> > > Edition RadioMusiken Vol. 3: Musikalische Funk- und Hörspiele von Haas, Hindemith u.a.
Donnerstag, 27. April 2017

Edition RadioMusiken Vol. 3 - Musikalische Funk- und Hörspiele von Haas, Hindemith u.a.

Ohrenkino


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit dieser Doppel-CD lässt es sich wunderbar in die Welt der bilderlosen Funkopern eintauchen. Ein Genuss – auch zum mehrfachen Hören!

In Sachen musikalische Unterhaltung macht der Staatsoperette Dresden so schnell niemand etwas vor. In zahlreichen Mitschnitten, aber vor allen Dingen in der dritten Folge der ‚Edition RadioMusiken‘ mit Funk- und Hörspielen namhafter Komponisten, macht das Ensemble unter der Leitung von Ernst Theis deutlich, dass hier jeder Beteiligte sein Handwerk versteht. Allein schon der Umgang mit dem Verhältnis von Wort und Ton ist gekennzeichnet von der perfekten Mischung aus vokaler Schönheit und inhaltlicher Konversation mit einem imaginären Publikum. Sämtliche Solisten wissen auf hohem gestalterischen Niveau Geschichten zu erzählen, dabei stets energetische Punktlandungen zu erreichen und den Hörer somit direkt zu fesseln.

All das sind Qualitäten, die sowohl das Genre Operette erfordert, das an der Staatsoperette mit großer Leidenschaft gepflegt wird, aber in ganz besonderem Maße das zwangsweise aus der Mode gekommene Genre der Funkoper. Hier entfällt jegliche Optik per se, der Inhalt des Erzählten muss aus dem Gehörten klar verständlich sein. Wie die verschiedenen Komponisten mit dieser Aufgabenstellung umgegangen sind, zeigt die vorliegende Doppel-CD aus dem Hause cpo eindrücklich. Auf größere Funkopern mit langer Spieldauer, wie solche von beispielsweise Werner Egk, wurde verzichtet, vertreten sind hier zeitlich übersichtliche Werke mit einer Maximallänge von einer halben Stunde. Dafür ist die Auswahl stilistisch breit gefächert und ungemein abwechslungsreich.

Den Beginn macht eine 'Radio-Ouvertüre' des in Auschwitz ermordeten Komponisten Pavel Haas. Jazzige Farben und Instrumente sowie die Verwendung eines Männerquartetts zeigen Haas auf der Höhe seiner Zeit, als genau diese Elemente in Mode waren und man das Radio als wirkliche Sensation empfinden konnte. Folglich erklingt diese Ouvertüre, die entgegen aller Erwartung auch textliche Grundierung enthält, als Hymne auf den Rundfunkpionier Guglielmo Marconi. Am Ende der Doppel-CD erklingt die spätere Fassung der 'Radio-Ouvertüre' quasi ‚noch einmal‘ und bildet einen stimmigen Rahmen für das Projekt.

Voll Witz und Esprit sind die Bänkelgesänge und Balladen von Wilhelm Grosz, die als vollwertige Minidramen daherkommen. Marcus Günzel und Elke Kottmair finden einen wunderbaren Tonfall zwischen seriösem Kunstgesang und unmittelbarer Kabarettfarbe. Kurt Weills 'Berliner Requiem' fällt in der Nachbarschaft zu all den Geschichten erzählenden Kompositionen ein wenig aus dem Rahmen, ist aber von Veit Zorn, Gerd Wiemer und Herbert Adami stilistisch einwandfrei und textdeutlich gesungen.

Walter Gronostays 'Mord' ist ein knapp dreizehnminütiges Hörspiel, das musikalisch strukturiert und untermalt wird – quasi ein Kurzkrimi in äußerster Kompression und daraus resultierender Intensität. Elmar Andree gibt den gehörnten Ehemann, Elke Kottmair seine Frau, Christian Grygas den todgeweihten Liebhaber und Inka Lanke erfreut als schnoddriges Dienstmädchen. Es ist bewundernswert, in welch knappem Zeitrahmen es alle Solisten schaffen, kleine Kabinettstückchen zu entwickeln. Die Figuren sind von der ersten Sekunde an klar lesbar und präsent.

Besonders temporeich und unterhaltsam ist das Funkspiel 'Sabinchen' von Paul Hindemith. Es basiert auf der berühmten Moritat ‚Sabinchen war ein Frauenzimmer‘ und pflegt einen eher ungezwungenen und augenzwinkernden Umgang mit dem blutrünstigen Drama. Melodische Passagen und Textabschnitt der Vorlage werden humorvoll zitiert und kommentiert. Von ‚treu und redlich‘ kann bei diesem Sabinchen nicht wirklich die Rede sein, und Jeannette Oswald gibt eine herrlich naive und glockenklar tönende Titelfigur. Ebenso eindrücklich ist der abgründige Schuster von Bernd Könnes, der diesem komödiantischen Gruselepos die notwendige Würze verleiht. Die zahlreichen anderen Sprecher werden sogar vom Staatsoperetten-Intendanten Wolfgang Schaller beehrt, der er sich nicht nehmen lässt, den Rundfunkansager selbst zu übernehmen – wie auch in Gronostays 'Mord'. Wie ironisch und leichtfüßig Hindemiths 'Sabinchen' der Intention nach ist, lässt sich am Bonustrack der ersten CD erkennen, der das historisch interessierte Sammlerherz höher schlagen lässt: Die leider unvollständig erhaltene Ursendung von 'Sabinchen' vom 22. Juni 1930 im Berliner Rundfunk. Irene Eisinger ist hier das Sabinchen und Max Kuttner der Schuster. Bei aller Authentizität atmet die Neuaufnahme der Staatsoperette Dresden wesentlich mehr Leichtigkeit und doppelbödigen Witz. Da handelt es sich um Nuancen in der Betonung, und diese werten die Einspielung vom August 2009 in Dresden entschieden auf.

Die jüngste Aufnahme der Zusammenstellung stammt vom August 2011: die Radio-Oper 'Jorinde und Joringel' von Heinrich Sutermeister. Der Schweizer Komponist schrieb einige Werke für das Dresdner Ensemble, wurde auch im ‚Dritten Reich‘ im Repertoire gepflegt, wie beispielsweise mit seiner Shakespeare-Oper 'Romeo und Julia'. Die 30-minütige Märchenoper 'Jorinde und Joringel' erzeugt mit ihrer geschickten Instrumentation eine geheimnisvolle Atmosphäre, die einer Märchenstunde am abendlichen Kamin gleichkommt. Sutermeister jongliert mit sparsam eingesetzten Gesangspassagen und der übergeordneten Rolle einer Erzählerin, die hier von Dagmar Nick mit kühler Distanz effektvoll vorgetragen wird. Als Jorinde und Joringel agieren Jessica Glatte und Frank Ernst mit großer Souveränität und klarer Artikulation, während Inka Lange als Hexe einem im besten Sinne Gänsehaut über den Rücken jagt. Der Chor der Staatsoperette Dresden und das Orchester sind bestens aufgelegt und Ernst Theis beweist unaufdringliche Lust am Genre gepaart mit schlafwandlerischer Stilsicherheit.

Das Beiheft dieser Veröffentlichung ist umfangreich und informativ – wenn auch ohne den Abdruck der jeweiligen Libretti. Aber es zählt das Gesamtpaket. Und das ist eine Überzeugende Einladung, sich mit diesen Werken und ihren rundum schlüssigen Interpretationen zu beschäftigen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Edition RadioMusiken Vol. 3: Musikalische Funk- und Hörspiele von Haas, Hindemith u.a.

Label:
Anzahl Medien:
cpo
2
EAN:

761203783922


Cover vergössern

cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag cpo:

  • Zur Kritik... Der Klang der Reformation: Die vorliegende Aufnahme liefert einen umfassenden Querschnitt durch die Musik der Reformation. Bemerkenswert ist sowohl die differenzierte Klangsprache der einzelnen Werke als auch die Ausdrucksvielfalt der Stimmen und Instrumente. Weiter...
    (Dr. Uta Swora, )
  • Zur Kritik... Anlehnungen und Eigenheiten: Eine eingängig-hübsche Serenade von 1902 zwischen zwei chromatisch-ziselierten Symphonien des spätberufenen Serien-Symphonikers Julius Röntgen: Spannend bleibt die Entdeckung seiner Werke und konnotierter Vorbilder weiterhin. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Klaviertrios um 1900: Das Hyperion Trio spielt Klaviertrios von Rubin Goldmark und Felix Woyrsch sowie zusammen mit der Sängerin Carolina Ullrich dessen Lieder op. 2. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
blättern

Alle Kritiken von cpo...

Weitere CD-Besprechungen von Benjamin Künzel:

  • Zur Kritik... Deftiger Barockspaß: Diese 'L'Orontea' ist zweifelsohne ein barockes Fest für die Ohren und eine mehr als willkommene diskografische Erweiterung ist sie obendrein. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Terzseligkeiten: Die vorliegenden drei CDs sind für jedes Tonarchiv eine lohnende, weil praktische und klangschöne Anschaffung. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Melancholische Wanderung: 'All Who Wander' ist eine CD zum Träumen, zum Genießen und eine hervorragende Visitenkarte für eine ebensolche Künstlerin, deren Namen man sich dringend merken sollte. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle Kritiken von Benjamin Künzel...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Game of Scores: Stefan Fraas und die Vogtland Philharmonie bleiben ihrer Spezialität treu und legen ihre dritte SACD voller populärster Film- und Serien-Erkennungsmelodien von Bonanza bis zum Drachenzähmen vor. Wirklich abwechslungsreich? Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Gänsehaut-Spätromantik aus Schweden: Können nur heimische Orchester die Musik ihrer Landsleute optimal zum Klingen und Leuchten bringen? Die Aufnahme der Fünften Sinfonie von Kurt Atterberg mit dem Nationalen Schwedischen Sinfonieorchester legt dies nahe. Weiter...
    (Dr. Eckehard Pistrick, )
  • Zur Kritik... Der Klang der Reformation: Die vorliegende Aufnahme liefert einen umfassenden Querschnitt durch die Musik der Reformation. Bemerkenswert ist sowohl die differenzierte Klangsprache der einzelnen Werke als auch die Ausdrucksvielfalt der Stimmen und Instrumente. Weiter...
    (Dr. Uta Swora, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (4/2017) herunterladen (0 KByte) Class aktuell (1/2017) herunterladen (0 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Domenico Scarlatti: Sonate D-Dur K 29

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 4442 im Portrait Musik ohne Grenzen
Programme abseits der Konventionen beim Festival Printemps des Arts de Monte-Carlo

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich