> > > Schubert & Schostakowitsch: Werke für Viola und Klavier
Donnerstag, 27. April 2017

Schubert & Schostakowitsch - Werke für Viola und Klavier

Wenn die Worte fehlen


Label/Verlag: CAvi-music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Schuberts 'Schwanengesang' in der Deutung von Pauline Sachse (Viola) und Lauma Skride (Klavier) besticht durch Klangschönheit und Feinsinn.

Zwei außergewöhnliche Musikerinnen haben sich für diese Einspielung zusammengetan: die Bratschistin Pauline Sachse und die Pianistin Lauma Skride. Auf ihren Instrumenten singen die beiden von Schmerz und Tod in Franz Schuberts ‚Schwanengesang‘ D 957 und der 'Taubenpost' D 957a, die im Zentrum dieser Einspielung stehen. Als Pendant zu den Schubert'schen Liedern erklingt die Sonate für Viola und Klavier op. 147 von Dmitri Schostakowitsch. Erschienen ist die Einspielung bei CAvi-music in Kooperation mit Deutschlandradio Kultur.

Fast alle Gedichte, die Schubert in die Hände fielen, verwandelten sich in Musik. Die Beziehung von Text und Musik, die phänomenale rezeptive lyrische Begabung und seine Fähigkeit, das Wort in lebendige Klänge zu gießen, begleitete ihn zeitlebens. So wird das Lied zur zentralen Gattung seines Schaffens. Franz Schuberts erst posthum zu einem ‚Zyklus‘ geformter ‚Schwanengesang‘ D 957 umfasst seine letzten und zugleich bedeutendsten Kompositionen. Er hatte die Lieder nach Texten von Rellstab, Heine und Seidl nach der 'Winterreise' unter dem Einfluss von Beethovens Tod geschrieben; zu einer Sammlung wurden sie erst nach seinem Tod zusammengefasst. Die Bratsche als Pendant zur menschlichen Stimme ist in dieser Einspielung bei weitem keine Verengung oder Kürzung des poetischen Wortes. Pauline Sachse bringt ihr Instrument wahrhaft wunderbar zum Singen. Ihr weicher und gleichwohl wandelbarer Bratschenton erfasst die unterschiedlichen Stimmungen der einzelnen Lieder in herrlicher Weise, sie setzt gelungen Akzente und gestaltet die Phrasen stimmungsreich wie klug.

Bereits zu Beginn in der 'Liebesbotschaft' wird der schwärmende und zugleich drängende Charakter der Rellstab-Lieder deutlich. Daneben erklingen noch 'Kriegers Ahnung', 'Frühlingssehnsucht', 'Ständchen' und 'Abschied'. In 'Kriegers Ahnung' breiten beide Musikerinnen eine schwere Decke der Melancholie und Düsternis aus. Ein großartiger Kontrast zu den anderen Liedern dieser Auswahl. Skride erweist sich als versierte und farbenreich agierende Duopartnerin. Sie gestaltet die Introduktion sehr stimmungsgeladen und mit großer dynamischer Kraft. Ebenso im 'Ständchen', wo beide Instrumente in einen innigen musikalischen Dialog treten, der für sich einnimmt und gebannt lauschen lässt. Daneben gehören 'Das Fischermädchen', 'Am Meer', 'Die Stadt', 'Der Doppelgänger', 'Ihr Bild', 'Der Atlas' in die Auswahl der Heine-Lieder. In diesen kehrt sich nach und nach Hoffnung in Bitterkeit und Leid. Ausdrucksstark und dynamisch intensiv wird 'Der Doppelgänger' musiziert. Diese Intensität steigern die beiden Interpretinnen im 'Atlas' noch einmal mehr. 'Die Taubenpost' (nach Seidl) ist wahrscheinlich Schuberts letztes geschriebenes Lied und handelt inhaltlich von der Sehnsucht – ein Thema, das seine Musik beherrscht wie kaum ein anderes. Schuberts Text-Vertonungen gehen weit über ein Illustrieren hinaus und schaffen eine tiefere, zweite Ebene. Es entsteht eine weitere Dimension des inhaltlichen Erlebens und sinnlichen Erkennens. Verzichtet man in der instrumentalen Version auf den Text, wird dies umso deutlicher erlebbar und in der Interpretation umso greifbarer. Sachse und Skride schaffen es, den großen Gesamtbogen vom ersten bis zum letzten Ton zu spannen und verlieren dabei keinesfalls an Intensität – musikalisch wie lyrisch eine enorm starke Interpretation.

Was kann danach noch kommen? Das Duo hat sich für Schostakowitsch entschieden. Die beiden Interpretinnen stellen den Schubert-Liedern seine Violasonate op. 147 gegenüber. In diesem, seinem allerletztem Werk, ist der Todesbezug weniger direkt, obwohl der Komponist das Stück tatsächlich an der Klippe des Todes schrieb: Im Juni und Juli 1975 entstand die Sonate, Anfang August las Schostakowitsch die Korrekturabzüge, am 9. August starb er. Bei Werken für Viola und Klavier geschieht es häufiger, dass die Bratsche – von Haus aus nun einmal klangschwächer als eine Violine – sich nicht ausreichend entfalten kann. Keine Spur hiervon jedoch in dieser Aufnahme! Insbesondere das 'Allegretto' besticht mit seinem kecken Charakter, den beide gekonnt musikalisch umsetzten und plastisch ausgestalten. Auch hier überzeugt die zupackende dynamische wie akzentuierte Lesart der beiden Musikerinnen durchweg.

Im 'Adagio' verarbeitet Schostakowitsch einen nicht minder bekannten Satz: das 'Adagio' aus Beethovens ‚Mondscheinsonate‘ - vom Klavier frei und entfremdet erzählt. Dies arbeitet Skride hörbar heraus, drängt sich jedoch nicht vor die weiten Kantilenen der Viola. So wird Beethoven zum unsichtbaren Dritten dieser Einspielung. Das 'Adagio' bekommt etwas Zerbrechliches und Mystisches. Sachse schöpft hier aus der gesamten Bandbreite der Technik und kann den Ton mal fahl und leblos erklingen lassen und im nächsten Moment die Intensität durch den Bogendruck wieder erhöhen. Im solistischen Mittelteil stellt Sachse noch einmal ihre Virtuosität unter Beweis und steigert den Satz bis zum emotionalen Höhepunkt. Auch der anschließende Pianoabschnitt bleibt spannungsreich und energiegeladen. Mag dem zweifelnden Hörer in dieser Deutung von Schuberts ‚Schwanengesang‘ vielleicht das gesungene Wort fehlen, so packt sicherlich Schostakowitschs Violasonate und lässt einen vorerst nicht mehr los. Schlichtweg großartig!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Schubert & Schostakowitsch: Werke für Viola und Klavier

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
CAvi-music
1
20.01.2017
EAN:

4260085533718


Cover vergössern

CAvi-music

"Es muss nicht viel sein, wenn's man gut ist" heißt die Devise für das Label, das stets den Künstler in den Vordergrund stellt, das partnerschaftlich Projekte realisiert, das persönliche Wünsche und Ideen der Künstler unterstützt, das sich vorwiegend auf Kammermusik konzentriert, das handverlesen schöne Musik in hervorragender Interpretation anbietet, mit einer Künstlerliste, die sich sehen lassen kann. Eine sehr persönliche Sache, die von Herzen kommt !! Außerdem kommen neben dem Label CAvi-music auch die Labels "SoloVoce" und "CAvi-Autentica" aus dem Hause Avi-Service for music.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag CAvi-music:

  • Zur Kritik... Gut gebrüllt, Löwe!: Dieses Zitat aus William Shakespeares 'Sommernachtstraum' könnte treffender nicht sein: Das Oberon Trio feiert Geburtstag und macht zu diesem Anlass sich selbst und seinem Publikum ein Geschenk. Weiter...
    (Maxi Einenkel, )
  • Zur Kritik... Hervorragende Zeugnisse: Die Edition Klavier-Festival Ruhr dokumentiert abermals pianistisch Herausragendes der Generation U(nter) 30: Reger kommt - virtuos wie sinnlich - wieder in Mode, und auch bei Brahms sind neue, eigene Perspektiven vorhanden. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Jenseits des Schönschliffs: Die Düsseldorfer Symphoniker gehen einen neuen Mahler-Zyklus an: Neugierig macht nicht nur der aktuelle Qualitätsstand des Orchesters, sondern auch, inwieweit das Mahler-Bild Adam Fischers sich von den Budapester Einspielungen seines Bruders Ivan unterscheidet. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
blättern

Alle Kritiken von CAvi-music...

Weitere CD-Besprechungen von Yvonne Rohling:

  • Zur Kritik... Festival-Impressionen: Elektrisierende Live-Mitschnitte des Festivals Spannungen mit Streichquartetten von Giuseppe Verdi und Antonín Dvořák. Weiter...
    (Yvonne Rohling, )
  • Zur Kritik... Aufgewirbelt: Auch mit der zweiten Folge ihrer Gesamteinspielung von Mozarts Violinsonaten schicken Alina Ibragimova und Cédric Tiberghien den Hörer wieder auf Entdeckungsreise. Weiter...
    (Yvonne Rohling, )
  • Zur Kritik... Wiederaufnahme: Im Rahmen der Reihe Oxingale stellt das Label Pentatone eine Schubert-Platte des Cellisten Matt Haimovitz vor. Weiter...
    (Yvonne Rohling, )
blättern

Alle Kritiken von Yvonne Rohling...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Game of Scores: Stefan Fraas und die Vogtland Philharmonie bleiben ihrer Spezialität treu und legen ihre dritte SACD voller populärster Film- und Serien-Erkennungsmelodien von Bonanza bis zum Drachenzähmen vor. Wirklich abwechslungsreich? Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Gänsehaut-Spätromantik aus Schweden: Können nur heimische Orchester die Musik ihrer Landsleute optimal zum Klingen und Leuchten bringen? Die Aufnahme der Fünften Sinfonie von Kurt Atterberg mit dem Nationalen Schwedischen Sinfonieorchester legt dies nahe. Weiter...
    (Dr. Eckehard Pistrick, )
  • Zur Kritik... Der Klang der Reformation: Die vorliegende Aufnahme liefert einen umfassenden Querschnitt durch die Musik der Reformation. Bemerkenswert ist sowohl die differenzierte Klangsprache der einzelnen Werke als auch die Ausdrucksvielfalt der Stimmen und Instrumente. Weiter...
    (Dr. Uta Swora, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (4/2017) herunterladen (0 KByte) Class aktuell (1/2017) herunterladen (0 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Domenico Scarlatti: Sonate D-Dur K 29

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 Ensemble Armoniosa im Portrait "Unser Ensemble ist geprägt von wirklicher Harmonie"
Das Ensemble Armoniosa über seine neue CD, Historische Aufführungspraxis, gemeinsame Essen, selbstgebaute Instrumente und Musik im Internet.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich