> > > Mahnkopf, Claus-Steffen: Hommage à Daniel Libeskind
Sonntag, 22. Juli 2018

Mahnkopf, Claus-Steffen - Hommage à Daniel Libeskind

Zersplitterte Formen


Label/Verlag: Neos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die sechste Ausgabe der Mahnkopf-Edition bei Neos ist ein hochwertiges Produkt der engen künstlerischen Zusammenarbeit zwischen dem Ensemble SurPlus und dem Komponisten Claus-Steffen Mahnkopf.

Claus-Steffen Mahnkopf hat bereits eine Vielzahl an Werken vorgelegt, deren Bezugspunkte mehrheitlich Komponisten wie György Kurtág, Mark Andre oder Brian Ferneyhough, aber auch prägende Philosophen, Schriftsteller oder Architekten sind. An der Schnittstelle zwischen der eigenen Musik und der künstlerischen Auffassung von der Individualität des ‚Hommagierten‘, entsteht der Raum für spezifische musiktechnische Fragestellungen, denen Mahnkopf aus seiner doppelten Perspektive als Komponist und Philosoph nachgeht. Bei Libeskind sind es Aspekte wie die Zerklüftung der Form, die Kühle des Ausdrucks, das Spiel mit Winkeln, Wahrnehmung und Orientierung, die Mahnkopf ein künstlerisches Erweckungserlebnis bereiteten. Nach seinem Besuch des Jüdischen Museums in Berlin, im Jahr 2000 noch ungenutzt und als bloße Architektur begehbar, würdigt er mit den drei Libeskind-Hommagen und seinem zehnteiligen 'void'-Zyklus den eindrucksvollen Bau – und damit den Versuch, deutsch-jüdischer Geschichte und dem Verlust Form zu verleihen, den der Holocaust für Europa bedeutet.

Der Zusammenhang zwischen der Gesellschaft nach dem Kulturbruch durch den Zweiten Weltkrieg, der Libeskind-Architektur und der Musik besteht in ihren strukturellen Komplexitäten. Wie der Zick-Zick-Bau aus Titanzink will Mahnkopfs musikalische Antwort ‚entdeckt, statt bewundert und bestaunt‘ werden. Labyrinthisch verzweigte Schichten, zerberstende Fragmente und Leerräume schaffen eine Gesamtkomposition, die zeitgemäße Möglichkeiten von Form und Ausdruck aufzeigt. Aufgesplittert in 63 Miniaturen, erprobt Mahnkopf in den 'Hommagen à Libeskind I-III' (2002; 2010/11; 2010/12) alle denkbaren Besetzungskombinationen des aus drei Holzbläsern und drei Streichern bestehenden Sextetts. Die Miniaturen sind kleine, individuell gestaltete Charakterstücke, jeweils oszillierend zwischen Ton und Geräuschhaftigkeit, Expression und Introversion, solistischen Einwürfen und extrem verdichteten Passagen, die in Variationen durch das Kammerensemble geführt werden. Im Unterschied zur Aufnahme ist bei Konzerten kein Dirigat vorgesehen, beabsichtigt ist ein höchst selbstreferentielles Musizieren und Hören der sich wechselseitig überlagernden, dekonstruierenden und bespiegelnden Abschnitte. So wird auch die Leere bedeutsam, der Hall und der Klang an der Grenze zur Wahrnehmbarkeit, in die Erinnerungen an Vergangenes eingeschrieben sind. Ganz besonders im zweiten Buch, das im Auftrag des Ensemble SurPlus entstand, scheint der Verlauf der Zeit in gehaltenen Akkorden zum Stehen zu kommen.

Viel Unerwartetes ist zu hören, und die Musiker des Ensemble SurPlus müssen enorme spieltechnische Leistungen vollbringen. Die Unvorhersagbarkeit der musikalischen Aktionen erschwert das Erkennen von Zusammenhängen, und so bleibt nur, sich hörend entlang der Klänge voranzutasten und sich zu erlauben, sich in der Zeit zu verlieren. Auf diese Weise wirken die architektonischen Zumutungen Libeskinds und seine kulturellen Bezüge in die Musik ein, sodass ein Höreindruck von symbolhaltiger und beklemmender Gegenständlichkeit entsteht und uns nicht zuletzt der Bedeutung des Gedenkens mahnt.

Jasemin Khaleli Kurzkritik von Jasemin Khaleli ,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mahnkopf, Claus-Steffen: Hommage à Daniel Libeskind

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Neos
1
20.01.2017
EAN:

4260063116162


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Neos

NEOS ­ das neue Label für Zeitgenössische Musik, das seit Mitte Mai 2007 auf dem deutschen, seit Oktober 2007 auch auf dem internationalen Markt präsent ist. Im Zentrum der Neuveröffentlichungen stehen Kompositionen des  20. und 21. Jahrhunderts - die Betonung liegt dabei auf Welt-Ersteinspielungen.

Insofern setzt Wulf Weinmann den bei seinem früheren Label col legno eingeschlagenen Weg konsequent fort. Langjährige frühere Partner wie  das Internationale Musikinstitut Darmstadt (IMD), die Donaueschinger Musiktage des SWR, die musica viva des Bayerischen Rundfunks oder die Salzburger Festspiele haben die Zusammenarbeit mit Weinmann auch für die Zukunft vereinbart.

Inzwischen weitet sich NEOS programmatisch aus: Vier Produktlinen entwickeln sich im Kontext Neuer Musik in Zusammenarbeit mit Komponisten und Interpreten, die über ein weit gespanntes Repertoire verfügen: Aufnahmen, die Tradition und Moderne verbinden, Werke früherer Meister in bisher nie oder selten gehörten Interpretationen meist originaler Bearbeitungen sowie eine Jazzlinie mit Musikern, die man eher aus der zeitgenössischen Musikszene kennt, wie Olga Neuwirth oder Mike Svoboda.

NEOS veröffentlicht pro Jahr ca. 40 CDs, SACDs und DVDs, die weltweit (z.B. in Deutschland über helikon harmonia mundi) vertrieben werden. Hohe technische Qualität der Aufnahmen ist selbstverständlich. Auch Design und ansprechende Verpackung sind zentrales Anliegen: Alle Produktionenerscheinen in Digipacks mit ausführlichen Textinformationen und Illustrationen.


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