> > > unanswered love: Lieder von Reimann, Henze und Rihm
Freitag, 24. März 2017

unanswered love - Lieder von Reimann, Henze und Rihm

Lob des orchesterbegleiteten Gesangs


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Sopranistin Juliane Banse glänzt mit drei orchester- und ensemblebegleiteten Gesänge aus den vergangenen sechs Jahrzehnten.

Aufgrund seiner spezifischen Konzeption sei das Album ‚unanswered love‘, so das Label Wergo in seinem begleitenden Pressetext, für die Sopranistin Juliane Banse eine ausgesprochen persönliche Angelegenheit, enthalte es doch Werke dreier Komponisten, mit denen die Interpretin einen langjährigen Kontakt und eine intensive künstlerische Zusammenarbeit pflege oder gepflegt habe. Jenseits dieses biografischen Ausgangspunkts, der nicht unwesentlich die beiden ihr gewidmeten Werke der CD beeinflusst haben dürfte, erweist sich die Veröffentlichung als eindrucksvolle Dokumentation von Banses Fähigkeiten im Umgang mit den Hürden zeitgenössischer Idiome und ihrer vokaltechnischen Anforderungen.

Klangfarben und lyrischer Ausdruck

Eröffnet wird die Produktion von den 'Drei Gedichten der Sappho' für Sopran und neun Instrumente (2000) von Aribert Reimann (*1936). Ausgangspunkt dieser der Sopranistin zugeeigneten Komposition ist einer jener unbegleiteten Freiräume, die Reimann dem Gesang immer wieder gewährt, und in die er ihn auch am Ende wieder zurückführt: Erst allmählich – und zunächst kaum unmerklich – werden vokale Linie und instrumentale Einsätze ineinander geblendet, sodass letztere aus der Stimmäußerung herauszuwachsen scheinen. Die frappierende Wirkung dieser und ähnlicher Situationen basiert auf den vielfachen Differenzierungen der instrumentalen Klangfarben, mit denen Banses klar artikulierte Wiedergabe – manchmal im Dialog mit einzelnen Instrumenten, manchmal aber auch als Gegenüber eines harmonisch geschärften Tuttis – in Beziehung tritt. Dass es der Sopranistin dabei auf ein durchgehendes Verständnis des Textes ankommt, lässt ihren Part wie den einer Erzählerin erscheinen.

Hans Werner Henzes 'Nachtstücke und Arien' für Sopran und großes Orchester auf Gedichte von Ingeborg Bachmann (1957) bilden den Mittelpunkt der CD. Zur Entstehungszeit ein Skandal, der den Graben zwischen der Avantgarde und Henzes eigenem Schaffen vertiefte, steht die Komposition in der großen Tradition orchesterbegleiteter Liederzyklen wie Gustav Mahlers 'Lied von der Erde', Alexander Zemlinskys 'Lyrischer Sinfonie' oder Alban Bergs 'Altenberg-Liedern'. Die klangsinnliche Umsetzung bestärkt den Stellenwert dieses einzigartigen Zyklus aus drei Orchesterstücken und zwei darin eingebetteten Gesängen. Banses intensive Wiedergabe muss sich nicht hinter den Einspielungen ihrer Kolleginnen Claudia Barainsky (Capriccio, 2008) oder Michaela Kaune (Wergo, 2011) verstecken und weist einen sehr individuellen Zugang zu dem Werk auf. Die Sopranistin akzentuiert immer wieder die eingestreuten dramatischen Nuancen, bleibt dabei aber durchweg jenem lyrischen Ausdruck treu, der das Werk von Anfang an trotz gelegentlicher musikalischer Zuspitzungen durchzieht.

Dramatische Szene

Wolfgang Rihms ausgedehnte Komposition 'Aria/Ariadne' für Sopran und kleines Orchester auf Texte von Friedrich Nietzsche (2001), gleichfalls für Banse komponiert, führt die Sopranistin durch die Höhen und Tiefen einer anspruchsvollen, vor allem auf Übermittlung emotionaler Abstufungen setzenden Musik. Anforderungen wie fast farblos ausströmende Klagetöne, exaltiert herausgestoßenes Lachen oder expressive gestische Ausbrüche durchziehen das Werk und markieren teils extreme dramaturgische Situationen. Dadurch gemahnt die Konzeption an ein groß dimensioniertes, zwischen unterschiedlichsten Nuancen von Sprechen und Singen schwankendes Rezitativ, dessen szenisches Potenzial – darauf deutet der wortschöpferische Untertitel ‚Szenarie‘ – Rihm in den Details der musikalischen Texturen verankert.

Von Anfang an ist die Musik, damit dem Modell von Arnold Schönbergs 'Erwartung' folgend, ein wechselvolles Seismogramm seelischer Erregungen, in das immer wieder auch kurze Fragmente aus der Musikhistorie, etwa tonale Splitter oder gut kenntliche Akkordsignaturen, eingebettet sind. Banse durchmisst den gesamten emotionalen Raum, den ihr Rihms Musik vorzeichnet, und wartet dabei mit einem schier unerschöpflich scheinenden stimmlichen Farbenreichtum auf. Man gewinnt nicht nur den Eindruck, dass sie die im Schicksal der Ariadne vorgeprägte Situation der Verlassenheit durchlebt (wodurch sich spätestens hier der Bezug zum CD-Titel ‚unanswered love‘ einstellt), sondern dass sie dies auch unter Einsatz ihres gesamten Körpers tut, sodass die szenische Komponente für den Hörer im Grunde miterlebbar wird.

… und das Orchester

Nicht ganz mit den vokalen Qualitäten mithalten kann allerdings die Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern unter Leitung von Christoph Poppen. Zwar musiziert das Orchester auf sehr hohem Niveau, doch machen sich gerade in 'Aria/Ariadne' Probleme mit der Intonation bemerkbar. Was bei einer Live-Aufnahme zu verschmerzen wäre, sollte bei einer Studioproduktion möglichst nicht passieren: Akkordische Streicherbänder oder Flageolettpassagen könnten hier gelegentlich sauberer sein, und ebenso bleibt auch das Verhältnis zwischen Streichern und Bläsern nicht immer ganz ungetrübt. Bei Henzes 'Nachtstücken und Arien' schließlich ließe sich das orchestrale Gewebe mit etwas mehr Plastizität bei der Stimmführung- und Verflechtung gestalten, weshalb ich – trotz Banses Leistung – in diesem Fall der (auch eine ganze Spur kontrastreicher und luzider realisierten) Wergo-Produktion von 2011 mit dem NDR-Radiosinfonieorchester unter Peter Ruzicka den Vorzug gebe.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    unanswered love: Lieder von Reimann, Henze und Rihm

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
WERGO
1
10.02.2017
EAN:

4010228736021


Cover vergössern

WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag WERGO:

  • Zur Kritik... Gezimmerte Klänge: Walter Zimmermann, Jahrgang 1949, gehört zu den wichtigsten Klavierkomponisten der Neue-Musik-Szene. Seine Klavierwerke der Jahre 2001 bis 2006 sind nun von Nicholas Hodges eingespielt worden. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Weit gestreutes Repertoire: Diesmal verbindet das Ensemble Musikfabrik Kompositionen von Brian Ferneyhough, Klaus Lang, Carola Bauckholt und Jorge E. López zu einer Leistungsschau seiner musikalischen Fähigkeiten. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Traditionalist mit expressiver Kraft: Von den beiden hier zu hörenden Werken aus der Feder des lettischen Komponisten Pēteris Vasks kann vor allem das Flötenkonzert überzeugen. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
blättern

Alle Kritiken von WERGO...

Weitere CD-Besprechungen von Prof. Dr. Stefan Drees:

  • Zur Kritik... Erstklassige Quartettperformance: Mit einer exzellenten Live-Einspielung von Werken der Komponisten Emanuel Nunes, Alfred Zimmerlin, Morton Feldman und Helmut Lachenmann liefert das Arditti Quartet einen Beleg für seine beachtliche Gestaltungsfähigkeiten. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Wiederentdeckter Schatz: Der Geiger Henning Kraggerud widmet sich dem wiederentdeckten Violinkonzert von Johan Halvorsen und kombiniert es mit dem ambitionierten Gegenstück von Carl Nielsen. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Canzonensammlung aus der italienischen Spätrenaissance: Das Ensemble Le Vaghe Ninfe widmet sich in einer farbenfrohen Einspielung dem Komponisten Marc'Antonio Mazzone. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
blättern

Alle Kritiken von Prof. Dr. Stefan Drees...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Hervorragende Zeugnisse: Die Edition Klavier-Festival Ruhr dokumentiert abermals pianistisch Herausragendes der Generation U(nter) 30: Reger kommt - virtuos wie sinnlich - wieder in Mode, und auch bei Brahms sind neue, eigene Perspektiven vorhanden. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Geisterhafte Vorahnung: Das Reinhold-Quartett hat Eugen d'Alberts Streichquartette eingespielt. Weiter...
    (Miquel Cabruja, )
  • Zur Kritik... Exquisit: Eine gehaltvolle Platte, deren Programm unterstreicht, wie intensiv die Renaissance aus dem Altertum inspiriert war, über eineinhalb Jahrtausende hinweg. Darüber hinaus ein feines Ensemble-Porträt von De Labyrintho. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

SWR: Abo 7  (Live-Stream)

Anzeige

Neue Stimmen

Anzeige

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (3/2017) herunterladen (0 KByte) Class aktuell (1/2017) herunterladen (0 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Carl Friedrich Abel: Symphonie op. VII, 2 B-Dur - Allegro assai

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Julian Prégardien im Portrait "Das ganze Projekt ist eine Reise durch die Musik"
Julian Prégardien macht die Aufführungsgeschichte großer Werke anschaulich - und setzt Impulse für die Zukunft

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich