> > > Dvorak, Antonin: Symphonie Nr. 9 & Slawische Tänze
Dienstag, 2. März 2021

Dvorak, Antonin - Symphonie Nr. 9 & Slawische Tänze

Dvořák mit Premiumsound


Label/Verlag: Pentatone Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wie reagiert man in den USA heute, inmitten von kritischen Debatten um kulturelle Aneignung und Rassismus, aus die Symphonie aus der Neuen Welt? Die Houston Symphony findet eine sehr individuelle Antwort.

Ja, es ist immer etwas gewagt, in einem vollkommen übersättigten Markt mit noch einer Neueinspielung der Symphonie 'Aus der Neuen Welt' rauszukommen. Besonders in Zeiten, wo so heftig über Rassismus, White Supremacy und kulturelle Aneignung diskutiert wird: Wie soll man sich da zu einem Stück verhalten, in dem ein weißer Europäer ein indianisches Wiegenlied und Spirituals von Afro-Amerikanern ‚benutzt‘, um einen der größten Kassenschlager der Musikgeschichte zu komponieren? Während gleichzeitig die Indianer und Afro-Amerikaner unterdrückt und aus Konzertsälen ferngehalten wurden/werden und von diesem Schlager nicht mitprofitieren? ‚Darf‘ man das heute einfach so – unkommentiert – aufführen, aufnehmen, kaufen und gut finden?

Das wäre eine umfassendere und spannende Diskussion, die gerade in den USA ziemlich heftig geführt wird. Erinnert sei an die Kontroverse rund um Dana Schutz’ Gemälde ‚Open Casket‘ im New Yorker Whitney Museum bei der 2017er Whitney Biennial, wo die Kritik an der Darstellung des schwarzen Lynchmordopfers Emmett Till in absurden Forderungen und Protestaktionen gipfelt(e). Aber scheinbar hat die Diskussion und haben die entsprechenden Proteste nicht die amerikanische Klassikwelt in Bezug auf Dvořák erreicht, und sie werden offensichtlich eher in New York statt im texanischen Houston geführt, wo das Houston Symphony Orchestra 2015 Dvořáks Symphonie Nr. 9 in der Jesse H. Jones Hall aufgeführt hat mit ihrem neuen Chefdirigenten Andrés Orozco-Estrada, der aus Kolumbien stammt. Ein Latino also, den man als Person of Color bezeichnen könnte, in einem Konzertsaal, der nach einem weißen Großunternehmer benannt ist, der gleichzeitig Politiker der Demokratischen Partei war, die immerhin Barak Obama hervorgebracht hat – und fast Hillary Clinton als erste Präsidentin.

Das Label Pentatone hat dieses Konzert nun auf SACD herausgebracht. Statt politischer Kontroversen hört man vor allem eins: einen unglaublich seelenvollen und warm-differenzierten Klang, der von der ersten Sekunde an den Hörer einnimmt. Ich habe selten eine Aufnahme der Symphonie 'Aus der Neuen Welt' gehört, wo die Streicher und Holzbläser derart intim eingefangen wurden. Ob das am Dirigat Orozco-Estradas liegt oder am Tontechniker (Mark Donahue), weiß ich nicht. Jedenfalls ist das Resultat so, dass man in eine wohlige, dunkel timbrierte, einschmeichelnde Klangwelt abtauchen kann, die manchmal fast tranceartige Sublimationsmomente erreicht: nicht nur im berühmten 'Largo', sondern überraschenderweise immer wieder zwischendurch, wenn Orozco-Estrada den Drive und die Energie des Stücks urplötzlich zurücknimmt und in kontemplativen Klangoasen badet. Das entfacht eine eigentümliche Wirkung, die mich immer wieder neu in die Aufnahme abtauchen lassen will.

Anfangs empfand ich die Interpretation aufgrund der Trance-Momente als etwas lethargisch. Mir fehlte der knallige Impetus, den andere Dirigenten dem Stück abgewonnen haben. Aber beim wiederholten Hören fiel mir auf, dass Orozco-Estrada und die Houston Symphony durchaus energisch zupacken, dass diese Passagen aber im warmen Breitwandklangbild nicht als pointiert und dramatisch aufrüttelnd rüberkommen, sondern weich abgefedert und dezent gedämpft. Allerdings verfiel ich zunehmend dieser Lesart, die mir eine willkommene Alternative zu meinen bisherigen Lieblingsaufnahmen bietet. Es ist, insgesamt, eine sehr persönliche Auslegung der 9. Symphonie. Und es freut mich, dass das Orchester mit vielen Privatförderern diesen Live-Mitschnitt auf SACD herausgebracht habt. Ich habe die Einspielung nicht als eine von vielen überflüssigen Neueinspielungen eines bereits tausendfach aufgenommenen Klassikers empfunden, sondern als echte Bereicherung mit ‚Premium Sound‘, wie der Slogan von Pentatone verspricht.

