> > > To Aeneas: Klavierwerke von Clementi, Mishory und Tartini
Donnerstag, 18. Januar 2018

To Aeneas - Klavierwerke von Clementi, Mishory und Tartini

Von Dido zu Aeneas: ergreifende Perspektivwechsel


Label/Verlag: Neos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ein faszinierendes Konzeptalbum: Gilead Mishory stellt in einer eigenen Klavierkomposition Aeneas als den Verlassenden ins Zentrum, umgeben von Clementis und Tartinis Betrachtungen der Verlassenen Dido in Affekte kontrastierenden Sonatensätzen.

Das im Booklet statt einer Einführung abgedruckte, in seiner Länge genau richtige Zwiegespräch zwischen dem Pianisten und Komponisten Gilead Mishory und Simon A. Rosenbaum (wer das ist, wird nicht gesagt) bringt das Programm und die Ideen tatsächlich auf den Punkt: Für Mishory steckt in der Figur des Troja-Flüchtlings Aeneas offenbar sehr viel Autobiographisches. Bei aller mitfühlenden historischen Konzentration auf Karthagos mythische Gründerin Dido, die, ihrer Liebesperspektive beraubt, sich selbst und ihre materielle Existenz vollständig zerstört, sucht Mishory gerade die Identifikationsmöglichkeiten mit Aeneas als Opfer notwendiger, tragischer Entscheidung zwischen eigenem Verlangen und sozialer, göttlich gegebener Verpflichtung für seine Familie, sein Volk zu vergegenwärtigen. Dem opernhaften Final-Bild der leidenden Heldin in Henry Purcells berühmter Barock-Version wie auch in Metastasios im 18. Jahrhundert oft vertontem Libretto ‚Didone abbandonata‘, das programmatisch sogar den beiden Sonaten Tartinis (1731) und Clementis (1821) einen Titel gibt, steht Mishorys fünfteiliger Klavierzyklus 'An Aeneas' (entstanden 2013-2015) gegenüber als psychologisch fast seismographische Studie im alleinigen Ausdrucksmedium Musik – ja, als Versuch, einen ‚ur-menschlichen‘ Konflikt zwischen Neigung und moralischer Pflicht ganz ohne sprachlichen Ausdruck doch irgendwie narrativ zu verinnerlichen. Die fünf je etwa sechs- bis achtminütigen Satztitel Mishorys legen Fährten, die im Künstler-Gespräch zwar informativ verfolgt werden, doch eigene Ideen und Einfühlungen des Hörers ausdrücklich zulassen.

Natürlich leidet auch der, der verlässt

Wie vorsichtig entwerfen die selbst-bespiegelnden männlichen Visionen eingangs in 'du. Nocturne' zunächst Rezitativisch-Thematisches in einem Raum fieberhaft repetierter Töne. Woraufhin 'sie. Delirium' an dieser thematisierten Gedankenwelt zwar partizipiert, aber zugleich flüchtig bleibt, meist leise, ungreifbar, isoliert und kalt im Erstarren der Bewegungen; Selbstverlust, vergessendem Schlaf steht jedoch ein Ausbruch als Deklamation – kurz ‚mit einem Hieb von der Wut übermannt‘ stellt sich Mishory Dido vor der Selbstzerstörung vor, jedoch gleich wieder ‚völlig ermattet‘. Das ist ebenso plastisch wie das durch diverse Klavierlagen geisternde, eingangs isoliert-pointilistische, dann auch expressiv-bruitistische 'Labyrinth' im Zentrum des Zyklus.

Überraschend nahtlos dann 'Vater. Die Berührung' anfangs als tiefer Cluster, über dem ein Totenglöckchen zu schlagen beginnt, Fernes, Einsames, aber auch Tröstliches und Überwältigendes als Erinnertes reklamierend. Mishory erinnert dabei im Gespräch an die Last des Vaters, die Aeneas aus Troja trägt, Bild schon jener schicksalhaften Auflage, die ihn in eine unbekannte neue Heimat treibt. An den Einfluss der Tradition, des Alten, die Aeneas im Schlussteil hinaus auf ein dunkles, wenig verlockendes 'Meer' treibt, synästhetisch laut Booklet ‚lauter Schattierungen von Schwarz und Blau‘. Aber da ist auch biographisch der eigene Vater des Komponisten, der einst in Israel am Kinderbett Vergils Geschichten der ‚Aeneis‘ erzählte und mit dem Sohn Tartinis Dido-Violinsonate musizierte. Welche Mishory nun in einer eigenen Bearbeitung für Soloklavier in das Programm hineinholt: Da lauert vielleicht etwas Freudianisches, aber mehr und direkter noch das alte und aktualisierte Ur-Menschliches an allen Ecken, Anfängen und Enden.

Tartini ohne Geigenstimme, Clementi auf dem Klavier sehr persönlich interpretiert

Mishory hat Tartinis Violin-Sonate 'Didone abbandonata' allerdings um den pathetischen Largo-Satz gekürzt, der noch am stärksten an Purcells Lamento 'When I‘m laid in earth' erinnert (auf eine spannende Fassung für Violine und Orgel mit Galina Barinova und Leonid Royzman von 1961 sei hier einmal exkursiv hingewiesen). Bei Mishory rückt dafür der schnellste Satz ('Presto') wie ein teils zögerlicher Zornesausbruch in die Mitte eines Triptychons, an dessen Anfang das massive Leiden ('Affetuoso') und an dessen Ende ein fast ‚pastorales‘, überraschend friedliches 'Allegro' steht, das in der Anordnung von Isaac Stern (CBS/Sony 1952) so etwas wie einen idyllischen Rückblick auf die Liebeszeit anzudeuten scheint. Aeneas als ‚Überlebendem‘ bleibt letztlich – jetzt ganz am Ende des Tonträgers – immer eben diese schmerzhaft-schöne Erinnerung. Mishory spielt sein Tartini-Arrangement ganz kontrapunktisch orientiert, gerade im Eingangssatz wie ein Duett zwischen den Diskant-Bewegungen (der Geige bzw. Dido) und der gleichberechtigt höchst lebendig formulierten Bass-Melodie. Hier fängt er also nochmals final eine operative Doppelperspektive ein; Clementis letzte Klaviersonate op. 50 Nr. 3 hingegen hat das Programm aus einer romantisch-salonhaften Perspektive der leidenden Frau eingeleitet: In dieser Dido-Vision kommt die Kopfsatzeinleitung zunächst noch grazil wie Walzer zwischen Beethoven und Chopin daher, gefolgt von gleichwohl chopineske Figurationen eines von Beginn an ‚weiblichen‘ Sonatensatz-Hauptthemas, das Mishory agogisch ziemlich freizügig-individuell ausmalt. Sein Klavierspiel ist nuancenreich und überzeugend, nur die manuell komplizierten Floskeln am Anfang der Schlussgruppe bremsen vielleicht doch etwas zu sehr, bevor dort bereits Gefühlskontraste von späteren Durchführungen und Konflikten künden. Alles Affekthafte ist wohldosiert, intimer und direkter ausgeführt als in anderen Aufnahmen der Sonate (etwa mit Spada, Shelley oder Mastroprimiano): Sowohl das 'Adagio dolente' als auch das Wut und Verzweiflung artikulierende 'Allegro agitato' stellen zu Beginn des Programms tatsächlich zunächst jenes idealisierte Bild der Affekte Didos her, dem Mishorys Einverleibung der Stimmungen um Aeneas anschließend als Kontrast ganz faszinierend begegnen darf. Und mit der Tartini-Idylle als Abschluss, Dido und Aeneas in Vorstellung und Ohr, möchte man(n) natürlich jenseits mythologischer Fakten und Zwänge angesichts nachvollziehbarer doppelter Leidensperspektiven dem Schluss des Booklet-Gesprächs zustimmen: ‚Fazit. Frauen nicht verlassen!‘ – ‚Genau das. Nie!‘

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    To Aeneas: Klavierwerke von Clementi, Mishory und Tartini

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Neos
1
20.01.2017
EAN:

4260063216015


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Neos

NEOS ­ das neue Label für Zeitgenössische Musik, das seit Mitte Mai 2007 auf dem deutschen, seit Oktober 2007 auch auf dem internationalen Markt präsent ist. Im Zentrum der Neuveröffentlichungen stehen Kompositionen des  20. und 21. Jahrhunderts - die Betonung liegt dabei auf Welt-Ersteinspielungen.

Insofern setzt Wulf Weinmann den bei seinem früheren Label col legno eingeschlagenen Weg konsequent fort. Langjährige frühere Partner wie  das Internationale Musikinstitut Darmstadt (IMD), die Donaueschinger Musiktage des SWR, die musica viva des Bayerischen Rundfunks oder die Salzburger Festspiele haben die Zusammenarbeit mit Weinmann auch für die Zukunft vereinbart.

Inzwischen weitet sich NEOS programmatisch aus: Vier Produktlinen entwickeln sich im Kontext Neuer Musik in Zusammenarbeit mit Komponisten und Interpreten, die über ein weit gespanntes Repertoire verfügen: Aufnahmen, die Tradition und Moderne verbinden, Werke früherer Meister in bisher nie oder selten gehörten Interpretationen meist originaler Bearbeitungen sowie eine Jazzlinie mit Musikern, die man eher aus der zeitgenössischen Musikszene kennt, wie Olga Neuwirth oder Mike Svoboda.

NEOS veröffentlicht pro Jahr ca. 40 CDs, SACDs und DVDs, die weltweit (z.B. in Deutschland über helikon harmonia mundi) vertrieben werden. Hohe technische Qualität der Aufnahmen ist selbstverständlich. Auch Design und ansprechende Verpackung sind zentrales Anliegen: Alle Produktionenerscheinen in Digipacks mit ausführlichen Textinformationen und Illustrationen.


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