> > > Edition Klavier-Festival Ruhr Vol. 35: Werke von Brahms, Reger & Busoni
Freitag, 18. August 2017

Edition Klavier-Festival Ruhr Vol. 35 - Werke von Brahms, Reger & Busoni

Hervorragende Zeugnisse


Label/Verlag: CAvi-music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Edition Klavier-Festival Ruhr dokumentiert abermals pianistisch Herausragendes der Generation U(nter) 30: Reger kommt - virtuos wie sinnlich - wieder in Mode, und auch bei Brahms sind neue, eigene Perspektiven vorhanden.

Man mag kaum glauben, dass dies Konzertmitschnitte sind: Das technische Niveau der sechs jungen Pianistinnen und Pianisten ist fast durchgehend so perfekt und studiogerecht wie die gelungenen Aufzeichnungen eines weitgehend natürlichen, breiten Klavierklangs, der einfach kaum Raum für Neben- bzw. Publikumsgeräusche lässt (Livemitschnitt-Gegnern zur Versicherung). Und die Souveränität der fünf Klavier-Festival-Ruhr-Debütanten des Jahres 2016 in dramaturgischer Hinsicht und hinsichtlich eigener interpretatorischer Ideen ist oft staunenswert. Größte Entdeckung in dieser Hinsicht dürfte Gina Alice sein: Ihr Vortrag von Bachs Chaconne für Solo-Violine, deren kongeniale Klavierinszenierung durch Busoni an kompositorischem Eigenwert wohl nur von Gounods 'Ave Maria' erreicht wird, besitzt einen ganz eigenen Atem im ungewöhnlichen Sinn der Pianistin für unerhörte Tempoübergänge und Klavierfarben, die auch nach Dutzenden guten Vorgängern im Gedächtnis durch überraschende Wirkungen erfreuen. Für mich eine die prominente Konkurrenz weitgehend überragende Version, gegen jede zu starre ‚neutrale‘ Grundmetrik gebürstet, wie wir sie von Weissenberg und anderen schätzen gelernt haben, konsequent erzählerisch, ja so balladesk wie die vier Balladen von Johannes Brahms, die als zweiter Beitrag der 1994 in Wiesbaden geborenen Schülerin von Lev Natochenny und Bernhard Wetz die reine Brahms-CD (Nr. 3 der Box) ebenso kompetent einleiten: Gina Alice registriert deren individuelle Verläufe hörbar beherzt und bedacht mit schön singender Hauptstimme und schön einfärbendem, aber elastischem Pedal (dessen hintergründig hörbare Betätigungsgeräusche durchaus in das weite Steinway-Panorama passen, das Tonmeister Christoph Martin Frommen den Aufnahme aus der Zeche Holland in Wattenscheid belassen hat). Da genießt, überlieferungstechnisch unverstellt, ein Jungstar wahrlich seine Arbeit mit Freude an der Dramatik!

Hervorragend natürlich eingefangener Klavierklang

Gina Alice, Fabian Müller und Christopher Park profitieren von Frommens in höchstem Maße befriedigender Klang-Reproduktion: Auch Müller, Jahrgang 1990 und im Köln-Bonner-Raum erst von Rose-Marie Zartner und dann in der Klasse von Pierre-Laurent Aimard betreut, versieht seine Charakterstück-Arbeit an Brahms‘ Zyklus op. 118 mit nicht gerade wenig Pedal, aber voller Konzentration vor allem auf rhythmische Texturen. Ein wie bei Alice grundsätzlich ausgebildetes, im Brahms‘schen Klangrausch aber nicht immer ungetrübtes Vermögen, lyrische Binnen-Prozesse durchaus mit neu-expressivem Rubato zu deklamieren, tritt auch in Busonis karg-klassizistisch-modernistischer 'Sonatina seconda' deutlich hervor, wo in Müllers überlegter Kontrastierung der ganz gegensätzlichen Ausdrucksepisoden etwa das Choralhaft-Thematische aus den von Busoni wohl Liszt und Debussy abgewonnenen Klangflächen mit mal eherner, mal verklärter Deutlichkeit herausragt und die Tempi-Kurve (mit kurzer Khachaturian-Vorahnung) einfach überzeugt. Und das gelingt auch Christopher Park in einer Version der 'Händel-Variationen' von Brahms, der gerade das sparsame Pedal bekommt und die genaue Bestimmung von Dynamik-Verhältnissen und einer klar herausgearbeiteten Polyphonie der sich von Variation zu Variation entwickelnden Haupt- und Nebenstimmen. Wie Park die Steigerungsmechanismen der letzten Variationen ausnutzt, ist überwältigend, die Tempi sind mitunter atemberaubend, einzig das Fugenende kündet von einer leichten finalen Erschöpfung – was zur kräftigen Stringenz dieser wahren Konzertinterpretation irgendwie passt und das Menschliche der Perspektive des Augenblick hervorkehrt.

Brahms variiert Händel, Reger variiert Telemann

Damit nimmt Parks wahrnehmbar auch intellektuell durchorganisierte Interpretation des einen großen Variationen-Zyklus von Brahms fast den umgekehrten Verlauf wie Joseph Moogs Vortrag der 'Telemann-Variationen' von Reger: Burschikos wird das niedliche Tanz-Thema vorgestellt, fast etwas distanziert mit Über-Stakkato im trillernden Kontrastteil. Moog, nach seinem Ruhr-Debüt 2013 sicher der inzwischen in Konzert und auf Tonträgern Etablierteste der vertretenen Star-Junioren, zeigt in den ‚handwerklichen‘ ersten Variationen Regers dann vor allem virtuose technische Klasse, nicht aber den Klangzauber, den Park oder Alice von Beginn an suchen; man hat den Eindruck, dass sich der Glemser-Schüler geradezu in Regers Klangwelt erst emotional hineinkämpfen muss, um ab Mitte des Zyklus dann ebenfalls wirklich auch durch tiefen Ausdruck zu überzeugen; in der Fuge kulminiert diese erreichte Kongruenz, so dass man zurecht den Eindruck hat, dass diese erste CD mit den beiden Variationenzyklen aus den Händen zweier Pianisten einen breiteren Klavierkosmos offeriert im Vergleich etwa mit Jorge Bolet, der einst bei Decca (1980) mit eben diesem Programm alleine sowohl bei Brahms wie bei Reger zu wenig emotional integriert wirkte. Die Live-Atmosphäre wirkt sich bei diesen beiden Werken offenbar häufig sehr inspirierend aus (der Traum einer Cherkassky-Interpretation der 'Händel-Variationen', ebenfalls um 1980 zufällig live aus dem Radio aufgezeichnet, ist immer noch meine innere Referenz dieses Zyklus, und Park kommt da wirklich heran). Joseph Moog spielt auf der zweiten CD mit Werken Regers und Busonis (respektive Bachs) gleich noch die 'Träume am Klavier': Auch dieser Reger ist hörbar von der momentanen Regung Moogs von Stück zu Stück abhängig, wie in den Variationen dabei der Klavierklang – womöglich raum- und auch spielbedingt – manchmal etwas zu klirrend, aber hautnah und in den gelungensten Kleinoden wie dem Con-moto-Brahms-Imitat und vor allem der finalen Larghetto-‚Studie‘ berührend.

Reger als ambitionierter Genre-Zeichner ‚am Kamin‘

Anna Tsybuleva zeigt in den sieben Fantasien op. 116 von Brahms und vor allem in Regers selten gehörten 'Fünf Aquarellen' op. 25 gleichwohl die Berührungspunkte beider Komponisten in polyphonem, chromatisch an der Grenze des Harmonischen vagierendem Entwickeln des motivischen Gedankenguts. Während bei Brahms die von Beginn an gut getroffenen Stimmungen von sich aus halten, gelingt der Russin – unter der deutschsprachigen Nachwuchsriege die bereits international beachtete Exotin und 2015 Gewinnerin des Jungpianisten-Grand-Slams in Leeds – das Kunststück, Regers plakativ charakteristische Stückanfänge durch die fast zu avancierten harmonischen und motivischen Verwicklungen zu führen, ohne dass sie sich im ehrgeizigen Verarbeitungswust verlieren: Auch das ist, so mit Leidenschaft und ohne didaktischen Fingerzeig auf den ambitionierten Komponisten gespielt, höchst interessante Klavierkunst. Als Rausschmeißer der letzten, reinen Brahms-CD darf dann Louis Schwizgebel die erste Rhapsodie aus Opus 79 spielen: wüst und melancholisch, wie gewohnt, und man kann sich darüber klar werden, ob man nun den durchgehend unterdrückten Live-Applaus vermisst, den sich alle sechs Pianisten dieses Ruhr-Klavier-Jahrgangs 2016 in ihren Konzerten sicher redlich verdient haben. Die Box jedenfalls sollte über die jährliche Dokumentationsfunktion hinaus als Manifest großartigen Klavierspiels Beachtung und Beifall finden.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Bisherige Kommentare zu diesem Artikel

  1. Ruhr-Festival-CD-Rezension
    Sehr geehrter Herr Hein, schön, dass Sie auf Shura Cherkasskys Spiel der Brahms'schen Händel-Variationen verweisen. Ich besitze einen Mitschnitt eines Konzertes aus Bergen, das Sie vielleicht meinten. Eine BBC-Aufnahme, die im Handel erhältlich ist, ist nicht ganz so fantasievoll ausgehört wie die Bergen-Aufführung.

    Nutzer_NHSMTQM, 24.03.2017, 17:12 Uhr
    Registriert seit: 22.06.2014

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    Edition Klavier-Festival Ruhr Vol. 35: Werke von Brahms, Reger & Busoni

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
CAvi-music
3
20.01.2017
EAN:

4260085533619


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CAvi-music

"Es muss nicht viel sein, wenn's man gut ist" heißt die Devise für das Label, das stets den Künstler in den Vordergrund stellt, das partnerschaftlich Projekte realisiert, das persönliche Wünsche und Ideen der Künstler unterstützt, das sich vorwiegend auf Kammermusik konzentriert, das handverlesen schöne Musik in hervorragender Interpretation anbietet, mit einer Künstlerliste, die sich sehen lassen kann. Eine sehr persönliche Sache, die von Herzen kommt !! Außerdem kommen neben dem Label CAvi-music auch die Labels "SoloVoce" und "CAvi-Autentica" aus dem Hause Avi-Service for music.


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