> > > Brahms, Johannes: Sämtliche Klavierwerke Vol. 4
Samstag, 6. März 2021

Brahms, Johannes - Sämtliche Klavierwerke Vol. 4

Brahms als Wundertüte


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Jonathan Plowrights Brahms-Reihe fasziniert hier durch eine besonders interessante Programmgestaltung und ungewöhnliche Auffassungen jenseits eigentlich zu gewohnter Darstellungstraditionen.

Schon die Idee, dass die beiden Hefte von Johannes Brahms‘ ziemlich virtuosen 'Paganini-Variationen' ein eher elegisch-abgründiges Zentrum mit den vier Balladen, den beiden Rhapsodien op. 79 und den vier ‚letzten‘ Klavierstücken op. 119 rahmen dürfen, ist außergewöhnlich. Der erste Paganini-Block schwingt sich schnell zu einer spieltechnisch wirklich fabelhaften, überragenden Repetitionsstudie (Variation 3) auf, bevor der Pianist Jonathan Plowright in den folgenden ruhigeren Variationen fast in Lethargie versinkt: So widerstrebend wie hier haben die ruhigere sechste und vor allem der eher gezügelt, defensiv wirkende Ausbruch der folgenden Variationen nirgends sonst geklungen. Dabei wirkt das alles höchst reflektiert, kontrolliert, auf Farbe statt auf Dynamik gespielt – eben ungewöhnlich, ja überraschend für diesen Zyklus.

Und das setzt sich fort in den Balladen mit ihrer Aufgabe an den Interpreten, wirklich sprechend, erzählerisch zu agieren. Selbstredend liegt Plowright der ‚nordische‘ Ton der ersten, der 'Edward'-Ballade, die Abstufung der Akkordklänge ist perfekt, die Steigerung bei der Reprise des Liedthemas verhalten, aber anrührend. Impressionistische Dichte koloriert die zweite Ballade neu, knackig-souveräne virtuose Prägnanz die Figuren der dritten als 'Intermezzo' (hier grüßt vielleicht schon wieder Paganini). Beherrscht-kontrolliert, klanggewaltig, aber nicht exzessiv wie andere, mit Sinn für die Ruhezonen spielt Plowright die Rhapsodien. Etwas zu langsam und trocken, buchstabiert er die anfänglichen Auflösungstendenzen im ersten Intermezzo von Opus 119, die später tröstende gegenüber der eingangs trostlosen Geste stellt sich nicht so richtig ein. Interessant beim zweiten Hören die tatsächliche Qualität dieser Entdeckung der Langsamkeit (mit mehr Farbe als bei Afanassiev). Trotzig der Triumph der auch in Opus 119 finalen Rhapsodie. Ein wunderbarer Brahms für Liebhaber, die diese Stücke neu, wenn auch nicht immer widerspruchsfrei entdecken wollen. Und die letzten Paganini-Variationen des zweiten Hefts, die erst ganz nah am ‚fallenden‘ Intermezzo (Var. 13) und dann fast schon französisch-elegant (Var. 14) die Platte beschließen, stellen ja schon für Brahms selbst einen Widerspruch dar. Dieses überlegte Programm ist ein Gedicht und eine Wunderwelt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Brahms, Johannes: Sämtliche Klavierwerke Vol. 4

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
11.01.2017
Medium:
EAN:

SACD
7318599921372


Cover vergössern

BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag BIS Records:

  • Zur Kritik... Zwischen Spiel und Magie: Überzeugende Einspielung von Ballettmusik Claude Debussys. Weiter...
    (Michael Pitz-Grewenig, )
  • Zur Kritik... Vertraute Klänge in neuem Gewand: Mit einem Ausschnitt aus Brahms' Kammermusik stellen die Musiker auf beeindruckende Weise unter Beweis, dass manche Transkriptionen mühelos mit dem Original mithalten können, wobei gleichzeitig die Wandelbarkeit und Vielfalt des Horns zur Geltung kommt. Weiter...
    (Dr. Uta Swora, )
  • Zur Kritik... Grandiose 'Gran Partita': Es mangelt nicht an Einspielungen von Mozarts 'Gran Partita', doch diese Aufnahme mit Mitgliedern des Concertgebouw-Orchesters hat sich einen der ersten Plätze darunter verdient. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
blättern

Alle Kritiken von BIS Records...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Hartmut Hein:

  • Zur Kritik... Plastische Glaubensbekundungen : Von eindrucksvoller kompositorischer Dichte und Ausdrucksvielfalt sind die beiden Symphonien, die Bernstein in recht jungem Alter schrieb. Die Arktische Philharmonie unter Christian Lindberg spielt das keineswegs unterkühlt in gigantischem SACD aus. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Großartige Monumentalgemälde: Ravels Orchestration und ein fabelhaftes Klangbild der CD setzen das Gürzenich-Orchester Köln in Mussorgskys 'Bildern einer Ausstellung' ansprechend in Szene. Mit der Kitesch-Suite von Rimsky-Korsakoff enthält die Produktion auch ein Repertoire-Plus. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Imaginieren per Akkordeon: Auf eine ungewohnte Klangreise geht es mit Nikola Djoric, der originale Klavierpartituren von Mussorgsky und Tschaikowsky auf seinem Knopfakkordeon spielt. Kopf-Arbeit für konzentrierte Hörer. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Hartmut Hein...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Schilflieder im japanischen Frühling: Die Doppel-CD 'Aus leuchtender Romantik in dunkle Zeit' macht neugierig auf unbekannte Liederzyklen und Kammermusik. Weiter...
    (Karin Coper, )
  • Zur Kritik... Belcanto-Oper für Arbeiter: Im Rahmen einer Tournee für die Arbeiterkammer Wien spielte das Ensemble der Wiener Staatsoper 1977 'Don Pasquale' in einer Mehrzweckhalle in der Steiermark. Mit dabei: die junge Edita Gruberova neben Tenor Luigi Alva. Weiter...
    (Dr. Kevin Clarke, )
  • Zur Kritik... Bildgewaltige Erzählung: Schönbergs episches Oratorium ist in den Händen von Christian Thielemann und der Staatskapelle Dresden gut aufgehoben. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (3/2021) herunterladen (2500 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Johann Nepomuk David: String Trio op.33 No.1 - Allegro deciso

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich