> > > Pettersson, Allan: Symphonie Nr. 14
Donnerstag, 9. Juli 2020

Pettersson, Allan - Symphonie Nr. 14

Orchestrales Delirium


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die frei schwebende, vage spätromantische Musik des Schweden Allan Pettersson in einer adäquaten Interpretation.

Es sei gleich vorweg gesagt: Diese Musik hat etwas ganz Eigenständiges, Querständiges - ein frei schwebendes orchestrales Delirium mit vager spätromantischer Attitüde. Die Rede ist vom sinfonischen Werk des Schweden Allan Pettersson, interpretiert von Christian Lindberg am Pult des Norrköping Symphony Orchestra und verlegt bei BIS in einem groß angelegten Projekt, das 2019 seinen Abschluss finden soll. 16 Sinfonien hat Pettersson geschrieben, stets mit großem Orchester und zuweilen pathetischer Geste - ein anachronistischer Block, den er mitten im Stilpluralismus des 20. Jahrhunderts hinterlassen hat.

Die 14. Sinfonie (1978) mit ihrem Ringen der Klangmassen, einer zugespitzten Emotionalität und ihrem teils filmmusikalischem Dräuen ist da geradezu archetypisch. Kern des musikalischen Geschehens ist ein viertelstündiges Andante, in dem Lindberg und das schwedische Orchester das Klangspektrum vom grollenden Kontrabass bis in die höchsten Piccolo-Register mustergültig aufrollen. Die Interpreten spüren hier - bei optimalen akustischen Bedingungen der Konzerthalle in Norrköping - einer sinnlichen Musik nach, deren polyphone Vielfalt an Klangschichten sich erst beim mehrmaligen Hören erschließt. Sie erfassen das multidimensionale Klanggeschehen intuitiv, etwa dann, wenn Pettersson einen lethargisch-verträumten Kammermusikklang unvermittelt vom großen Orchester rahmen lässt, oder wenn sich über einem aufgeregten ostinaten Rhythmus der Triangel und Posaune ein makabres Scherzo entwickelt, das dann unvermittelt in eine großorchestrale Klangkaskade abstürzt. Dabei fragt man sich immer wieder, ob die Art und Weise, wie wir diese Musik retrospektiv hören, nicht zu sehr von unseren neueren filmmusikalischen Assoziationen geprägt ist - wenn uns etwa beim chromatisch abwärts geführten gestopften Blech die Orks aus Howard Shore's Herr der Ringe'-Partitur in den Sinn kommen oder wenn im vorletzten Satz John Williams' Thema aus 'Star Wars - Die dunkle Bedrohung' mitzuschwingen scheint.

Auffällig ist, dass Pettersson ganz anders als etwa sein Zeitgenosse Dag Wirén das ernsthafte Moment kultiviert. Dort, wo Wirén mit dem Orchester burlesk spielt, regieren bei Pettersson Ernsthaftigkeit und existentielles Pathos. Selbst in der rhythmisch jazzigen Offbeat-Musik, die den fünften Satz einleitet, geht das Spielerische allzu schnell in langsame, pathetisch aufgeladene Bläsersätze über. Bei alldem ist die Musik mit ihren Klangschichten und der freischwebenden Tonalität durchaus abwechslungsreich und unkonventionell, etwa dann, wenn die auf Dramatik gebürstete Schlusssequenz des vierten Satzes mit Bläsern und Streichern in höchsten Lagen mit einem banalen Bogenstrich der Streicher endet. Lindberg zieht die Fäden dieser Partitur, die ihm hörbar am Herzen liegt, virtuos, und das Orchester kostete die harmonischen Unwägbarkeiten, die eingesprungenen Dissonanzen und Brüche bis zum Anschlag aus.

Der Dirigent steht mit Leib und Seele hinter seinem Projekt. Das sieht man nicht nur daran, dass er sich auch als Komponist einbringt und an die unvollendete Erste und 17. Sinfonie selbst Hand angelegt hat, sondern auch daran, dass der Super-Audio-CD ein liebevoll restaurierter, fast zweistündiger Dokumentarfilm beiliegt, auf dem man Petterssons' sperriger exzentrischer Komponistenpersönlichkeit näher kommen kann. In Interviews und poetischen (Alltags-)bildern erfährt man von einem visionären Mann, der trotz einfachster Lebensumstände und einer Arthritis, die ihn für die letzten zehn Lebensjahre ans Krankenbett fesselte, inspiriert von 'inneren Landschaften' trotz aller Widerstände seinen Weg als Komponist ging. Ein eindrucksvolles Dokument und ein Hörgenuss der besonderen Art.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Pettersson, Allan: Symphonie Nr. 14

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
01.02.2017
Medium:
EAN:

SACD
7318599922300


Cover vergössern

BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag BIS Records:

  • Zur Kritik... Unbekannter Prokofjew: Das Symphonieorchester Lahti spielt unter Dima Slobodeniouk selten zu hörende Werke von Sergej Prokofjew. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
  • Zur Kritik... Humane Stimme: Luciano Berios 'Coro' – ohne Zweifel Kunst von besonderer Form und erheblichem Rang. Und natürlich ein tolles Vehikel für den Norwegischen Solistenchor und das Norwegische Rundfunkorchester, ihre üppigen Fähigkeiten auszustellen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Vorzüglich: Ruby Hughes erweist sich immer deutlicher als eine Schlüsselsängerin des frühen 21. Jahrhunderts. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von BIS Records...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Eckehard Pistrick:

  • Zur Kritik... Orgelwucht mit Feingeist: Dem tschechischen Label Arta Music ist mit einer Neueinspielung ausgewählter Orgelwerke von Petr Eben ein großer Wurf gelungen. Impulsiv und mit Feinabstimmung arbeitet sich Ausnahmeorganist Jaroslav Tuma an drei Orgeln durch diese ekstatische Moderne. Weiter...
    (Dr. Eckehard Pistrick, )
  • Zur Kritik... Hits der Anti-Avantgarde: Die sinfonische Übertragung der Werke des Filmmusik-Gurus Hans Zimmer bietet wenig Neues. Es bleibt der Eindruck einer Hit-Compilation für eingefleischte Fans. Weiter...
    (Dr. Eckehard Pistrick, )
  • Zur Kritik... Kriegserinnerung und Lobpreis: Arthur Bliss fühlte sich in den musikalischen Zwischenwelten der britischen Musik zu Hause. Jetzt ist eines seiner Hauptwerke nach über 50 Jahren auf Tonträger erschienen – die effektvolle Kantate 'The Beatitudes'. Weiter...
    (Dr. Eckehard Pistrick, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Eckehard Pistrick...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Belcanto bei den Hunnen: Ivan Repusic und das Münchner Rundfunkorchester setzen ihren Verdi-Zyklus mit 'Attila' fort. Weiter...
    (Karin Coper, )
  • Zur Kritik... Qualität von der Seite: Das rund und komplett klingende Ensemble De Profundis singt hochattraktive Musik von Juan Esquivel, die zu hören ein Genuss ist und die zu kennen sich unbedingt lohnt. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... 'Regietheater' vom Allerfeinsten: Eine rundum vorbildliche, differenzierte Inszenierung von Mozarts exotischem Singspiel 'Die Entführung aus dem Serail' in Glyndebourne. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/8 2020) herunterladen (3000 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Hans Eklund: Symphony No.3 Sinfonia rustica - Allegro e pessante

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Liv Migdal im Portrait "Man spielt mit den Ohren!"
Liv Migdal im Gespräch mit klassik.com.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich