dieser Eindruck in der linear geführten Kadenz.

Gulda spielt nicht brillant, was aber nicht weiter stört. Er wählt die Tempi wesentlich ruhiger als beispielsweise Anda, was für die Musik ein Gewinn ist. Das gilt insbesondere für das Andante [2]. Da verreitet sich Anda mit seinem zu raschen Tempo und kann teilweise die kleinen Notenwerte gar nicht mehr unterbringen. Ganz anders Gulda! Er bietet ein Exempel an wohldosiertem Rhythmus und Stimmigkeit. Sein Konzept hat Hand und Fuß von der ersten bis zur letzten Note. Fein ziseliert er die Girlanden; formt den Satz so, dass er zur Einladung des Finales wird, gefühlvoll und mit Geschmack.

Auch im abschließenden Allegretto schenkt sich Friedrich Gulda eine volle Minute, und das tut wohl. Da bleibt Zeit zum Korrespondieren von Pianoforte, Klarinette, Oboe und Flöte, und Gulda entzaubert den Géza Anda, zumindest in diesem Mozart-Konzert Nr.25, C-Dur. Trotz aller technischer Unzulänglichkeiten dieser fast 50 Jahre alten Produktion – vor allem auch Intonationsmängel im Orchester – begeistert sie, wie auch die folgende von Mozarts D-Dur Konzert KV 537, dem sogenannten Krönungskonzert.

Als Nachklapp zu den zwei großen Klavierkonzerten Mozarts schiebt Gulda in dieser Aufnahme das ‘sonderbare Arcanum’, wie Bookletautor Bryce Morrison sich ausdrückte, ‘zwischen zwei Riesen, der Waldsteinsonate und der Appassionata, hinterher. Die Rede ist von Beethovens 22. Sonate für Klavier op.54 F-Dur. 10 Jahre nach dieser Aufnahme hat Gulda die gleiche Sonate für Amadeo erneut eingespielt, etwas abgeklärter und markanter in den Betonungen. In der vorliegenden, früheren Aufnahme spürt er mehr dem Unirdischen nach: alles klingt verhaltener, suchender und naiver.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Gulda, Friedrich: Piano Concertos & Sonata

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
Testament Records
1
01.08.2003
71:31
1958
2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
0749677130121
SBT 1301


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Beethoven, Ludwig van
Mozart, Wolfgang Amadeus


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Dirigent(en):Collins, Anthony
Orchester/Ensemble:New Symphony Orchestra
Interpret(en):Gulda, Friedrich (Piano)


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Testament Records

Testament is an artist-based label, not restricted to any particular period of recording history, and its releases are selected from the archives of some of the largest record companies and radio stations in the world. With the permission and cooperation of these companies and stations.

Testament releases previously unpublished and deleted recordings from their archives, using their original master tapes and 78rpm metal parts for CD remastering. Testament also has access to their extensive photographic archives and comprehensive research facilities. Testament is thus in a unique position and one that is enjoyed by no other independent record company specialising in the reissue of archive recordings.

Testament LP's are cut onto lacquer from the original master tapes at Abbey Road Studios using full analogue techniques throughout production an pressed onto 180g virgin vinyl.


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