> > > Schubert & Schostakowitsch: Werke für Viola und Klavier
Freitag, 18. August 2017

Schubert & Schostakowitsch - Werke für Viola und Klavier

Wenn die Worte fehlen


Label/Verlag: CAvi-music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Schuberts 'Schwanengesang' in der Deutung von Pauline Sachse (Viola) und Lauma Skride (Klavier) besticht durch Klangschönheit und Feinsinn.

Zwei außergewöhnliche Musikerinnen haben sich für diese Einspielung zusammengetan: die Bratschistin Pauline Sachse und die Pianistin Lauma Skride. Auf ihren Instrumenten singen die beiden von Schmerz und Tod in Franz Schuberts ‚Schwanengesang‘ D 957 und der 'Taubenpost' D 957a, die im Zentrum dieser Einspielung stehen. Als Pendant zu den Schubert'schen Liedern erklingt die Sonate für Viola und Klavier op. 147 von Dmitri Schostakowitsch. Erschienen ist die Einspielung bei CAvi-music in Kooperation mit Deutschlandradio Kultur.

Fast alle Gedichte, die Schubert in die Hände fielen, verwandelten sich in Musik. Die Beziehung von Text und Musik, die phänomenale rezeptive lyrische Begabung und seine Fähigkeit, das Wort in lebendige Klänge zu gießen, begleitete ihn zeitlebens. So wird das Lied zur zentralen Gattung seines Schaffens. Franz Schuberts erst posthum zu einem ‚Zyklus‘ geformter ‚Schwanengesang‘ D 957 umfasst seine letzten und zugleich bedeutendsten Kompositionen. Er hatte die Lieder nach Texten von Rellstab, Heine und Seidl nach der 'Winterreise' unter dem Einfluss von Beethovens Tod geschrieben; zu einer Sammlung wurden sie erst nach seinem Tod zusammengefasst. Die Bratsche als Pendant zur menschlichen Stimme ist in dieser Einspielung bei weitem keine Verengung oder Kürzung des poetischen Wortes. Pauline Sachse bringt ihr Instrument wahrhaft wunderbar zum Singen. Ihr weicher und gleichwohl wandelbarer Bratschenton erfasst die unterschiedlichen Stimmungen der einzelnen Lieder in herrlicher Weise, sie setzt gelungen Akzente und gestaltet die Phrasen stimmungsreich wie klug.

Bereits zu Beginn in der 'Liebesbotschaft' wird der schwärmende und zugleich drängende Charakter der Rellstab-Lieder deutlich. Daneben erklingen noch 'Kriegers Ahnung', 'Frühlingssehnsucht', 'Ständchen' und 'Abschied'. In 'Kriegers Ahnung' breiten beide Musikerinnen eine schwere Decke der Melancholie und Düsternis aus. Ein großartiger Kontrast zu den anderen Liedern dieser Auswahl. Skride erweist sich als versierte und farbenreich agierende Duopartnerin. Sie gestaltet die Introduktion sehr stimmungsgeladen und mit großer dynamischer Kraft. Ebenso im 'Ständchen', wo beide Instrumente in einen innigen musikalischen Dialog treten, der für sich einnimmt und gebannt lauschen lässt. Daneben gehören 'Das Fischermädchen', 'Am Meer', 'Die Stadt', 'Der Doppelgänger', 'Ihr Bild', 'Der Atlas' in die Auswahl der Heine-Lieder. In diesen kehrt sich nach und nach Hoffnung in Bitterkeit und Leid. Ausdrucksstark und dynamisch intensiv wird 'Der Doppelgänger' musiziert. Diese Intensität steigern die beiden Interpretinnen im 'Atlas' noch einmal mehr. 'Die Taubenpost' (nach Seidl) ist wahrscheinlich Schuberts letztes geschriebenes Lied und handelt inhaltlich von der Sehnsucht – ein Thema, das seine Musik beherrscht wie kaum ein anderes. Schuberts Text-Vertonungen gehen weit über ein Illustrieren hinaus und schaffen eine tiefere, zweite Ebene. Es entsteht eine weitere Dimension des inhaltlichen Erlebens und sinnlichen Erkennens. Verzichtet man in der instrumentalen Version auf den Text, wird dies umso deutlicher erlebbar und in der Interpretation umso greifbarer. Sachse und Skride schaffen es, den großen Gesamtbogen vom ersten bis zum letzten Ton zu spannen und verlieren dabei keinesfalls an Intensität – musikalisch wie lyrisch eine enorm starke Interpretation.

Was kann danach noch kommen? Das Duo hat sich für Schostakowitsch entschieden. Die beiden Interpretinnen stellen den Schubert-Liedern seine Violasonate op. 147 gegenüber. In diesem, seinem allerletztem Werk, ist der Todesbezug weniger direkt, obwohl der Komponist das Stück tatsächlich an der Klippe des Todes schrieb: Im Juni und Juli 1975 entstand die Sonate, Anfang August las Schostakowitsch die Korrekturabzüge, am 9. August starb er. Bei Werken für Viola und Klavier geschieht es häufiger, dass die Bratsche – von Haus aus nun einmal klangschwächer als eine Violine – sich nicht ausreichend entfalten kann. Keine Spur hiervon jedoch in dieser Aufnahme! Insbesondere das 'Allegretto' besticht mit seinem kecken Charakter, den beide gekonnt musikalisch umsetzten und plastisch ausgestalten. Auch hier überzeugt die zupackende dynamische wie akzentuierte Lesart der beiden Musikerinnen durchweg.

Im 'Adagio' verarbeitet Schostakowitsch einen nicht minder bekannten Satz: das 'Adagio' aus Beethovens ‚Mondscheinsonate‘ - vom Klavier frei und entfremdet erzählt. Dies arbeitet Skride hörbar heraus, drängt sich jedoch nicht vor die weiten Kantilenen der Viola. So wird Beethoven zum unsichtbaren Dritten dieser Einspielung. Das 'Adagio' bekommt etwas Zerbrechliches und Mystisches. Sachse schöpft hier aus der gesamten Bandbreite der Technik und kann den Ton mal fahl und leblos erklingen lassen und im nächsten Moment die Intensität durch den Bogendruck wieder erhöhen. Im solistischen Mittelteil stellt Sachse noch einmal ihre Virtuosität unter Beweis und steigert den Satz bis zum emotionalen Höhepunkt. Auch der anschließende Pianoabschnitt bleibt spannungsreich und energiegeladen. Mag dem zweifelnden Hörer in dieser Deutung von Schuberts ‚Schwanengesang‘ vielleicht das gesungene Wort fehlen, so packt sicherlich Schostakowitschs Violasonate und lässt einen vorerst nicht mehr los. Schlichtweg großartig!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Schubert & Schostakowitsch: Werke für Viola und Klavier

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
CAvi-music
1
20.01.2017
EAN:

4260085533718


Cover vergössern

CAvi-music

"Es muss nicht viel sein, wenn's man gut ist" heißt die Devise für das Label, das stets den Künstler in den Vordergrund stellt, das partnerschaftlich Projekte realisiert, das persönliche Wünsche und Ideen der Künstler unterstützt, das sich vorwiegend auf Kammermusik konzentriert, das handverlesen schöne Musik in hervorragender Interpretation anbietet, mit einer Künstlerliste, die sich sehen lassen kann. Eine sehr persönliche Sache, die von Herzen kommt !! Außerdem kommen neben dem Label CAvi-music auch die Labels "SoloVoce" und "CAvi-Autentica" aus dem Hause Avi-Service for music.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag CAvi-music:

  • Zur Kritik... Spannende Erzählung: Was macht eigentlich die Faszination der Fuge aus? Dieser Frage geht das Armida Quartett auf seiner neuesten Einspielung 'Fuga Magna' nach und skizziert dabei einen spannenden Querschnitt über drei Jahrhunderte Fugengeschichte. Weiter...
    (Yvonne Rohling, )
  • Zur Kritik... Spannungsvolle Virtuosität: Mit zwei klanggewaltigen und ausdrucksvoll präsentierten Bläserquintetten von Nielsen und Prokofjew kombiniert der Live-Mitschnitt des Heimbacher Kammermusikfestivals 2016 Virtuosität, Leidenschaft und Spielfreude auf musikalisch hohem Niveau. Weiter...
    (Dr. Uta Swora, )
  • Zur Kritik... Schein und Wahrheit: Diese Aufnahme macht mit frühen Werken von Mátyás Seiber bekannt, die noch in Ungarn entstanden sind. Sie sind von inspiriertem Geist erfüllt, kurzweilig und dicht. Nur leider hört das Vergnügen schon viel zu bald wieder auf. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von CAvi-music...

Weitere CD-Besprechungen von Yvonne Rohling:

  • Zur Kritik... Spannende Erzählung: Was macht eigentlich die Faszination der Fuge aus? Dieser Frage geht das Armida Quartett auf seiner neuesten Einspielung 'Fuga Magna' nach und skizziert dabei einen spannenden Querschnitt über drei Jahrhunderte Fugengeschichte. Weiter...
    (Yvonne Rohling, )
  • Zur Kritik... Schumann auf Norwegisch: Arvid Engegård (Violine) und Nils Anders Mortensen (Klavier) widmen sich zwei Violinsonaten Robert Schumanns und den 'Fünf Stücken im Volkston'. Dabei offenbart sich leider so manche Schwäche. Weiter...
    (Yvonne Rohling, )
  • Zur Kritik... Festival-Impressionen: Elektrisierende Live-Mitschnitte des Festivals Spannungen mit Streichquartetten von Giuseppe Verdi und Antonín Dvořák. Weiter...
    (Yvonne Rohling, )
blättern

Alle Kritiken von Yvonne Rohling...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Rauschhaft und vielfarbig: Eine wunderbare Hommage an Skrjabin gelingt Maria Lettberg mit ihrer neuen CD, in der sie mit Fokus auf das musikalische Davor und Danach Skrjabin impressionistische Meisterwerk "Poéme de l´extase" umso wirkungsvoller in Szene setzt Weiter...
    (Michaela Schabel, )
  • Zur Kritik... Italienisches Mittelalter aus dem Schwarzwald: Dieser Mitschnitt von Rossinis selten zu hörender 'Adelaide di Borgogna' zeigt eine weitgehend untadelige Umsetzung, ohne aber ein flammendes Plädoyer für diese Ritteroper zu bieten. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Land der 1000 Klänge: 100 Jahre Finnland, 100 Jahre Musik: Diese Kompilation bietet einen klugen Einstieg in weite nordische Klangwälder. Weiter...
    (Dr. Aron Sayed, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

Class aktuell (2/2017) herunterladen (0 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (7/2017) herunterladen (0 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Franz Liszt: Anné de Pelerinage - Sonetto 104 del Petrarca (S 270)

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 4442 im Portrait Musik ohne Grenzen
Programme abseits der Konventionen beim Festival Printemps des Arts de Monte-Carlo

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich