> > > Sibelius & Kortekangas: Kullervo & Migrations
Sonntag, 18. August 2019

Sibelius & Kortekangas - Kullervo & Migrations

Zwiespältig


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Im Kontext seines zweiten Sibelius-Zyklus aus Minneapolis hat Osmo Vänskä jetzt auch die Vokalsymphonie 'Kullervo' integriert, gekoppelt mit einem gezielt als deren Konzert-Ergänzung in Auftrag gegebenen Werk von Olli Kortekangas.

Kortekangas‘ 'Migrations' für Mezzosopran, Männerchor und Orchester wurde vom Minnesota Orchestra und Osmo Vänskä extra für die Konzertdarbietungen von Sibelius‘ 'Kullervo' in Auftrag gegeben: Statt des Kalevala-Epos dienten allerdings vier englischsprachige Gedichte der Lyrikerin Sheila Packas als Textgrundlage (unterbrochen von drei stimmungsvollen orchestralen Zwischenspielen), und zweiter Anlass ist zudem das offenbar datierbare 150jährige Jubiläum des Beginns der Migration insbesondere finnischer Auswanderer nach Nordamerika (deren Nachfahrin Packas ist). Kortekangas, 1955 geboren, schreibt durchaus im Gefolge seines Lehrers Einojuhani Rautavaara, indem er recht gefällige Konstruktionsweisen opulent-ornamentaler Minimal Music für farbiges großes Orchester mit einer Rhythmik und Chorbehandlung koppelt, die recht stark auch an britische Musik, vor allem an William Waltons 'Belshazzar‘s Feast' und ein wenig Benjamin Britten, erinnert. Das passt durchaus zum 1891 von Sibelius noch in seiner Ausbildungszeit in Wien begonnenen Jugendwerk, dem man gerade in dieser Aufnahme kritisch auch eine vergleichbare gewisse ‚Primitivität‘ der insistierenden Klangflächengestaltung gerade in den ersten rein instrumentalen Sätzen (im Sinne einer bewussten eigenen Klangästhetik des Komponisten) attestieren darf.

Migration und Wanderschaft als abstraktes Programm

Vänskä bevorzugt einen in den Tempi strikten, klanglich weniger impressionistisch-raffinierten als eher auf unmittelbaren Schwung und Emotionalität setzenden Zugang zu dieser durchaus manchmal etwas langatmigen Musik; das wahrnehmbare Fehlen einer interpretatorisch stringenteren satzübergreifenden Klang-Dramaturgie gibt der ersten halben Stunde von 'Kullervo' über manche Strecken etwas Richtungsloses, ziellos Vagierendes; die einschlägigen älteren Aufnahmen insbesondere von Paavo Berglund sind da um einiges spannender und pointierter im Detail- wie Gesamt-Verlauf. Mit Einsatz des hervorragenden finnischen Männcherchores YL (seit 1883 an der Universität Helsinki aktiv), dessen Rezitation urwüchsig und eindringlich zugleich im dritten und fünften Satz die tragische Handlung des Inzests und Untergangs des Helden wiedergibt, rechtfertigt sich aber auch dieser Zusammenschnitt mehrerer Live-Aufführungen als eindrucksvolles und zunehmend packendes Dokument. Das amerikanische Orchester bleibt zwar etwas unidiomatisch und ohne individuelle Charakteristik, ist aber exzellent aufgenommen und wird von Vänskä zunehmend zu expressivster Gewalttätigkeit angetrieben. Die ausgezeichnete Aufnahmetechnik tut zudem ihr Bestes.

Lilli Paasikivi gibt den Schwester-Part wie ihren Beitrag zu Kortekangas‘ Stimmengeflecht angenehm volltönend und einfühlsam, während der Kullervo von Tommi Hakala sein Vibrato weniger klangschön an der Grenze sauberer Intonation einsetzt. Man hält also schon interpretatorisch eher mit der Frau und dem Chor-Report und ist auch mit allen plastisch gestalteten Soli und Blech-Attacken im Orchester recht zufrieden, wenn es nach Kortekangas als Zugabe noch das unverwüstliche 'Finlandia' in einer um einen Chorpart erweiterten Fassung gibt. Uninteressant ist dieser Mitschnitt vom Februar 2016 nicht, aber für die hauptsächlich an 'Kullervo' interessierten Hörer jenseits Minnesotas musikalisch wohl nicht dauerhaft erste Wahl, hat man erst einmal Alternativen kennengelernt.


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Sibelius & Kortekangas: Kullervo & Migrations

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
2
11.01.2017
Medium:
EAN:

SACD
7318599990484


Cover vergössern

BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag BIS Records:

  • Zur Kritik... Chinesische Erinnerungen: Zwei Violinkonzerte zeigen den Komponisten Tan Dun von ganz verschiedenen Seiten. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Meisterliche Mugge: Freunde der romantischen Kammermusik für Klavier und Streicher dürften mit dieser hybriden SACD ihre Freunde haben. Weiter...
    (Dr. Aron Sayed, )
  • Zur Kritik... Brillant bewegter Brahms: Auch bei Brahms gelingt dem eingespielten Team des Schwedischen Kammerorchesters mit Thomas Dausgaard als Ideengeber eine fulminante eigene Lesart: Neben fein abgestimmten Klangmischungen überrascht und begeistert vor allem die Tempi-Regie. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
blättern

Alle Kritiken von BIS Records...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Hartmut Hein:

  • Zur Kritik... Goldfisch in breitem, kühlem Fluss: Stephen Houghs Repertoirebreite erstaunt immer wieder, insbesondere aufgrund des ganz eigenen Tons, der auch dieser seiner ersten Debussy-Monographie den Wert manch neuer Perspektivik verleiht. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Die Kultivierung der Unruhe: Die Bekanntschaft mit Konzertantem für Oboe und Klarinette aus der Feder des gebürtigen Polen Alexandre Tansman fällt in dieser schönen Produktion höchst spannend aus. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Brillant bewegter Brahms: Auch bei Brahms gelingt dem eingespielten Team des Schwedischen Kammerorchesters mit Thomas Dausgaard als Ideengeber eine fulminante eigene Lesart: Neben fein abgestimmten Klangmischungen überrascht und begeistert vor allem die Tempi-Regie. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Hartmut Hein...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Klare Diktion: Yu Mi Lee unternimmt auf ihrem Debüt-Album eine fesselnde Reise nach Russland. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
  • Zur Kritik... Pianistisch durchleuchtet: Der Amerikaner Garrick Ohlsson bietet in seinem Falla-Programm etwas weniger Spanien als andere Interpreten. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Zu verbindlich: Die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter der Leitung von Christoph-Mathias Mueller und die chinesische Geigerin Tianwa Yang widmen sich Wolfgang Rihms Werken für Violine und Orchester. Weiter...
    (Dr. Dennis Roth, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/2019) herunterladen (2731 KByte) Class aktuell (2/2019) herunterladen (4851 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Antonín Dvorák: String Quartet B 57 in E major op.80 - Finale. Allegro con brio

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 4442 im Portrait Musik ohne Grenzen
Programme abseits der Konventionen beim Festival Printemps des Arts de Monte-Carlo

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich