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Donnerstag, 21. September 2017

Sciarrino, Salvatore - Orchesterwerke

Feinsinnige Klangsuche


Label/Verlag: Neos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit zwei exzellenten Mitschnitten von konzertanten Kompositionen Salvatore Sciarrinos setzt das Label Neos seine Musica-Viva-Reihe fort.

Es ist in der Tat, wie Max Nyffeler in einem der Booklettexte schreibt, ein ‚ungewöhnliches Klavierkonzert‘, das Salvatore Sciarrino mit seiner rund dreiviertelstündigen Komposition 'Un’immagine di Arpocrate' (1974–79) vorlegt hat. Aufgrund seiner Besetzung für Klavier und Orchester mit Chor erinnert das Werk rein oberflächlich an Ferruccio Busonis Klavierkonzert C-Dur op. 39, doch lässt man diesen Vergleich rasch hinter sich, sobald man sich den musikalischen Details nähert. Dass der Titel auf den ägyptischen Kindsgott Harpokrates verweist, dessen Bildnis sich als Allegorie für den Gedanken ewigen Werdens lesen lässt, ist nicht nur ein Beleg für ein generelles Interesse des viel belesenen Komponisten an Bezugnahmen bis in die Antike hinein, sondern zielt auch unmittelbar auf musikalische Details: Denn Sciarrino hat die Komposition zum Andenken an den Pianisten Dino Ciani geschrieben, für den er sie ursprünglich konzipiert hatte und der sie auch aus der Taufe heben sollte.

Atembewegungen

Diesem Kontext verdanken sich die gleichsam nächtliche Atmosphäre des Stückes und der Eindruck einer sphärischen Trauermusik: In ruhigen Wellenbewegungen kreist die Musik um Klangsituationen, deren zarte Ausarbeitung dem Strömen menschlichen Atems nachgebildet zu sein scheinen. Das nicht nachlassende An- und Abschwellen von Klangbahnen, deren unbestimmter Charakter aus tiefen Geräuschklängen und dazu gehauchten Flageoletts und Trillern in hohen Registerlagen mit den von der Pianistin Tamara Stevanovich mit äußerster Zartheit gesponnenen Klangkaskaden des Klaviers alternieren, prägt weite Strecken der Musik, wird jedoch auch durch massivere Klangwellen unterbrochen und schließlich dadurch angereichert, dass der Komponist nach zwei Dritteln die Choristen in die Musik integriert und ihnen – ein deutlicher Verweis auf die existenziellen Untertöne des Werkes – in Klang aufgelöste Satzfragmente aus dem zweiten Teil von Johann Wolfgang von Goethes ‚Faust‘ und aus dem ‚Tractatus logico-philosophicus‘ von Ludwig Wittgenstein in den Mund legt.

Es ist nicht die erste Einspielung, die das Label NEOS hier in einer Wiedergabe mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und dem Chorwerk Ruhr unter Leitung von Susanna Mälkki in seiner Reihe ‚Musica Viva‘ mit Live-Aufnahmen aus der gleichnamigen Konzertreihe vorlegt, doch ist heute von den beiden Aufnahmen mit dem Solisten Massimiliano Damerini aus den Jahren 1982 (Fonit Cetra) und 1994 (Accord) allein die weder klanglich noch in Bezug auf die Leistungen des RAI-Sinfonieorchesters restlos überzeugende Erstaufnahme auf CD greifbar. Die Neuproduktion im brillanten, tiefenscharfen SACD-Klanggewand kommt daher sehr gelegen, zumal sich die mittlerweile umfassenden Interpretationserfahrungen mit der Musik Sciarrinos deutlich in der Qualität der Wiedergabe des Werkes niederschlagen. Das Resultat ist ein ungemein plastischer Werkverlauf, bei dem man jede noch so feine Verästelung wahrnehmen kann und der den Hörer förmlich in das Klanggeschehen hineinzieht. Nur gelegentlich mischen sich einige wohl nicht eliminierbare Hustengeräusche aus dem Publikum in den zarten Diskurs, doch verbleiben diese Ereignisse fast unterhalb der Aufmerksamkeitsschwelle.

Stilisiertes Rezitativ

Beim zweiten Konzertmitschnitt handelt es sich hingegen um eine Erstveröffentlichung: Die mit Sciarrinos Musik bestens vertraute Geigerin Carolin Widmann, die vor einigen Jahren bereits eine fulminante Einspielung der 'Sei capricci per violino solo' (1975–76) vorgelegt hat (telos music, 2009), agiert hier unter Stabführung von Jonathan Nott als Solistin der Komposition 'Giorno velato presso il lago nero' (Verhüllter Tag beim schwarzen See) für Violine und Orchester (2012), der nach 'Allegoria della notte' (1985) zweiten konzertanten Violinkomposition Sciarrinos. In diesem Fall fungiert der poetische Werktitel als assoziationsreicher Weg ins Innere eines Werkes, das – viel stärker als das ältere Konzertstück – Sciarrinos Musik als eine in die klangliche Heterophonie hinein vergrößerten einstimmigen Linienführung erkennbar macht. Tatsächlich lässt sich das Stück – gestützt durch die vielfachen Querverweise, die Sciarrino in seinem im Booklet abgedruckten Werkkommentar gibt – ebenso gut als poetische Stimmungsskizze wie als stilisiertes Rezitativ einer Instrumentalistin hören.

Phänomenal klar kommt Widmanns sprachnaher, voller Spannungspausen steckender Zugang herüber, ihr anfängliches Tasten nach klanglicher Substanz in den höchsten Registern des Instruments, ihr später dann den Orchestereinwürfen gegenübergestellten, an Sicarrinos gleitende Behandlung solistischer Singstimmen gemahnende Farbgebung der gestisch in tieferen Register lokalisierten Ereignisse. Vielfältig tönt die Geigerin dieses wechselvolle Klanggeschehen ab – allein schon die Ausgestaltung der Glissandi beinhaltet einen ganzen Kosmos unterschiedlicher Facetten – und formt die einzelnen Klangfäden ihres Parts mit traumwandlerischer Sicherheit zu sich bewegende Ereignissen, die sich immer wieder mit orchestralen Klangschwellern vereinigen.

Resümee

Mit der Gegenüberstellung beider Stücke auf einer SACD hat das Label NEOS eine denkbar gute Kombination von Musica-Viva-Mitschnitten realisiert (was bei der Kombination von Werken unterschiedlicher Komponisten in derselben Reihe nicht immer gelingt): Hier beleuchten zwei zeitlich durch dreieinhalb Jahrzehnte getrennte Werke das Schaffen Sciarrinos aus divergierenden Positionen, die – trotz genereller Gemeinsamkeiten im Umgang mit den instrumentalen Texturen – einiges über die kompositorische Entwicklung des Italieners verraten. Darüber hinaus passen 'Un’immagine di Arpocrate' und 'Giorno velato presso il lago nero' auch als jeweils originelle Beispiele für die Ausprägung des konzertanten Prinzips ausgesprochen gut zueinander. Das Ergebnis ist eine in jeder Hinsicht lohnenswerte Produktion.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Sciarrino, Salvatore: Orchesterwerke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Neos
1
20.01.2017
EAN:

4260063116261


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Neos

NEOS ­ das neue Label für Zeitgenössische Musik, das seit Mitte Mai 2007 auf dem deutschen, seit Oktober 2007 auch auf dem internationalen Markt präsent ist. Im Zentrum der Neuveröffentlichungen stehen Kompositionen des  20. und 21. Jahrhunderts - die Betonung liegt dabei auf Welt-Ersteinspielungen.

Insofern setzt Wulf Weinmann den bei seinem früheren Label col legno eingeschlagenen Weg konsequent fort. Langjährige frühere Partner wie  das Internationale Musikinstitut Darmstadt (IMD), die Donaueschinger Musiktage des SWR, die musica viva des Bayerischen Rundfunks oder die Salzburger Festspiele haben die Zusammenarbeit mit Weinmann auch für die Zukunft vereinbart.

Inzwischen weitet sich NEOS programmatisch aus: Vier Produktlinen entwickeln sich im Kontext Neuer Musik in Zusammenarbeit mit Komponisten und Interpreten, die über ein weit gespanntes Repertoire verfügen: Aufnahmen, die Tradition und Moderne verbinden, Werke früherer Meister in bisher nie oder selten gehörten Interpretationen meist originaler Bearbeitungen sowie eine Jazzlinie mit Musikern, die man eher aus der zeitgenössischen Musikszene kennt, wie Olga Neuwirth oder Mike Svoboda.

NEOS veröffentlicht pro Jahr ca. 40 CDs, SACDs und DVDs, die weltweit (z.B. in Deutschland über helikon harmonia mundi) vertrieben werden. Hohe technische Qualität der Aufnahmen ist selbstverständlich. Auch Design und ansprechende Verpackung sind zentrales Anliegen: Alle Produktionenerscheinen in Digipacks mit ausführlichen Textinformationen und Illustrationen.


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