Als Füller hätte ich mir - nach dem Verweis im Booklet, dass Orozco-Estrada in Konzerten gern Klassiker mit ungewöhnlichen zeitgenössischen Kompositionen und Kollaborationen mit Multimediakünstlern kombiniert - eigentlich etwas anderes gewünscht als zwei Slawische Tänze (Nr. 3 und 5) op. 46. Gerade angesichts der Debatten um kulturelle Aneignungen hätte man da sicher ein interessantere Ergänzung finden können, auch als ‚kritischen’ Kommentar zu Dvořák.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Dvorak, Antonin: Symphonie Nr. 9 & Slawische Tänze

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Pentatone Classics
1
24.02.2017
Medium:
EAN:

CD
827949057465


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Pentatone Classics

PentaTone wurde im Jahr 2001 von drei ehemaligen Leitenden Angestellten der Philips Classics zusammen mit Polyhymnia International (dem ehemaligen Philips Classics-Aufnahmezentrum) ins Leben gerufen.
Die Gründer von PentaTone sind überzeugt, dass der 5-Kanal Surround-Sound allmählich den heute noch gängigen Stereo-Sound ersetzen wird, vor allem weil er die Hörerfahrung immens bereichert. Die Einführung der Super Audio-CD (SA-CD) durch Sony und Philips hat es dem Hörer ermöglicht, sich den Konzertsaal direkt ins eigene Wohnzimmer zu holen. Die SA-CD hat im Vergleich zur CD eine weitaus höhere Speicherkapazität und sie kann 5-Kanal-Informationen in hoher Auflösung aufnehmen. Deshalb bietet die SA-CD einen hochwertigen Surround Sound.
Alle PentaTone-Aufnahmen erscheinen auf sog. hybriden SA-CDs, die zwei miteinander verbundene Schichten haben. Die erste enthält das normale CD-Signal, während auf der zweiten das Surround-Sound-Signal abliegt. Diese hybriden Tonträger können mit Stereo-Effekt auf jedem normalen CD-Spieler abgespielt werden. Um den Surround Sound-Effekt zu erzielen, benötigt man einen SA-CD-Spieler.
PentaTone baut seit einigen Jahren mit den hervorragenden Aufnahmen von Polyhymnia International einen neuen Klassikkatalog auf, der die berühmtesten Werke der Musikgeschichte enthält, interpretiert von absoluten Weltklasseinterpreten. So wurden Symphonie-Zyklen von Beethoven, Bruckner, Schostakowitsch und Schumann begonnen. Ein Brahms-Zyklus mit Marek Janowski am Pult des Pittsburgh Symphony Orchestra ist bereits erschienen. Sämtliche Werke für Violine und Orchester von Mozart wurden mit Julia Fischer aufgenommen, dem "Gramophone Artist of the Year 2007". In seiner kurzen Geschichte hat PentaTone bereits zahlreiche renommierte Preise gewonnen, darunter einen Grammy, einen Gramophone Award, einen Preis der deutschen Schallplattenkritik, zwei Echos, zwei Diapason d'Ors de l'année und einen CHOC de l'année.
Neben den Neuaufnahmen veröffentlicht PentaTone auch historische Surround Sound-Aufnahmen auf SA-CD. Dafür hat PentaTone sämtliche, zwischen 1970 und 1980 von Philips Classics im Quadrophonie-Verfahren entstandenen Aufnahmen für die Herausgabe auf SA-CD lizenziert. Auf diesen Einspielungen sind die legendären Philips Classics-Künstler jener Epoche zu hören. Mit dem heutigen SA-CD-System kommen diese spektakulären und hochwertigen 4-Kanal-Aufnahmen so zur Geltung, wie man es ursprünglich geplant hatte. Die Serie trägt den Titel "RQR" (Remastered Quadrophonic Recordings).


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